B R Ü C K E N
Annabell und Leander (ein modernes Märchen)
Beide, Annabell ebenso wie Leander, waren Nichtsesshafte,
im Volksmund schlicht und einfach Penner genannt.
Die Großstadt war ihr Revier.
Natürlich hießen sie auch nicht
Annabell und Leander, diese blumigen
Namen hatten sie sich gegenseitig nach der
ersten, gemeinsam
verbrachten Nacht gegeben.
Heißt es nicht, Verliebte können
über einen Regenbogen gehen,
der Regenbogen sei die Brücke der Sehnsucht?
Der Regenbogen, über den Annabell und
Leander sich hätten
näherkommen können, fiel schon deswegen
aus, weil diese fragile
Konstruktion beide nicht getragen hätte.
Annabell wog etwa 80 kg , war also eher Walküre
als Elfe
und Leander hätte ohnehin in seinem zumeist
angesäuselten Zustand keine drei Sekunden
die Balance
auf einer Regenbogenbrücke halten können.
Anna Gehlen bezog ihre Einkünfte aus dem
täglichen Verkauf einer
Obdachlosenzeitung, mit der sie sich vor den
Aldi-Läden die Beine in
den Bauch stand und darauf wartete, dass die
eine oder andere eilige
Hausfrau, ihr den Euro aus einem der Einkaufswagen
überließ.
Leo Drossel dagegen war ein Künstler.
Zumindest wenn er seine Fiedel
unters Kinn klemmte und in den Fußgängerzonen
Improvisiertes aus
dem Repertoire Ich-weiß-nicht-was-soll-es-bedeuten
zum Besten gab, immer gewärtig,
vor den Ordnungshütern flüchten
zu müssen, denn eine Erlaubnis für
diesen Dienst an der Menschheit hatte er natürlich
nicht.
Anna fiel ihm zum erstenmal auf, als er einen
Teil seines
Verdienstes in Aldi-Schnaps umsetzte und
ihren mißbilligenden
Blick spürte, als er gleich vor der Tür
die Buddel gierig ansetzte.
"Is wat Mächen?"
Er grinste sie fröhlich an, war ja propper
die Deern. Vielleicht eine
Spur zu üppig, aber blitzsauber.
Na ja, runtergekommen und dreckig hätte
man sie wohl kaum für
diesen Zeitungsjob zugelassen, sie war also
das, was er eine
Edelpennerin nannte, wahrscheinlich auf dem
Weg, sich ganz aus der
Szene zu lösen, wenn sie es denn schaffte.
"Machse auch mal," er hielt ihr auffordernd
die Flasche hin und
lachte, als sie angewidert den Kopf abwandte.
"Na na, Fräulein, nimm schon, zaubert
Rosen in Dein Leben und
Wärme in den Bauch,
Du siehst aus, als könnteste beides gebrauchen."
"Scher Dich weg, Du vermasselst mir das Geschäft,"
zischte sie und
presste die Lippen mißbilligend aufeinander.
"Zicke," murmelte er, "Leo hat sich noch niemandem
aufgedrängt und
wird in seinen alten Tagen damit nicht anfangen".
Er sah sie mit
hochgezogenen Augenbrauen an, Spottlust in
den Augen und sagte ,
"Gestatten Gnädigste mich vorzustellen
und gleichzeitig zu
verabschieden.
Mein Name ist Leo Drossel, was - ich bitte
um Beachtung -
nicht bedeutet, dass ich aus dem Hause derer
von und zu
Schnapsdrossel stamme , also bitte keine Wortwitze."
Er lüftete heiter seine speckige Mütze
und wollte sich schon abwenden,
als er den Anflug eines Lächelns in ihren
braunen Augen sah.
Er machte eine elegante Kehrtwendung , betrachtete
sie aufmerksam und
die Lachfältchen um seine Augen vertieften
sich.
" Mein schönes Fräulein, darf ich
wagen, meinen Arm und Geleit Ihr
anzutragen?"
" Bin weder Fräulein, weder schön,
kann ungeleitet nach Hause gehn"
erwiderte sie und sah ihn keck an.
