D R U C K

Erwachsen werde ich nächste Woche, sagte jemand im TV und ich
dachte, na Du wirst Dich wundern, man ist auch jenseits der fünfzig
noch gelegentlich zwölf und bildet sich ein, wenn schon kein
Riesenspass, so sei es doch verzeihlich, im Keller eines Gebäudes den
Telefonverteiler anzuzapfen und sich in die Leitung eines bestimmten
Teilnehmers einzuschalten.
Dieses Abrutschen in die Kriminalität ist immerhin nicht mehr
nachzuweisen, sobald man das Kabel wieder entfernt.

Ich habs dann lieber doch bei dem Plan belassen, aber nur,
weil ich nicht wusste, wie ich in den abgeschlossenene Keller kommen
sollte.
Hätte es irgendeine Möglichkeit gegeben den Verteiler zu erreichen,
den ich auf einer Inspektion leider nur durch die Gitterstäbe einer
ziemlich fest aussehenden Tür sah, dann würde ich jetzt wissen, wer
die besten Chancen hatte, demnächst die Partnerschaft in unserem
Verlag angetragen zu bekommen.

Mein Mitbewerber und Kontrahent war Herb Bayer, zugegeben, ein guter
Mann, aber ich hatte mir nicht 25 Jahre in diesem Gewerbe den Arsch
aufgerissen, um jemand anderen besser zu finden als mich.

Der Satz, zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort gewesen zu sein,
bewahrheitete sich allerdings auch in unserem Gewerbe.
Herb Bayer  war allerdings eher der Typ, der gerne Vorträge vor einem
auf Kultur getrimmten Publikum hielt, während ich mich als weiblicher Scout betätigte,
und die Szene nach vielversprechenden Autoren auf entsprechenden Events durchkämmte.
Dafür würde ich meinen Kleiderschrank langsam erweitern müssen, denn es
empfahl sich nicht unbedingt, zur Einladung der literarischen Schickeria im
gleichen Kleid aufzukreuzen wie beim Ringelpitz der Gilde, die hoffte, mit
Protestarbeiten gegen die Etablierten Profil zu gewinnen.
 
Na ja, man konnte sagen, ich war unterwegs und das nicht immer mit Vergnügen.
 
Gerade genoss ich, ein Sektglas in der Hand, Herb in Aktion und
er war schon der dritte Redner an diesem Abend, der mich
zu Tode langweilte.
Herb war in meinen Augen gelegentlich ein Schwurbler und
jetzt übertraf er sich gerade wieder selbst:
 
1:1 übernommen aus einem öffentlichen Forum 
"Künstlerische Prosa ist eigentlich immer lyrisch, deswegen fasse ich das
künstlerische Gestalten von Sprache auch gerne unter dem Begriff "Poetik"
zusammen, dozierte er  und schob sein Kinn kämpferisch vor.
"Beides, Lyrik und Prosa, ist für mich in ihrer transzendierten
Worthaftigkeit "Poesie".  Die Frage, die sich eigentlich stellt, ist also:
Wie schreibt man künstlerische Texte - und die Frage ist nun wirklich nicht
einfach zu beantworten"
 
Ende Kopie
 
Er kam in Fahrt und ich argwöhnte, dass den Teilnehmern 
 - mich inbegriffen - langsam der Angstschweiß ausbrach, er würde die Frage  nun
doch beantworten wollen, während das Catering langsam vertrocknete.
 
Mein Gesprächspartner zu diesem Zeitpunkt, eine junge kesse Person ,
die nach meiner Ansicht gutes Erzählpotential besaß, flüsterte leise:
 
"Hat nicht Oliver Kitteridge soeben den Pulitzerpreis für reine
Unterhaltung bekommen?
Deutscher Titel * Blick aufs Meer*

Ich bin sicher, die Schwurbler dieser Welt konnten das gar nicht
fassen.
Zum Dauergeschwafel der literarischen Trockenpisser gehört doch die
Verachtung für Unterhaltung wie der verbaute Blick dafür, ab wann
Drechselssätze ihren Sinn verlieren, und der genervten Leserschaft
eine Gebrauchsanweisung mitgeliefert werden sollte.

