Der Rosenkavalier




"Starren Sie nicht den Mond an, das ist auch nur eine galaktische
Geröllhalde," sagte Angela und ihre Mundwinkel senkten sich
dramatisch, was ihr das Aussehen einer betagten Katze gab, der soeben
trotz stundenlanger Belagerung eine fette Maus entwischt war."

"Sie sollten ab und an mal zukunftsträchtige Visionen haben," sagte
sie dann und ordnete die Tagesration ihrer Tabletten auf dem blanken
Abendbrottisch der Seniorenresidenz sorgsam zu einem Clownsgesicht in
dem die bunten Vitaminpillen die Augen darstellten und die länglichen
Schmerzhämmer Ohren glichen.

"Zukunftsträchtig? In welche Richtung?
Möchten Sie gerne hören, dass jemand erfunden hat, mit welcher
zusätzlichen Pille Sie wieder wie 30 aussehen?
Oder wärs Ihnen lieber, man konzipiert Ihnen einen Roboter
mit Schwesternhäubchen, der einen 24Stundendienst bei Ihnen
abreißt und nicht anfängt in den Scharnieren zu quietschen wenn Sie
ihm zum 99igstenmal erzählen, wie sie 1945 überlebt haben."
Oberst a.D. Frank Fahrian sah Angela spöttisch an.

Soweit ich weiß, ist ein solcher Roboter bereits in der Erprobung,
selbstverständlich nicht, ohne dass die Herren Erfinder für
Ihresgleichen fleißig die Leistungspalette erweitert hätten. Zur
medizinischen Versorgung männlicher Nutzer gehört also auch das
sexuelle Spektrum, was immer das auch heißt.
Angela spuckte ihre Verachtung regelrecht in Fahrians Richtung.

" Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Aspekt Ihnen ein Leben lang
Schauer der Abneigung verursacht hat. Die Chance, ein schrecklich
böses Mädchen zu sein, haben sie somit ungenutzt vertan.
Sie kamen wahrscheinlich bereits verheiratet auf die Welt, was ja kein
Problem ist, wenn der Partner von der Sorte war, die ohnehin den
Slogan * treuer Johannes* auf seinem T-Shirt stehen hatte.
Aber ehe ich mich da unergiebigen Einzelheiten widme, gebe ich zu
bedenken, dass Ihre Bissigkeit darauf schließen lässt, dass es noch
nicht ausgeschöpfte Sehnsüchte geben könnte und biete Ihnen an, beim
späten Ausleben derselben behilflich zu sein."

Fahrian grinste von einem Ohr zum anderen und als Angela ihren
Rollator griff und erbost aus dem Raum steuerte, lachte er laut.

Elke Hidde zog ihren blonden Kopf von der Anreiche in den
Küchenbereich zurück und sagte erheitert: " Diese beiden sind eine
wahre Freude, auf die Weise möchte ich auch mal alt werden, so
luxuriös untergebracht sein wie hier und dann noch einen späten Lover
am Start, das wärs doch."

"Wieso," wunderte sich Bruno der Altenpfleger, " Die beiden streiten
sich doch immer und von Lover keine Spur."

"Bruno Du hast den falschen Beruf," Elke stellte bereits das Geschirr
fürs Frühstück am nächsten Morgen zusammen. "Sein größtes Vergnügen
in unserer Luxusbude ist diese Frau und wehe, es funkt ihm jemand
dazwischen, dann dauert es keine drei Tage und er hat den Konkurrenten
lahm gelegt. Erst gestern hat er Geheimrat Rekelsen, der mit Angela
flirten wollte, zurück gebissen, aber so was geht alles an Dir vorbei
Du verhinderter Schnellmerker," sie klopfte Bruno freundschaftlich auf
die gut gepolsterte Schulter, "aber dafür bist Du ein As im pflegerischen
Bereich, also sorge Dich nicht, Du wirst das Examen mit links
bestehen."

Dein Wort in Gottes Ohr knurrte Bruno und belud seinen 3-Etagenwagen
auf dem die Abendessen auf Warmhalteplatten für die Bewohner bereit standen,
die auf ihren Zimmern speisen wollten oder mussten,

Als er das letzte der Zwei-Zimmer-Appartements verließ, hatte er
allen, die schon auf die Neuigkeiten des Hauses warteten, die
Lovestory zwischen Fahrian und Angela Wendel mit Rouladen und Wirsing
serviert und aufmerksame Zuhörer hinterlassen.

So was musste sein fand Bruno, es ließ Diejenigen, denen es gerade
nicht so gut ging wehmütige Reminiszenzen ziehen, oder je nach
Veranlagung auch Sprüche klopfen, die von Neid nicht weit entfernt
waren.
Bruno war zufrieden, immerhin hatte er nicht jeden Abend eine
so brandheiße Neuigkeit abzuliefern, und dazu noch eine, bei der die
ansonsten üblichen Jammertöne der Bewohner auf ein Mindestmaß
schrumpften.

Er wusste, am kommenden Morgen würde er nur die Hälfte der Zimmer zu
beliefern haben, denn jeder, der noch einigermaßen fit war, würde im
Frühstücksraum erscheinen, um die beiden Liebenden zu beobachten.

In kürzester Zeit machte die Affäre, die gar keine war, die Runde im
Haus , aber...es kam niemand auf seine Kosten, denn Angela hatte einen
schlimmer Arthritisanfall und blieb schmerzgeplagt in ihrem
Appartement.
Oberst a.d. Frank Fahrian sah an diesem Morgen zwar
aus, als vermisse er etwas, aber niemand hätte so genau sagen können,
ob das nur seine Brötchensorte war, die man an diesem Tag nicht
geliefert hatte, oder etwa doch die tägliche Diskussion mit Angela.