"Potzblitz, wir sind ja belesen und wie, Leo
strahlte. " Literarischer
Schaumschläger oder Schauspielerin ohne
Rolle, dafür aber auf der Rolle?“
„Letzteres,“ sie grinste jetzt übers ganze
Gesicht und Leo sah mit Entzücken,
dass ihr Gebiss lückenlos war, keine
Spur von Verfall oder Vernachlässigung,
er war hingerissen.
„Hoppla, wann war denn Dein letztes Engagement,
ich wette, Dich hätte
ich gerne gesehen, als ich noch durch den
Vordereingang des
Schauspielhauses durfte.“
Ihr Gesicht verdüsterte sich, als habe
sie bereits unfreiwillig zuviel
von sich preisgegeben.
"Pardon Schönste, ich hatte nicht vor,
auf dem Parkplatz bei Aldi Deine
Vergangenheit aufzurollen. Dazu gehört
mehr Atmosphäre, wie wär's bei
einer Pizza mit dem Belag Deiner Wahl, zelebriert
bei Kerzenschein und
einem süffigen Aldi-Sekt, mitten auf
der nächtlichen Yachthafenbrücke.?
"Was? Das liebe ich ja, das Angebot meines
Lebens unmittelbar vor dem
endgültigen Absturz ins Matronenzeitalter".
Jetzt lachte sie übers
ganze Gesicht, und die Sommersprossen auf
ihrer Nase tanzten.
" Zumindest Dein Timing ist bemerkenswert".
"Ich weiß, ich weiß," er schwenkte
fröhlich seine Buddel.
"Meinereiner war mal einer von der Sorte für
die Zeit Geld ist",
sagte Leo, sah aber nicht so aus, als betrübe
ihn der Blick auf seine
Vergangenheit sonderlich.
"Obendrein ist der Spruch ein Ideen-Klau aus
der Fernsehwerbung.
Man stiehlt eben wo man kann und ein besserer
Trick,
Dir gleichzeitig mein Domizil zur Besichtigung
anzubieten,
fiel mir nicht rechtzeitig ein.
Allerdings ist meine Behausung nicht vor 24
Uhr vorzeigbar,
dann erst gehört mir die kleine Brücke
ganz.
Vor allem aber der Schlafplatz darunter."
" Ach so," sie zog süffisant die Augenbrauen
hoch, "Berbermilieu.
Nein danke, das ist nicht unbedingt meine
Welt."
Jetzt hatte ihr Gesichtsausdruck etwas so
Ablehnendes, dass Leo
Drossel in gespieltem Entsetzen einen kleine
Hüpfer rückwärts machte.
" Um Himmelswillen, willst Dich wohl als Edelpennerin
versuchen.
Na dann, ich verkneife mir lieber mal die
Frage, der wievielte Anlauf das gerade ist."
Leo wandte sich ab, als sei sein Interesse
an ihr erloschen .
Seltsamerweise passte ihr das gar nicht. Sie
hätte nicht sagen können,
wieso ihr so daran lag, ihn zu überzeugen,
sie wusste nicht einmal
genau, ob sie nicht doch eher sich selbst
überzeugen wollte, als sie
hinter ihm herrief; " Den einen trägt,
den anderen ersäuft die Woge
des Schicksals."
Ohne sich umzudrehen, sprang Leo Drossel mit
einem komisch wirkenden
Sprung in die Luft, schlug die Hacken zusammen
und rief fröhlich,
"Aber pass trotzdem auf, dass Dich die Schicksalswoge
nicht genau dann
unter sich begräbt, wenn Du am wenigsten
damit rechnest."
Das war die erste Begegnung der beiden und
die nächste ließ nicht
lange auf sich warten.
Es regnete seit Tagen. Das naßkalte
Sauwetter war geeignet, jegliche
Lust am Aufenthalt auf der Straße im
Keim zu ersticken.
Anna Gehlen konnte sich allerdings um die
Launen des Wettergottes
nicht kümmern. Sie hatte Dienst vor der
Stadtbibliothek in der ab dem
frühen Abend eine Lesung bedeutender
Literaten vor wohlsituiertem
Publikum stattfand.
