Auf einmal stellen Sie fest, dass in Ihrem Leben nichts mehr so ist, wie Sie es für sich geplant haben.
Alles läuft schief, Sie fühlen sich erschöpft, kraftlos und völlig überfordert.


Ich helfe Ihnen die Chance zu erkennen, die hinter einer solch schweren Krise steckt. "

Klar, der Sermon konnte nur auf dem intellektuellen Bodensatz einer Lebensberaterin gediehen sein und
ich gedachte nicht, ihr mit der Behandlung meiner Lebenskrise den nächsten Ferienaufenthalt auf

Martha's Vineyard zu finanzieren, zumal die Gute auf dem Werbefoto aussah, als habe ihr Jemand mit einem
Tacker das Lächeln unter der Nase auf Dauergrinsen gepolt.


Es erschien mir wenig sinnvoll, mein Dilemma mit einer Person auflösen zu wollen, die auf mich wirkte,
als brauche sie die angebotene Hilfe selbst.


Was war wirklich passiert?

Im Telegrammstil:

40 geworden
Ehemann auf der eigenen Geburtstagsfeier mit bester Freundin kopulierend im familieneigenen
Mercedes SL in der Garage erwischt.

Job auf der Kippe wegen drohender Insolvenz meines Brötchengebers.


Rumzuheulen entfiel, denn immerhin war Margret, meine beste Freundin, dafür nicht mehr greifbar, das Luder.
Meine Multidilemma in meiner Familie auszubreiten ging kaum, ohne alle unerquicklichen Begleitumstände
zu schildern, wonach nie sicher war, ob ich mich mit

dem Mitgefühl meiner beiden Schwestern nicht noch mieser fühlen würde, denn beide hatten meinen Ernst
nie wirklich gemocht.

Eltern, denen ich jammernd mein Rückkehr ins Kinderzimmer ankündigen konnte, gab es schon lange nicht mehr.
Kinder hatten wir keine, weil Ernst der Ansicht war, das Leben zu genießen ginge nur ohne Ballast.

Mir fehlte an diesem Morgen nur noch ein Eiterpickel auf der Nase, um mit suizidalen Absichten schwanger
zu gehen. Solche ins Auge zu fassen, verbot sich allerdings, weil beide Augen wegen einer fundamentalen

Bindehautentzündung aussahen wie bei einem Albinokaninchen.

Ich fand schon immer, dass sich Lebenseinbrüche erheblich leichter überstehen lassen, wenn man mit dem
Äußeren eines Topmodells gesegnet ist und hinter der nächsten Ecke jede Menge neue Chancen geboten werden.


Die meinen glänzten eher durch Abwesenheit, es sei denn, ich beschloss, der Lebensberatungs-Tussi
abzunehmen, dass jede Lebenskrise mit neuen Chancen einher gehe. Zwar nicht auf Anhieb zu erkennen,
- wie sie zu bedenken gab - zu deren Wahrnehmung sie mir dann aber - natürlich gegen entsprechendes
Honorar - bereitwilligst verhelfen werde.


Unser ganzes Leben planen wir die Zukunft.
Unsere tiefsten Ängste gelten dem Unvorhersehbaren, das jede Planung auslöschen könnte, als habe es
sie nie gegeben, aber diese Planung umfasst auch alle unsere Hoffnungen.

Und dann offenbart sie sich, diese Zukunft und....ist nie so, wie wir sie uns vorgestellt haben.

Die meine lag gerade in Scherben und nichts daran entsprach meinen Hoffnungen, aber auch nicht meinen
Ängsten, denn dass ich meine Situation nicht nur realistisch betrachten, sondern das Ergebnis dieser
Betrachtung auch in neue Pläne umzusetzen hatte, war mir völlig klar.


Im Laufe eines Tages bescheint die Sonne eben auch die andere Straßenseite, es war also logisch,
dass dies dann nicht immer die Straßenseite sein konnte, auf der ich mich gerade befand.

Das mag fatalistisch klingen, aber es ist ohnehin ratsam, Dinge, die man nicht ändern kann,
fatalistisch zu betrachten.


Eine Lebensberaterin war also das Letzte, womit ich mich aufhalten konnte, es galt vielmehr handfeste Strategien zu entwickeln und zwar solche, die mir zunächst das finanzielle Überleben sicherten und dann
auch das emotionale.

Das wiederum warf die Frage auf, sollte ich - wenn mein Brötchengeber wirklich dicht machte -
als selbständige Lektorin ins bekannte Business einsteigen, oder gar die Seite wechseln und mich
als Schriftstellerin mit immerhin guten Verlagskontakten niederlassen.