Bester Beweis, die laufende Diskussion hier über das, was Literatur
unverzichtbar sei.
Blödsinn, es gibt nur einen Satz, der die Leser dieser Welt veranlasst 
ihr Geld an der Kasse einer Buchhandlung zu lassen und das ist ein Zitat
von Voltaire * jede Art des schreibens ist erlaubt, nur nicht die langweilige*
Also hofft und erwartet er, dass dieser Anspruch nicht als überzogen gilt
sondern bedient wird."
 
Das wars was ich hören wollte, sie würde mich also mit ihren Texten
nicht enttäuschen. Das war gutes Potential für das, was ich im Verlag
aufbauen wollte , eine Gruppe guter Erzähler, die uns das Geld
bringen würden, das uns atmen ließ und unseren Vorstand abhielt,
Gehaltskürzungen ins Auge fassen zu müssen, von Entlassungen
ganz zu schweigen.
 
Trotzdem war Herb ein ernst zu nehmender Mitbewerber, er vertrat
zwar eine Gruppe Literaten, die nie einen Bestseller schreiben würden,
aber durchaus das anboten, was die Szene hochtrabend *künstlerische Literatur*
nannte.
Was immer das auch sein sollte, es lag wie Blei im Regal der Buchhandlungen,
aber, es verlieh nach Ansicht unseres Vorstandes dem Verlag die Seriösität,
die er für unverzichtbar hielt.
 
Von rechts schnappten wir jetzt Gesprächsfetzen auf, ein gestandener Gast
um die fünfzig erklärte mit hochgezogenen Augenbrauen einem Jüngling mit
Nickelbrille auf die schüchterne Frage, was es bisher von ihm zu lesen gebe:
 
1:1 übernommen aus einem öffentlichen Forum
"Nichts, was ich für veröffentlichungswürdig zwischen zwei Buchdeckeln halte,
wenn du das meinst. Ich bin immer noch am Üben."
Ende Kopie
 
Ich schätze, das wird sich kaum ändern, seine Ansprüche an das lesende
Publikum werden wohl von diesem nie erfüllt werden können.
Dass ein Verlag diese Hürde überspringen mag, ist dann ebenso ungewiss.
 
Wie auch immer, ich hatte den Eindruck, dass das heutige Event Herb Bayer
einen Schritt nach vorne bringen würde, denn nichts beeindruckt Geschäftsleute
wie unsere Anteilseigner mehr als Vorträge, die sie nicht verstehen.
Es sponsert sich wahrscheinlich leichter in der Überzeugung soeben etwas für
den Kulturbetrieb getan zu haben, während der nächste gute Geschäftsabschluss
den Verlust hoffentlich ausgleichen würde.
Es wurde also erst einmal verstohlen gegähnt, wozu wohl auch die belehrenden
Erkenntnisse des Abschlussredners beitrugen, der meinte:
 
1.1 übernommen aus einem öffentlichen Forum 
"Nein, das Beschriebene ist nicht jener (An)Teil unter der
(Wasser)Oberfläche, so gesehen ist das Beschriebene weder über noch unter
der Oberfläche, genaugenommen ist es gar nicht vorhanden, da war Hemingway
doch zu sehr Realist. Es geht eben gar nicht um das Beschriebene, das
Beschreibende ist quasi sein eigenes Objekt, es beschreibt sich selbst und
ist damit beschreibendes und Beschriebenes in einem. Dieser große Teil unter
der Oberfläche ist also Anteil des Beschreibenden, quasi sein (tieferer)
Sinn, seine über die Worthaftigkeit hinausgehende Bedeutung." 
Kopie Ende
 
An der Stelle gabs dann heftigen Beifall und ich hatte den Eindruck, dass der
Redner eigentlich noch mehr sagen wollte, nun aber befriedigt das Feld räumte,
er hatte dem erkennbaren Drang der Gesellschaft zum kalten Büfett nichts
mehr entgegen zu setzen.
Vielleicht griff auch gerade bei ihm die Theorie des Ockhamschen Rasiermessers,
zumindest musste er davon ansatzweise schon einmal gehört haben.
 
"Na", Herb Bayer fasste mich leicht am Arm, "schon fündig geworden auf dem
Gebiet leichte Literatur, ist die kleine Rothaarige Deine nächste Quelle?"
 