Das hieß abkassieren, denn die Besucher
- zumeist Mitglieder der
stadtbekannten Oberschicht, die sich zur gemeinsamen
Wohltätigkeit
anläßlich wechselnder Events zusammenfand
- waren bereits auf einen
karitativen Abend eingestellt. Annas bescheidener
Wunsch, sich ein
Stück vom Kuchen der Mildtätigkeit
zu sichern, wurde erwartet und
zumeist auch erfüllt.
Doch diesmal war alles anders.
Die Besucher hasteten aus ihren feudalen Limousinen,
einzig bemüht,
ins Trockene zu kommen. Niemand nahm sich
die Zeit, der weiblichen
Gestalt neben dem Eingang, die unter einem
überdimensionalen
Regenmantel mit Kapuze fast verschwand, auch
nur einen Blick zu
gönnen.
Anna sah alle Felle davonschwimmen. Das würde
ein absoluter
Reinfall werden. Sie konnte sich die Enttäuschung
ihrer Gruppe
schon vorstellen.
Inzwischen fror sie bis ins Gedärm und
war zitternd bemüht, ihre
Zeitschrift so im Licht der Portalbeleuchtung
zu präsentieren,
dass wenigstens einige der Vorbeieilenden
bemerken würden, dass
Wohltätigkeit nicht erst im Inneren der
Bibliothek beginnen musste.
" Das klappt so nie" sagte plötzlich eine
heitere Stimme neben ihr.
Leo Drossel nahm ihr den Packen Zeitschriften
aus der Hand, drängte die
widerstrebende Anna unter den Vorbau der Bibliothek,
damit sie wenigstens
mit dem Rücken im trockenen Bereich stand
und schrie;
" Hi Leute, was ist denn los mit Euch, blind,
taub, uninteressiert?
Das wollen wir doch gar nicht erst einreißen
lassen .
Es ist zwar der Sinn der Ideale, dass sie
nicht verwirklicht werden können,
sagt Fontane, aber hier meine verehrten Herrschaften,
dürfen Sie Ihre Ideale verwirklichen.
Sorgen sie dafür, dass diese nasskalte
kleine Schönheit
nicht erst einen Striptease hinlegen muss,
um Ihrer Aufmersamkeit sicher zu sein.
Wie wärs also mit einer Spur weniger
Egoismus und einem Hauch mehr
Einfühlungsvermögen?"
" Lieber Himmel," eine ältere Dame blieb
abrupt stehen und wandte sich
erzürnt an ihren Begleiter.
"Wieso siehst Du sowas nicht Theo."
Theo sah etwas bedeppert aus, klaubte aber
pflichtschuldigst seine Brieftasche
aus dem Kaschmirmantel.
Er balancierte seinen Schirm ungeschickt über
dem wohlfrisierten Haupt seiner Dame,
wobei ein Schwall Regenwasser sich in deren
hochgetürmte Frisur ergoß und dann
gelang es ihm unter ihrem wütenden Protest
doch noch, ein paar Scheine in Leo Drossels
hingehaltene Mütze zu werfen.
" Güte steckt an meine Herrschaften, wie wärs, wenn Sie sich infizieren ließen"
Leo wedelte mit seiner Mütze vor einer
weiteren Gruppe die eilig aus dem Regen
ins Trockene strebte und es dauerte keine
zehn Minuten , bis er mit munteren Sprüchen
und Zitaten auch die Eiligsten davon überzeugt
hatte, dass es vor der Bibliothek
wahrscheinlich nicht halb so teuer für
sie werden würde, wie drinnen.
Als sich die hohen Flügeltüren hinter
dem letzten Gast schlossen,
wandte Leo sich zufrieden grinsend um und
hielt Anna, die seine muntere
Vorstellung staunend beobachtet hatte, die
mit Geldscheinen gefüllte Kappe hin.
"Nimm schon", er strahlte übers ganze
Gesicht.
Unbeeindruckt wischte er sich das Regenwasser
aus den Augen,
sah an sich herunter und wagte dann ein paar
beschwingte Tanzschritte,
bei denen das Wasser in seinen Schuhen quietschte.