Es blieb von allen unbeobachtet, dass Fahrian an diesem Tag auf seinem
Laptop sehr intensiv die medizinischen Ratgeber für Arthritiskranke
anklickte und sich konzentriert einlas.

Am zweiten Tag von Angelas unfreiwilliger Isolierung lag auf ihrem
Frühstückstablett eine wundervolle rote Rose und Bruno beteuerte
glaubhaft, er wisse nicht, wer sie aufs Tablett gezaubert hat. Sie
habe plötzlich da gelegen und so serviere er sie eben auftragsgemäß.

Angela war noch die ganze Woche außer Gefecht und an jedem Morgen lag
eine weitere rote Rose auf ihrem Tablett und Bruno versicherte erneut,
trotz sorgfältiger Kontrolle den Rosenkavalier nicht bei der
Deponierung gesehen zu haben.

Aus dem Krankenzimmer kommt keine Reaktion...oder doch?

" Wie gut, dass ich meinen Laptop habe", sagt Angela und sieht Bruno aus ihren
dunklen Augen aufmerksam an, ohne das Ding würde ich hier ja glatt versauern.
Du erzählst mir ja auch nichts Neues mehr."
"Würde ich ja gerne," erwidert Bruno, "aber den Rosenkavalier erwische ich nie, der ist
schneller als der Blitz, gerade noch umgesehen, nichts liegt da und einmal umgedreht und
schon ist es passiert und niemand in der Nähe der dafür in Frage käme.
Wer immer es also ist, er muss sehr beweglich sein, ein Tattergreis also schon mal nicht,"
Bruno lächelt Angela freundlich an und hofft, ihren Tag erhellt zu haben.

Elke Hidde meint am Abend lakonisch, " den Kerl hätte ich längst erwischt, Du bist zu langsam Bruno."

"Mit dieser Einschätzung wirst Du irgendwann auf dem Arsch landen," knurrte Bruno beleidigt.

" Der ist wenigstens gut gepolstert, willst Du ihn küssen, lachte Elke und amüsierte sich
köstlich als Bruno feuerrot wurde.

"Dann will ich dem Rosenkavalier mal helfen, Mühe und Kosten zu sparen," sagte Angela
am gleichen Abend und bestellte sich ihr Frühstück für den kommenden Morgen wieder im
 Gemeinschaftssaal, am Vierertisch mit Ingrid van Ameln, Geheimrat Rekelsen und
Oberst a.D. Frank Fahrian.
Der Rosenspender schien gut informiert zu sein, die Rose lag an diesem Morgen nicht
mehr auf dem Frühstückswagen, sondern auf ihrem Platz im Esssaal.

"Donnerlittchen," knurrte Bruno, "das dürfte dann wohl die letzte Rose gewesen sein,
denn hier hat man ja alles viel besser im Blick."

"Hat man," lächelte Elke wissend.

"Aha, Du hast ihn also gesehen, wer war es," Bruno war ganz Ohr.

Das bleibt sein und mein Geheimnis, Elke hatte nicht vor, mehr dazu zu sagen und nahm
gelassen Brunos schlechte Laune hin.

Angela nahm die Rose, brach den Stil ab und steckte sich die Blüte ins Haar.

"Dir scheint es ja wieder gut zu gehen," sagte Ingrid van Ameln neidisch und ließ sich
mit einem Plumps auf ihren Stuhl am Vierertisch fallen.

"Das täuscht," Angela zog die Mundwinkel nach oben, was ihre Aussage Lügen strafte.
"Warum solls mit mir anders sein als mit jedem alten Gemäuer, an mir wird ebenso pausenlos
 repariert wie am Kölner Dom. nur leider habe ich nicht dessen Standfestigkeit. Irgendwann
wird also auch bei mir der letzte Stein aus dem Mörtel rutschen,

Bleibt noch der Wunsch nach hemmungslosem Sex..... was ist eigentlich
hemmungslos?" sagte Rekelsen und tat so, als sei sein Vorstoß in keine bestimmte Richtung gedacht.

" Keine Ahnung antwortete Ingrid , Hemmungslosigkeit kenne ich nur von meiner Versicherung,
 die hat schon wieder die Prämie erhöht.

Und nun geschah etwas, das in der Seniorenresidenz Roseneck noch Jahre danach Gesprächsstoff war.

Fahrian, der bisher außer einem kurzen *Guten Morgen* nichts zur Unterhaltung beigetragen hatte
 und von dem Moment an, als Angela sich die Blüte ins Haar steckte seltsam entrückt schien,
stand auf, ließ sich vor Angela auf ein Knie nieder und sagte in die jäh eingetretene Stille mit fester Stimme;
 "Die Zeit vergeht, die letzten 45 Jahre kommen mir vor wie Rauch durch ein Schlüsselloch.
 Ich möchte aber, dass das was noch kommt - was hoffentlich noch kommt - mein Dasein
nicht nur erhellen, sondern mit Dir an meiner Seite auch fest in meiner Erinnerung bleiben wird,
 bis ich die Augen schließe, ich liebe Dich Angela.

Wenn Bruno später diese Geschichte erzählte, hatte Angela ausgesehen wie vom Donner
gerührt und Fahrian entschlossen wieder auf die Beine geholfen ohne auf seinen Antrag einzugehen.
Aber wenn Elke Hidde darüber sprach, war die Entscheidung bereits gefallen, als Angela
die Blüte ins Haar steckte. Fahrian hatte das Signal verstanden und seine Chance entschlossen genutzt.