Der Fan



Der Anruf kam überraschend, fast zu nachtschlafener Zeit und bestätigte mal wieder meine Überzeugung, dass die wichtigen Entscheidungen nicht während der üblichen Geschäftszeiten getroffen werden.
Nicht nur Politiker pflegen so zu tun, als würden sie sich die Ideen für das Wohl des Landes in mühsamer Nachtarbeit aus  den gestressten Hirnen ringen.
Mit der gleichen Attitüde suggerieren Manager ihrer Umwelt, dass die Geschicke ihrer Firmen nur erfolgreich zu lenken sind, wenn dies außerhalb der üblichen Geschäftszeit stattfindet.
Was dann wohl die horrenden Boni rechtfertigen soll.

Der hochkarätige Entscheidungsfinder am anderen Ende der Leitung trug mir die Vakanz des Jahres an und das mit einer Stimme, die ohnehin nicht zuließ, dass etwas anderes als euphorische Zustimmung in Frage kam.

Ich konnte mich während des Gespräches selbst im Dielenspiegel sehen und war froh, dass mein künftiger Boss am anderen Ende der Leitung nicht denselben Blick hatte, denn ich sah aus, als habe man mir einen mittelschweren Schlag auf die Fontanelle verpasst.

Ich stotterte also irgendwas, wie geehrt ich mich fühle und versprach, am kommenden Tag zu letzten Sondierungsgesprächen und der möglichen Vertragsunterzeichnung im Chefbüro des Senders zu erscheinen.

Ehe mir bewusst wurde, was da gerade passiert war, stand ich noch eine Weile mit dem Hörer in der Hand und einem leicht törichten Ausdruck vor dem Spiegel.
Die Zusage, meinen regionalen Standort zu verlassen, um bei diesem renommierten Sender die wichtigste Sportübertragung der Saison zu übernehmen und das als Co-Kommentatorin des berühmtesten und leider auch berüchtigsten Sportjournalisten der Republik, kam mir auf einmal sehr übereilt vor.

Der Mann konnte mein Waterloo werden, wie er das für seinen letzten Co-Kommentator auch geworden war. An die verharmlosende Version der Medien, der habe ein besseres Angebot angenommen, glaubte ich keine Sekunde.
Es war in Sportkreisen nur allzu bekannt, dass die beiden sich nach jeder Übertragung gefetzt hatten wie die Kesselflicker und unser Starkommentator hatte nun offensichtlich den Kontrahenten in die Flucht geschlagen.

Was es bedeutete, dass man mich ansprach, glaubte ich mir ohne große Anstrengung ausmalen zu können. Der Superheld wollte allem Anschein nach Jemanden im Team, der ihm nicht gefährlich werden konnte.
Mit einer Frau, in der Region zwar ziemlich bekannt,  die aber im großen Business eher keinen Namen als Sportkommentatorin hatte, glaubte er wohl leichtes Spiel zu haben.

Wenn der Knabe im Fernsehen auftrat, schien ihm auf der Stirn zu stehen:
Schaut her, ich  bin ein Geschenk an die Welt, besonders an deren weiblichen Teil.

Dabei war er mindestens 45, aber irgendwie gehörte er wohl zu der Sorte, bei denen Pubertät und Midlife-Crisis fließend ineinander übergehen.

Prüfend sah ich erneut in den Spiegel.
Was hatte ich aufzuweisen?
Immerhin neben einem ansprechenden Äußeren auch eine erfolgreiche Karriere als 100m Läuferin, ich wusste also wovon ich sprach, wenn ich Leichtathletik kommentierte. Ich hatte ausgezeichete Kontakte zu den Athleten und kannte mich hinter den Kulissen der großen Sportveranstaltungen aus.
Ganz zu schweigen davon, dass ich  nach meiner aktiven Zeit noch zwei Jahre mit Sven Berlinger liiert war, dessen Glanzzeit als Leichtathlet sich damals anbahnte und erst gestern mit einer Goldmedaille ihren Höhepunkt fand.