Anna zögerte den Bruchteil einer Sekunde
, doch dann ergriff sie entschlossen das
gefüllte Käppi .
"Komm mit, bevor sich einer von uns eine Lungenentzündung
holt.
Ich hause seit zwei Monaten in einer WG und
wir haben uns vor kurzem
den Luxus eines Wäschetrockners geleistet.
Wenn Du versprichst, nicht darauf zu bestehen,
eine Tabledance-Nummer
bei uns abzuziehen, mußt Du zumindest
diese Nacht unter Deiner Brücke
nicht in nassen Sachen verbringen."
Leo strahlte.
Gleich darauf aber kam die etwas beklommen
klingende Frage;
" Wer ist UNS? Hast Du einen Lover?"
"Ich habe Freunde und die wollen Dich und Deine
literarische Ader
garantiert kennenlernen.
Du wirst schon sehen. Wir wohnen zwei Straßen
hinter der Bibliothek und heute
ist Gründungsabend.
Du kommst also gerade richtig. Heissen Tee
gibt’s bei uns für jeden.
Aber rechne nicht mit Alk, den schminke Dir
ab, da läuft nichts.
Gründungsabend? Leo seufzte komisch.
" Ich hoffe Ihr gründet keinen Verein
geläuterter Penner."
Dann jedoch ließ er sich gottergeben
von Anna mitziehen.
Und so kam Leo Drossel zur *Brücke * und
erwies sich als
absoluter Glücksfall für das Unternehmen.
Bis zu seinem Auftauchen war *Die Brücke*
nur ein Plan.
Eine Gruppe von literarisch und künstlerisch
interessierten Menschen
aus Ämtern, Firmen, Literatur- und Theaterbetrieben
war dabei,
zusammen mit Nichtsesshaften das Projekt *
Kultur am Rande*, das bereits in
vielen Städten erfolgreich lief, zu übernehmen.
Niemand lebt in einem Vakuum hieß das
Motto, und die Akteure
beider Seiten sollten die Grenze zwischen
den Etablierten
und denen auf der Straße überwinden.
Wer Mitglied werden wollte, der hatte sich
mitgestaltend einzubringen,
oder er war für das Projekt unbrauchbar.
In dieser Szene tauchte also unversehens Leo
Drossel auf.
Nicht mehr jung, nicht immer nüchtern
, stets mit einem flotten Zitat
auf den Lippen und so kreativ wie die Besten
unter den Mitwirkenden.
Sein Potential war offensichtlich.
Es galt also nur, ihn einzubinden und bei
der Stange zu halten,
denn Leos Schwäche war nun mal der Alkohol
und die Unbeständigkeit.
Es konnte durchaus passieren, dass er wochenlang
nicht aufzutreiben war .
Dann hatte er lediglich einen Teil des Sommers
unter einer Hafenbrücke
im Süden verbracht und wenn er wie aus
dem Nichts wieder auftauchte,
war er voller skurriler Geschichten und Erlebnisse.
Und er tauchte immer wieder auf, denn er liebte
Anna.
Daran hatte niemand den geringsten Zweifel, außer Anna selbst.
Anna war der Magnet, der ihn magisch anzog
und
dann auch in immer kleineren Intervallen hielt.
Sie gab ihm zwar keine Chance ihr näher
zu kommen, aber er wusste,
dass sie es liebte, wenn er das Füllhorn
seiner Kreativität in das Projekt einbrachte.
Er löste Probleme aller Art im Handumdrehen
und wurde immer mehr
zum allseits geachteten Verbindungsglied zwischen
den Berbern und der Kunstszene .
In seinen kreativen Phasen schrieb Leo beachtenswerte
Treatments und,
er war ein begnadeter Tänzer , der für
viele gelungene Choreographien
verantwortlich war, durch die das Team immer
bekannter wurde.
Längst hatte man ihm einen Dauerposten
angeboten,
aber Leo war so nicht zu halten. Er liebte
seine Freiheit und die Buntheit der Welt.
Nur mit Anna kam er nicht weiter.