Ob man als Autor eine Botschaft vermitteln muss, um einen Bestseller zu schreiben, war ohnehin
zweifelhaft, dazu hatte ich zudem auch nicht das geringste Talent.

Aber gute Unterhaltungsliteratur, also die traute ich mir durchaus zu, und einen Literaturagenten
 würde ich nicht brauchen um die Verlagsfront zu knacken. Ich kannte nicht nur alle Kollegen
der Konkurrenz, sondern von gemeinsamen Messe-Veranstaltungen auch die Bosse der Branche.


Da mein Spiegel zu sagen schien " wer zur Hölle bist denn Du", führte mich mein erster Gang in die
Apotheke, wo ich dann nach einer umfassenden Beratung über Bindehautentzündungen, mit den
notwenigen Medikamenten diesem Problem gezielt zu Leibe rückte.


Mein fremd kopulierender Ehemann nötigte mir im Moment keine Entscheidung darüber ab, ob ich
 ihn rausschmeiße oder selbst das Haus verlasse, denn er hatte es vorgezogen, am Morgen nach
der jäh von mir unterbrochenen Beglückung meiner Freundin Margret eine längere Geschäftsreise anzutreten.

Das war seine übliche Reaktion, Problemen aus dem Weg zu gehen, nur würde sie ihm diesmal
nichts nützen, er stand auf der Abschussliste.


Die Zeit war zwar ein tückisches Miststück und durchaus in der Lage, grenzenlose Enttäuschung
oder rasende Wutanfälle zu relativieren, aber dergleichen würde ich ihr diesmal nicht erlauben.


Ich beabsichtigte nicht, diese Ehe fortzuführen.
Bei genauer Prüfung überwogen längst deren negative Begleiterscheinungen und ich ging davon aus,
dass sich dies jenseits der Vierzig kaum zu einem neuen Liebesfrühling entwickeln würde.

Kurz und gut, ich bezahlte längst zuviel für etwas, dass ich schon seit Jahren nicht mehr bekam.

Ich handelte schnell und präzise.
Ernst hatte unser Haus vor Jahren aus Steuergründen auf mich überschrieben und so kostete es mich kein Mühe,
es einem Makler anzubieten.

Dieser kam, sah und kaufte  - für den Eigenbedarf -..
Zuweilen haben auch Pechvögel eine Miniglückssträhne, die meine hielt an, denn der Käufer übernahm
zu einem angemessenen Preis auch alle Einrichtungsgegenstände, ich hatte nur noch meine persönlichen
Sachen zu packen und diesem Haus und damit Ernst - und unserer Ehe - den Rücken zu kehren.


Da ich nicht vor hatte, mich unrechtmäßig zu bereichern, überwies ich die Hälfte des erzielten
Kaufpreises auf sein Konto und schickte ihm eine SMS mit den Fakten. Er würde seine persönlichen
Dinge in einem Lagerhaus vorfinden.

Seine Reaktion war mir egal, für mich begann ab diesem Termin das Trennungsjahr.

Und dann stellte das Schicksal erneut die Weichen.
Mein Brötchengeber bot freiwillig Ausscheidenden eine Abfindung an und da ich seit zwanzig Jahren
im Betrieb war, war diese für mich durchaus ansehnlich.

Ohne Bedauern schied ich innerhalb eines Tages aus und weil erkennbar die Zeit der rasanten
Entschlüsse angebrochen schien, hatte ich mich schon vor dem Ende dieser ereignisreichen Woche
auf den Weg in einen kleinen Ort an der Nordseeküste gemacht, wo ein hübsches kleines Haus auf mich wartete.




Der ideale Platz für eine angehende Autorin wirklich das zu machen, was sie sich zutraute, nämlich
Kurzgeschichten, Essays und Kolumnen für Magazine und Frauenzeitschriften zu verfassen.

Ob ich mich je an einen Roman wagen würde, blieb erst einmal offen, denn ich hatte genug damit zu tun,
mich dort einzurichten und alle Kommunikationsmöglichkeiten, wie Internetanschluss, Fax und
Flatrate-Telefon installieren zu lassen.

Aus meinem bisherigen Dunstkreis verschwand ich, ohne eine Spur zu hinterlassen, denn wie hektisch
auch immer meine Aktivitäten in dieser Woche gewesen waren, ich brauchte jetzt erst einmal eine
Auszeit um meine Wunden zu lecken.


Aber..ich verkroch mich nicht.
Am ersten Abend meines Einzuges besuchte ich die Ortskneipe Nummer EINS.
Es gab derer nur zwei, aber die freundliche Besitzerin des nahe gelegenen kleinen Supermarktes,
die mir dabei geholfen hatte, meinen leeren Kühlschrank seiner Bestimmung zuzuführen, erzählte
während unseres kleinen Plausches, dass Kneipe Nummer Zwei eher für die Touristen und Feriengäste
mit Verwöhnansprüchen gedacht sei, Nummer EINS dagegen Anlaufpunkt der Ortsansässigen war.