"Genau", antwortete ich und schüttelte ihn ab, gutes Potential, sie sichert Dir
und mir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur die Butter auf dem Brot.
sondern auch noch die Wurst obendrauf."
 
" Konfitüre bitte", lächelte Herb, "ich bin Vegetarier."
 
" Jeder bekommt was er verdient,"  ich lächelte ebenso zurück.
 
"Nicht heute Abend, ich habe eine wirklich dringende Frage und einen Vorschlag,
ziehen wir uns für fünf Minuten von diesem Trubel zurück, oder bist Du hierher
gekommen, das kalte Büfett leer zu räumen."
 
"Ja, dafür habe ich seit einer Woche gefastet und die Nähte aus meinem Dress gelassen.
Dennoch ist meine Neugier natürlich jetzt größer als mein Hunger, also sag schon,
worum geht es?"
 
" Nicht hier, gehen wir in den Salon drüben, da sind wir ungestört."
Auf dem Weg in das angrenzende Zimmer rasten meine Gedanken.
Hatte etwa Herb bereits den Vertrag in der Tasche und wollte mir jetzt
schonend die veränderten Betreibervehältnisse beibringen.
Dass man auf meine Zugehörigkeit zum Betrieb verzichten wolle, überlegte
ich dagegen nicht eine Sekunde. Wir wussten alle, wer dem Betrieb durch
seine fast unfehlbaren Scouterqualitäten die Leserschaft erhielt, das war nach wir vor ich
und nicht Herbs künstlerich angehauchte Literatengilde.
Würde ich zur Konkurrenz wechseln, konnten sie umsatzbedingt einpacken.
 
Herb dirigierte mich zu einem der tiefen Sessel und nahm dann selbst Platz.
 
" Ohne Umschweife, so liebst Du es ja Rachel," sagte er und visierte mich aufmerksam.
 
"Wir wissen beide um die Möglicheit Mitbetreiber des Verlages zu werden und mir
geht die derzeitige  Situation schon eine ganze Weile gegen den Strich, denn eigentlich
kann sich der Verlag eine solche Bevorzugung nur einer Seite gar nicht leisten.
Ich werte das daher als den Versuch, uns beide gleichzeitig zu enormer Leistung
zu veranlassen, mit anderen Worten, wir werden gezielt gepuscht in der Erwartung,
wir bringen noch mehr Leistung als ohnehin schon.
Hier also meine Idee, warum lassen wir uns das gefallen, anstatt beide dort zu kündigen
und einen gemeinsamen Verlag zu gründen, in dem wir dann beide genau das einbringen
können, was unsere bisherigen Arbeitgeber mit so unverschämten Mitteln aus uns
herauspressen wollen?"
 
Ich saß in meinem Sessel, völlig erschlagen von dem Wissen, ich würde mich jetzt
entweder verbissen an alle meine Vorurteile klammern, oder der besten und sicher
auch einträglichsten Geschäftsidee aus dem Mund eines literarischen Schwurblers
eine echte Chance geben müssen.
 
Ich entschied mich innerhalb des Bruchteils einer Sekunde....weiter zuzuhören. 
 
Nach einer Stunde intensiver Gespräche -  Herb hatte inzwischen einen vollen Teller
vom Büfett organisiert, von dem wir uns beide bedienten - wurde, zumindest propylaktisch,
der Verlag *Herbrach* mit mehr als nur einem Glas Sekt aus der imaginären Taufe gehoben.
 
Nicht, dass wir einander hätten schön trinken müssen, wir wussten beide, die bisherigen
Auffassungsunterschiede über Literatur würden weiter bestehen, aber...welch eine Lösung,
das Geschäft damit ab sofort in eigener Regie durchzuführen.
 
Dass dies einem Einfall von Herb zu verdanken war, störte mich nicht, eigentlich war er
doch gar nicht so verschroben wie ich gedacht hatte, ich sollte mich wohl auch auf privater
Ebene irgendwann  näher mit ihm befassen.
So unreif zu erwarten, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gab, der mich permanent
glücklich machen würde, war ich zwar nicht, aber die Möglichkeit, meine letzte Cola
in der Wüste könne Herb Bayer werden, erschien unerwartet auf meiner Prioritätenliste ganz oben.