"Hat nicht Oliver Kitteridge
soeben den Pulitzerpreis für reine
Unterhaltung bekommen?
Deutscher Titel
* Blick aufs Meer*
Ich bin sicher, die Schwurbler dieser Welt konnten das
gar nicht
fassen.
Zum Dauergeschwafel der literarischen Trockenpisser
gehört doch die
Verachtung für Unterhaltung wie der verbaute Blick dafür, ab
wann
Drechselssätze ihren Sinn verlieren, und der genervten
Leserschaft
eine Gebrauchsanweisung mitgeliefert werden sollte.
Bester Beweis, die laufende Diskussion hier über das, was Literatur
unverzichtbar sei.
Blödsinn, es gibt nur einen Satz, der die Leser dieser Welt
veranlasst
ihr Geld an der Kasse einer Buchhandlung zu lassen und das ist ein Zitat
von Voltaire * jede Art des schreibens ist erlaubt, nur nicht die
langweilige*
Also hofft und erwartet er, dass dieser Anspruch nicht als überzogen gilt
sondern bedient wird."
Das wars was ich hören wollte, sie würde mich also mit ihren Texten
nicht enttäuschen. Das war gutes Potential für das, was ich im Verlag
aufbauen wollte , eine Gruppe guter Erzähler, die uns das Geld
bringen würden, das uns atmen ließ und unseren Vorstand abhielt,
Gehaltskürzungen ins Auge fassen zu müssen, von Entlassungen
ganz zu
schweigen.
Trotzdem war Herb ein ernst zu nehmender Mitbewerber, er vertrat
zwar eine Gruppe Literaten, die nie einen Bestseller schreiben würden,
aber durchaus das anboten, was die Szene hochtrabend *künstlerische
Literatur*
nannte.
Was immer das auch sein sollte, es lag wie Blei im Regal der
Buchhandlungen,
aber, es verlieh nach Ansicht unseres Vorstandes dem Verlag die Seriösität,
die er für unverzichtbar hielt.
Von rechts schnappten wir jetzt Gesprächsfetzen auf, ein gestandener Gast
um die fünfzig erklärte mit hochgezogenen Augenbrauen einem Jüngling mit
Nickelbrille auf die schüchterne Frage, was es bisher von ihm zu lesen
gebe:
1:1 übernommen aus einem öffentlichen Forum
"Nichts, was
ich für veröffentlichungswürdig zwischen zwei Buchdeckeln halte,
wenn du das
meinst. Ich bin immer noch am Üben."
Ende Kopie
Ich schätze, das wird sich kaum ändern, seine Ansprüche an
das lesende
Publikum werden wohl von diesem nie erfüllt werden können.
Dass ein
Verlag diese Hürde überspringen mag, ist dann ebenso ungewiss.
Wie auch immer, ich hatte den Eindruck, dass das heutige
Event Herb Bayer
einen Schritt nach vorne bringen würde, denn nichts beeindruckt
Geschäftsleute
wie unsere Anteilseigner mehr als Vorträge, die sie nicht
verstehen.
Es sponsert sich wahrscheinlich leichter in der Überzeugung
soeben etwas für
den Kulturbetrieb getan zu haben, während der nächste gute
Geschäftsabschluss
den Verlust hoffentlich ausgleichen würde.
Es wurde also erst einmal verstohlen gegähnt, wozu wohl auch
die belehrenden
Erkenntnisse des Abschlussredners beitrugen, der
meinte:
1.1 übernommen aus einem öffentlichen Forum
"Nein, das Beschriebene ist nicht jener
(An)Teil unter der
(Wasser)Oberfläche, so gesehen ist das Beschriebene weder
über noch unter
der Oberfläche, genaugenommen ist es gar nicht vorhanden, da
war Hemingway
doch zu sehr Realist. Es geht eben gar nicht um das
Beschriebene, das
Beschreibende ist quasi sein eigenes Objekt, es beschreibt
sich selbst und
ist damit beschreibendes und Beschriebenes in einem. Dieser
große Teil unter
der Oberfläche ist also Anteil des Beschreibenden, quasi
sein (tieferer)
Sinn, seine über die Worthaftigkeit hinausgehende
Bedeutung."
Kopie Ende
An der Stelle gabs dann heftigen Beifall und ich hatte den
Eindruck, dass der
Redner eigentlich noch mehr sagen wollte, nun aber befriedigt
das Feld räumte,
er hatte dem erkennbaren Drang der Gesellschaft zum kalten
Büfett nichts
mehr entgegen zu setzen.