 
Das waren die Kontakte die ich nicht nur brauchte, weil sie mir auf einfachstem Wege zu den
Ansprechpartnern für Reparaturen, Arztbesuchen, Apothekerdiensten und den kulturellen Angeboten
des kleinen Ferienortes verhelfen würden, sondern auch beständig blieben, sobald ich als Zugezogene
akzeptiert war.

Genau dazu aber musste ich mich so weit öffnen, dass Nachbarn und Honoratioren wussten, mit wem sie
es zu tun hatten.


Als ich diesen gastlichen Ort gegen Mitternacht verließ, war daran kein Zweifel mehr und...ich hatte
auf diese Weise, den Bürgermeister, die Apothekerin und den Leiter der Handwerksinnung kennen
gelernt, was dann erfreulicherweise meine Anmeldung am nächsten Tag ebenso vereinfachte,
wie die Installation der Technik in meinem Haus unglaublich beschleunigte.

Schon zwei Tage später startete ich per Mail und Telefon den Großangriff auf die Printmedien der Republik.
Die Ansprechpartner kannte ich nicht nur alle namentlich, sondern auch aus vielen gemeinsamen
Meetings der Sparte, wusste also, kommentarlos abwimmeln würde mich niemand.

Mit einem durchschlagenden Erfolg rechnete ich trotzdem nicht, es gab mit Sicherheit bestehende
Verträge mit Textlieferanten, den Fuß in die Tür zu kriegen würde also dauern.

Die Ausbeute war dann auch eher spärlich.
Mein Angebot weckte zwar freundliches Interesse, aber nur auf zwei von 12 Offerten bekam ich einen
Themenvorschlag, dessen Ausarbeitung man wohlwollend zu prüfen versprach.

Selbst wenn das zu einer Dauerbeschäftigung werden sollte, ernähren würde es mich nicht.

Da ich nicht vor hatte, die letzten Tausender anzugreifen, die mir nach dem Erwerb des kleinen
Hauses geblieben waren, sah ich mich innerhalb des Ortes nach einer Zusatzbeschäftigung um.


Der entscheidende Hinweis kam von der Apothekerin Luise, mit der ich mich inzwischen angefreundet hatte.
Sie machte mich auf eine Werbeagentur am Rande der Ortschaft aufmerksam, ein lang gestrecktes
weißes Gebäude mit großen Atelierfenstern zur Seeseite.

Mein Ansprechpartner werde dort Lars Berger sein, ließ Luise mich wissen, der im Ort zwar als
distanzierter Zugezogener bekannt war, von dem man aber darüber hinaus nur wusste, dass er
von seinen Angestellten als Workaholic bezeichnet wurde, zu dem niemand persönlichen Kontakt hatte.

Die Einheimischen bewunderten nur sein Boot und seine Segelkünste.
Schon einen Tag später kreuzte ich dort auf, mit gut recherchiertem Internetwissen über diese
Agentur und bewaffnet mit einer umfassenden Bewerbungsmappe,

 
Weit kam ich damit allerdings nicht.
Die Wasserstoff-Blondine an der Rezeption streckte ihren Superbusen über das elegante Möbel,
das ihren Bereich von der Empfanghalle trennte und ließ mich mit der Aussage stehen,
es werde derzeit kein Personal gesucht.


Nur widerwillig nahm sie meine Mappe in Empfang und ich konnte mir leicht vorstellen, dass diese
nie einen Personalchef - falls es den hier geben sollte - erreichen und schon gar nicht Lars Berger
vorgelegt würde.

Nicht jedenfalls, wenn diese Alptraum auslösenden Kunstfingernägel sie dorthin zu tragen hatten.

Warum mir genau in diesem Moment das Herbstgedicht von Rilke in den Sinn kam,

"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben" 

hätte ich später nicht zu sagen gewusst.
Auf jeden Fall löste es einen von Zukunftsängsten getriebenen Frontalangriff aus.
Mit einem blitzschnellen Griff, riss ich der Blondine meine Mappe aus den Händen und sagte kess:
" Das verstehe ich aber nicht, Herr Berger hat mich doch ausdrücklich für heute zum Gespräch gebeten."

"Habe ich das?"
Die Stimme in meinem Rücken klang leicht amüsiert.
Ich drehte mich so flott um, dass ich die Balance verlor und dem Mann hinter mir direkt in die Arme fiel.
Reaktionsschnell wurde ich aufgefangen und ehe das Ganze peinlich werden konnte, samt meinen Unterlagen
zu einem der Besuchertische geführt.