Sie entzog sich ihm mit einer Penetranz, die
ihn oft genug, wütende Flüche murmelnd,
vertrieb und er kam nur wieder, weil er genau
wusste,
da war niemand sonst in ihrem Leben, den sie
ihm vorgezogen hätte.
Sie war wie das berühmte Kräutlein
Rührmichnichtan.
Sobald er ihr zu nahe kam und seis auch nur
zufällig, wich sie zurück
und verschloss sich wie eine Auster.
Leo hatte längst das Mitgefühl aller,
aber es war offensichtlich,
dass Anna in den Fängen ihrer Vergangenheit
ebenso litt,
ohne sich aber daraus lösen zu können.
Männer waren eine Spezies, der sie nicht vertraute, nicht vertrauen konnte.
Und dann stellte das Schicksal die Weichen.
Die Lösung bot sich sozusagen auf dem
Silbertablett.
Leo hatte das Treatment für eine Boulevardkomödie
geschrieben,
die demnächst auf dem Spielplan der *Brücke*
stehen würde und die Proben,
mit Anna als Souffleuse, liefen ausgezeichnet.
Die Premiere nahte und die beiden Hauptdarsteller,
ein Pärchen mittleren Alters,
war ausgezeichnet in Form. Der Erfolg schien
sicher.
Bis zum Abend der Generalprobe.
Da zeigte es sich, dass es immer ein Risiko
bleiben würde,
Hauptrollen mit Nichtsesshaften zu besetzen.
Die beiden - längst clean und aus der
Drogenszene ausgestiegen -
wurden wegen eines Deliktes aus ihrer Vergangenheit
aufgegriffen
und kamen erst einmal in Untersuchungshaft.
Aus der Traum.
Wirklich?
Das wollte niemand hinnehmen.
Es gab nur eine einzige Lösung.
Anna und Leo.
Er hatte die Dialoge geschrieben, und sie
hatte als Souffleuse den
Text ebenso drauf, wie die inhaftierte Hauptdarstellerin.
Gut, der Typ Salondame war Anna gewiß
nicht.
Ihr Busen würde wahrscheinlich die Szene
eher sprengen als ihre Spielfreude, unkten die Kollegen.
Aber, sie traute es sich zu, war hingerissen
von der Vorstellung,
endlich mehr zu dem Projekt beizutragen, als
nur die Requisiten zu verwalten und zu soufflieren.
Außerdem, das Team hatte keine Wahl.
Innerhalb von zwei Stunden avancierte Anna
zu einer Schönheit des Rampenlichtes.
Die Kunst der Maskenbildnerin schuf eine hinreißende
Beauty.
Die Crew staunte nicht schlecht, als sie sah,
welche Verwandlung vor ihren Augen ablief.
Haltung, Bewegungen, Mimik, Anna passte sich
ihrem Äußeren an
wie ein Chamäleon, es war verblüffend.
In Szene zwei der Kostümprobe betrat
dann Leo die Bühne und hatte
- gemäß seiner Rolle - sofort auf
Anna zuzugehen und sie leidenschaftlich in die Arme zu schließen.
Alle hielten den Atem an, konnte das gutgehen?
Und wie. Beide agierten, als hätten sie
nie etwas anderes gemacht.
Anna schmiegte sich drehbuchgerecht in Leos
Arme, zog alle Register
um ihn ins Bett zu kriegen, kurzum, sie spielte
nicht nur die heißblütige,
zu allem entschlossene Verführerin, sie
lebte sie auf offener Bühne mit einer Intensität,
die alle um Leos Beherrschung fürchten
ließ.
Der bewegte sich wie in Trance, verpasste kein
Stichwort,
schien von dieser Frau neben sich auf eine
Weise fasziniert,
die jedem Zuschauer klarmachte, dieser Mann
will diese Frau und er will sie sofort.
Das ganze Ensemble klatschte begeistert als
die Schlußszene kam.
Die beiden Ersatzschauspieler waren unversehens
in 90 Spielminuten zu
Darstellern der Extraklasse geworden, beide
einander ebenbürtig
und beide völlig in ihren Rollen aufgehend.