Wir trennten uns, als er zu glauben begann, ihm stehe die Auszeichnung als Sportler des Jahres zu und allergisch darauf reagierte, dass ich seinen Wunsch wörtlich nahm, Kritik sei ihm bitte nicht als Zuckerguss, sondern mitten zwischen die Augen zu verabreichen.

Ehe er mir klar machen konnte, dass ich als nun Außenstehende ohnehin nur der Floh auf seinem Elefantenarsch sein könne, machte ich die Tür unseres gemeinsamen Appartements von außen zu.
Zugegeben, ich hatte ihn auch im Bett erwischt mit Melanie der Hammerwerferin und der Anblick war dann dazu angetan, ihr eine Empfehlung für eine Superdiät zu hinterlassen und ihm den Spruch von Hofmannsthal

der gute Geschmack ist die Fähigkeit,

fortwährend der Übertreibung entgegen zu wirken

denn die gute Melanie hatte meinen Sven unter ihrem Muskelberg fast begraben und er sah aus, als sei ihm beim 5000m Lauf kurz vor der Ziellinie die Puste ausgegangen.

Ich würde sie also alle wiedersehen in meiner neuen Rolle, das war sicher.
Die Sommerspiele liefen an und die Vorstellung, Sven im Interview ein paar spitzfindige Fragen stellen zu können,  ließ mich fröhlich grinsen.
Ich wusste, wie bemüht er immer war, seine Antworten klingen zu lassen, als habe er zuletzt mit Einstein soupiert und diesen beim Tischgespräch in die Defensive gedrängt.

Der Fels, der mich noch von dieser erstrebenswerten Position trennte, war ER.

Axel Milster, DER Star der Sportreporter Szene.
Der Mann war zwar nie aktiver Sportler gewesen, aber er hatte es drauf, diesen Umstand völlig vergessen zu lassen, denn er war ein ASS auf dem Gebiet der Moderation.
Seine Schlagfertigkeit und sein Fachwissen waren legendär.
Dass er bei dem Einstellungsgespräch dabei sein würde, lag auf der Hand, denn man munkelte, dass die Leitung der Sportabteilung ohne sein okay nicht mal ein Mikro aufbauen ließ.

Professionell zu sein bedeutet, niemals zu spät zu kommen, egal ob Stau oder Kopf unterm Arm, also reiste ich bereits einen Tag früher in die Hauptstadt, mietete mich in einer preiswerten Pension ein und erkundete das Terrain per Leihwagen.

Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit ließ die Sekretärin mich ins Allerheiligste eintreten, wo zwei prüfende Augenpaare auf mich gerichtet waren.

Der Leiter der Sportabteilung war ein dürres, kleines Männchen, kahlköpfig, mit spitzer Nase und fahlem Teint, der vermuten ließ, dass er noch nie auf einem Sportplatz seine Favoriten angefeuert hatte,
Ein Manager vom sorgfältig gescheitelten Haar bis zu den teuren Tretern.

Neben ihm wirkte Axel Milster, der gelassen auf der Schreibtischkante saß, wie einer dieser braungebrannten Surfer die auf die berühmte 40m Welle warten auf der sie zu reiten pflegen, anstatt sich unter ihr begraben zu lassen.
Ich würde ihm beides vermasseln, das war sicher, ich war weder der Typ, der sich kampflos unterordnete, noch hatte ich vor, je einem Partner anders als mit beruflichem Fachwissen und zwischenmenschlicher Neutralität zu begegnen.

Es kommt im Leben nicht darauf an, was man ist, sondern was man daraus macht, 

Das war ein Spruch meines Vaters, der mir beigebracht hatte, meine Ziele nie aus den Augen zu verlieren, sie aber nicht unter Mißachtung sämtlicher menschlicher Werte zu verfolgen.

Die Besprechung, in der sich die kommenden zehn Jahre meines Lebens entscheiden sollte, wurde fast zu einer Zumutung für meine Nerven.
Alle fünf Minuten klingelte das Telefon auf dem Tisch des Managers und im gleichen Zeitabstand  stand jemand in der Tür und legte Axel Milster eine angeblich unaufschiebbare Sache zur Unterschrift oder Entscheidung vor.