" Sie haben ganze fünf Minuten, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht meine Zeit mit Ihnen
verschwende ," sagte Lars Berger und seine grauen Augen musterten mich aufmerksam.


" Ich bin Lektorin und damit auch Texterin," behauptete ich unverfroren, "traue mir also zu,
innerhalb einer Werbeagentur gute Arbeit leisten zu können, ob ich in ihrem Haus in die
Kreativschmiede passe, möchte ich gerne beweisen dürfen, was ich brauche, ist also eine ehrliche Chance."

 
Während ich sprach hatte Lars Berger konzentriert in meiner Mappe geblättert und ich konnte ihn
ungestört beobachten.

Er mochte Mitte bis Ende vierzig sein, sein Haar war bereits ergraut, was einen hinreißenden
Kontrast zu der gebräunten Haut ergab, er war groß und wirkte ziemlich sportlich.

Ein gut aussehender Mann, aber mit Sicherheit nicht die Sorte, die wegen eines so unvorhergesehenes
Ereignisses, wie es meine dreiste Lüge war, Entscheidungen treffen würde, die ihm nicht ins Konzept passten.


Schon stand er auf und sagte schon im Gehen, "Sie kriegen diese Chance, verfassen sie bis morgen
einen Werbetext über ein Produkt ihrer Wahl und achten Sie auf Kürze, Prägnanz und Humor.

Lassen Sie sich am Empfang meine Mailnummer geben, ich will Sie hier nicht mehr sehen,
bis Sie dazu eine Aufforderung bekommen".

Sprachs und verschwand hinter einer der weißlackierten Türen.

Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Mir war eines klar, wenn ich diese
Chance verpasste, würde ich mich in ernsten finanziellen Schwierigkeiten befinden, ganz davon
abgesehen, dass sich mein dreister Vorstoß bei einem Mißerfolg blitzschnell im Ort herumsprechen
würde, dafür garantierte schon die Dame am Empfang, die das Kurzgespräch mit ihrem Boss
mißtrauisch aus der Entfernung verfolgt hatte.


Nie in meinem Leben habe ich so hart gearbeitet wie an diesem Tag und in der ganzen
darauffolgenden Nacht.

Ich recherchierte pausenlos im Internet, um mir die erfolgreichsten Werbespots der Welt anzusehen.
Mein Selbstbewusstsein sank vorübergehend in den Keller angesichts der genialen Kreativität auf
die ich dort stieß.

Gegen Mitternacht war klar, wenn ich punkten wollte, dann musste ich zu meinem Text eine Idee
für das Video abliefern, die diesen Text transportieren sollte..und...ich durfte mir kein imginäres
Duftwässerchen oder ein Modelabel dafür aussuchen, sondern einen Gegenstand, mit dem
mein potentieller Arbeitgeber nicht rechnete.


Am Morgen gegen sieben stand ich erschöpft und völlig ausgepowert unter der Dusche,
aber bereit, das Wagnis einzugehen, Lars Berger Idee und Text zu einem Spot über Autoreifen vorzulegen,
der auf humorvolle Weise das technische Unverständnis der holden Weiblichkeit auf die Schippe
nahm, wie auch die duldsame Überlegenheit der Männerwelt leicht karikierte.

Drei Tage später hatte ich nicht nur meinen Anstellungsvertrag in der Tasche, sondern auch die
Zusage, zu Hause arbeiten zu dürfen. Das hatte dann allerdings einer knallharten Überzeugungsarbeit
meinerseits bedurft, an deren Ende der Personalchef sich dann doch die Zustimmung von
Lars Berger einholte.


Ich würde auf keinen Fall mehr eingleisig fahren, die Option - neben meiner Arbeit für die Agentur -
meine schriftstellerischen Ziele weiter zu verfolgen, wollte ich mir nicht nehmen lassen.


Mein Leben war wieder planbar geworden.

Je länger der Mensch plant, umso sicherer trifft ihn der Zufall, das hatten wir ja schon.

Wann meine Stresssituation es zum ersten mal zuließ, diesem Zufall - auch Schicksal genannt -
eine Chance einzuräumen, dazu bedurfte es Dutzender Treffen und Besprechungen mit
Lars Berger in meinem Haus und mindestens zwölf Einladungen auf sein Boot.


Ein Jahr später, 3 Monate vor der Geburt unserer gemeinsamen Tochter Marie , bekam ich den
romantischsten Antrag meines Lebens und wusste endgültig, Krisen und Chancen bedingen einander