Sie verbeugten sich gemeinsam, einander an
den Händen haltend, erhitzt und glücklich.
Dann wandte sich Leo seiner Partnerin zu und
ehe sie sich von ihm lösen konnte,
sagte er mitten in die eintretende Stille:
" Du wirst mir dieses Gefühl, diesen
Moment, unverletzbar zu sein,
nie mehr zerstören können Anna,
auch wenn Du mich jetzt wieder von Dir wegstößt,
es ist mir egal."
Sprachs, wandte sich auf dem Absatz um und
ließ Anna einfach auf der Bühne stehen.
Premierenabend!
Wer bis dahin noch gezittert hatte, ob einer
der Stars oder gar beide im letzten
Moment kalte Füße gekriegt haben
könnte, wurde eines Besseren belehrt.
Beide saßen, den Rücken einander
zugewandt, in der Gemeinschaftsgarderobe und
ließen sich schweigend für die
Bühne zurechtmachen.
Plötzlich wandte Leo sich um und streckte
seine Hand nach Anna aus.
"Ich bin bereit, überall hinzugehen,
wenn es nur vorwärts ist, wie siehts mit Dir aus?"
" Du deklamierst schon wieder," antworte sie knapp und konzentriert, aber sie lächelte.
Der Abend wurde ein rauschender Erfolg.
Die beiden Hauptdarsteller schienen sich von
Szene zu Szene zu steigern.
Sie waren hinreißend, sie überzeugten
absolut und es gab immer wieder Szenenapplaus .
Die Vorstellung endete mit stehenden Ovationen
für die Darsteller.
Es war ein Ereignis der Superlative geworden
und alle Beteiligten in Hochform.
Hinter der Bühne, die Blumen noch im
Arm, wandte sich Anna an ihren
Bühnenliebhaber ;
"Ehe ich es vergesse Leo, für die Premierenfeier
wurde das Lokal umdisponiert.
In 15 Minuten werden wir erwartet, das Taxi
holt uns am Bühnenausgang ab."
Sie wandte sich ab und verschwand hinter dem
Paravent der Garderobe.
Das Taxi stand schon vor dem Bühnenausgang,
als Leo auf die Straße trat,
aber Anna war nicht zu sehen.
"Wir warten noch auf die Dame", sagte er zu
dem Fahrer, bevor er sich auf den Rücksitz fallen ließ.
" Das müssen wir nicht, antwortete der.
Sie sind mein einziger Fahrgast, die Dame
kommt nicht mehr."
Und schon fuhr er los.
Leo sackte in sich zusammen, er sagte nichts,
er fragte nicht, sondern schloß nur
unendlich enttäuscht und erschöpft
die Augen.
Einige Minuten später fiel ihm auf, dass
das Taxi die Innenstadt verlassen hatte
und in den Yachthafen einfuhr.
" Hier gibt’s aber nur das Fischrestaurant
", sagte er zu dem Fahrer
"und das hat um diese Zeit längst die
Schotten dicht, Sie haben sich wohl verfahren."
" Nö, absolut nicht," antwortete der,
"ich habe sehr genaue Anweisungen bekommen."
Er drosselte das Tempo und fuhr dann, immer
langsamer werdend,
auf die kleine Brücke zu, unter der noch
immer der alte Schäferwagen
stand, in dem Leo übernachtete.
Und dann, das Taxi hatte angehalten, rückte
eine fantastische Kulisse in Leos Blickfeld.
Mitten auf der Brücke standen ein kleiner
weißgedeckter Tisch und zwei Stühle.
Neben dem Tisch brannten auf sechs schlanken,
hohen Kandelabern aus dem Bühnenfundus
Dutzende von Kerzen und beleuchteten die wundervolle
Sommernachtsszenerie.
Ein fahrbarer Serviertisch unmittelbar neben
dem Geländer war beladen
mit einem Sektkübel, und - Leo traute
seinen Augen nicht - einer Pyramide von Pizzaschachteln.
Halb im Schatten der Brückenbeleuchtung
aber wartete Anna.
Leo rannte los.
Das war die Nacht, in der aus Anna, Annabell
und aus Leo Leander wurde.
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