Vielleicht griff auch gerade bei ihm die Theorie des
Ockhamschen Rasiermessers,
zumindest musste er davon ansatzweise schon einmal
gehört haben.
"Na", Herb Bayer fasste mich leicht am Arm, "schon fündig
geworden auf dem
Gebiet leichte Literatur, ist die kleine Rothaarige Deine
nächste Quelle?"
"Genau", antwortete ich und schüttelte ihn ab, gutes
Potential, sie sichert Dir
und mir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur die
Butter auf dem Brot.
sondern auch noch die Wurst obendrauf."
" Konfitüre bitte", lächelte Herb, "ich bin
Vegetarier."
" Jeder bekommt was er verdient," ich lächelte ebenso
zurück.
"Nicht heute Abend, ich habe eine wirklich dringende Frage
und einen Vorschlag,
ziehen wir uns für fünf Minuten von diesem Trubel zurück,
oder bist Du hierher
gekommen, das kalte Büfett leer zu räumen."
"Ja, dafür habe ich seit einer Woche gefastet und die Nähte
aus meinem Dress gelassen.
Dennoch ist meine Neugier natürlich jetzt größer als
mein Hunger, also sag schon,
worum geht es?"
" Nicht hier, gehen wir in den Salon drüben, da sind wir
ungestört."
Auf dem Weg in das angrenzende Zimmer rasten meine Gedanken.
Hatte etwa Herb bereits den Vertrag in der Tasche und wollte mir jetzt
schonend
die veränderten Betreibervehältnisse beibringen.
Dass man auf meine Zugehörigkeit zum Betrieb verzichten
wolle, überlegte
ich dagegen nicht eine Sekunde. Wir wussten alle, wer dem
Betrieb durch
seine fast unfehlbaren Scouterqualitäten die Leserschaft erhielt,
das war nach wir vor ich
und nicht Herbs künstlerich angehauchte
Literatengilde.
Würde ich zur Konkurrenz wechseln, konnten sie umsatzbedingt
einpacken.
Herb dirigierte mich zu einem der tiefen Sessel und nahm
dann selbst Platz.
" Ohne Umschweife, so liebst Du es ja Rachel," sagte er und
visierte mich aufmerksam.
"Wir wissen beide um die Möglicheit Mitbetreiber des
Verlages zu werden und mir
geht die derzeitige Situation schon eine ganze Weile
gegen den Strich, denn eigentlich
kann sich der Verlag eine solche Bevorzugung
nur einer Seite gar nicht leisten.
Ich werte das daher als den Versuch, uns beide gleichzeitig
zu enormer Leistung
zu veranlassen, mit anderen Worten, wir werden gezielt
gepuscht in der Erwartung,
wir bringen noch mehr Leistung als ohnehin
schon.
Hier also meine Idee, warum lassen wir uns das gefallen,
anstatt beide dort zu kündigen
und einen gemeinsamen Verlag zu gründen, in dem
wir dann beide genau das einbringen
können, was unsere bisherigen Arbeitgeber
mit so unverschämten Mitteln aus uns
herauspressen wollen?"
Ich saß in meinem Sessel, völlig erschlagen von dem Wissen,
ich würde mich jetzt
entweder verbissen an alle meine Vorurteile klammern, oder
der besten und sicher
auch einträglichsten Geschäftsidee aus dem Mund eines
literarischen Schwurblers
eine echte Chance geben müssen.
Ich entschied mich innerhalb des Bruchteils einer
Sekunde....weiter zuzuhören.
Nach einer Stunde intensiver Gespräche - Herb hatte
inzwischen einen vollen Teller
vom Büfett organisiert, von dem wir uns beide
bedienten - wurde, zumindest propylaktisch,
der Verlag *Herbrach* mit mehr als
nur einem Glas Sekt aus der imaginären Taufe gehoben.
Nicht, dass wir einander hätten schön trinken müssen, wir
wussten beide, die bisherigen
Auffassungsunterschiede über Literatur würden
weiter bestehen, aber...welch eine Lösung,
das Geschäft damit ab sofort in
eigener Regie durchzuführen.
Dass dies einem Einfall von Herb zu verdanken war, störte
mich nicht, eigentlich war er
doch gar nicht so verschroben wie ich gedacht
hatte, ich sollte mich wohl auch auf privater
Ebene irgendwann näher mit ihm
befassen.
So unreif zu erwarten, dass es irgendwo auf der Welt
jemanden gab, der mich permanent
glücklich machen würde, war ich zwar nicht,
aber die Möglichkeit, meine letzte Cola
in der Wüste könne Herb Bayer werden,
erschien unerwartet auf meiner Prioritätenliste ganz oben.