Es war eine Farce und erst als ich einen Blick zwischen den beiden Männern auffing, wurde mir klar, dass dies wohl zu einer Art Einstellungstest gehörte. Hier wollte man also wissen, wie belastbar ich war und ab wann ich entweder zickig wurde oder das Handtuch warf.
Das Spielchen würde ich gewinnen.

"Ich liebe Menschen, nur die Menschheit geht mir auf die Nerven,"sagte Axel Milster entschuldigend.

"Wie bedauerlich",  sagte ich kühl, "aber zu Letzterer gehören Sie dann ja auch. Es sei denn, sie haben die Absicht in Kürze diese Clubmitgliedschaft aufzugeben.
Ich wäre Ihnen allerdings sehr verbunden, sie erwägen das erst nach Vertragsunterzeichnung und meiner entsprechenden Einarbeitung."

Er sah mich eine Sekunde mit hochgezogenen Augenbrauen an, um gleich danach in brüllendes Gelächter auszubrechen.
" Touchè , ich glaube, wir beide können es miteinander versuchen."

Von da an verlief das Einstellungsgespräch normal, es gab keine telefonischen oder anderen Störungen mehr. Die Gehaltsfrage wurde großzügig geregelt, ich würde, so es mir gelang, zur Zufriedenheit zu
arbeiten und die Akzeptanz des Publikums zu erreichen, ausgesorgt haben.
Mehr noch, für die Dauer der Übertragungen im Sender wurde mir ein voll möbliertes Appartement in einem Hochaus zur Verfügung gestellt, für den Fall, dass ich meinen Hauptwohnsitz nicht gleich in die Hauptstadt verlagern wollte.

Diese Vergünstigung hatte auch Milster, der dienstlich drei Stockwerke über mir im Arabella Hochhaus wohnte, ansonsten aber in einem feudalen Landhaus an der Ostsee residierte.

All das übertraf meine Erwartungen bei weitem.
Mehr noch, es wurde mir freigestellt, in vom Sender zu genehmigenden Werbeveranstaltungen bekannter Unternehmen aufzutreten.

Das allerdings rückte im gleichen Augenblick in unerreichbare Fernen, als Axel Milster mit mir das durchzog, was er beinhartes Training nannte.
Ich wurde durch die Technik geschleust, als hätte ich noch nie vor einer Kamera gestanden. die Abläufe wurden mir als strenges Reglement regelrecht eingehämmert, wobei mein Trainer nie vergaß, die Gründe offen zu legen.
Ich begriff schnell, dass es darauf ankam, auch in Liveübertragungen eine feststehende Ordnung einzuhalten und Unerwartetes nach Möglichkeit auszuschalten.

Erst drei Wochen nach diesem Schliff kam der Tag meines ersten Einsatzes als Kommentatorin an Axel Milsters Seite.

Zu meiner Überraschung ließ er mir den Raum, den ich brauchte, um das Publikum zu erreichen, mehr noch, er gab mir unerwartete Stichworte, die ich zu nutzen verstand.
Kurz und gut, meine erste Sendung mit der Koryphäe aller Sportkommentatoren wurde ein runder Erfolg für mich.

Die Kritiken waren ausgezeichnet und die ersten Fans meldeten sich bereits unmittelbar nach der letzten Einstellung.
Wenn ich mir nicht selber durch Unachtsamkeit oder unprofessionales Verhalten den Weg verbaute, würde ich in meiner Position fest im Sattel sitzen.

Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet ein Fan mein Leben derart verändern würde.
An überschwänglich formulierte Briefe war ich bald ebenso gewöhnt, wie an aufwendige Blumenbuketts. Solange diese Briefe im akzeptablen Rahmen blieben, beantwortete ich sie freundlich-distanziert, brach aber Verbindungen dieser Art sofort ab, wenn die Absender  versuchten, nähere Kontakte herzustellen.

Die Groupies, die nach den Sendungen am Ausgang des Studios auftauchten, und lauthals Axel, Axel schrien, kamen mir wesentlich lästiger vor, als der eine oder andere hoffnungsvolle Bewerber um meine Aufmerksamkeit.

Ich bewunderte die lässige Eleganz, mit der Milster damit umging,
Die *Damen* wurden jeweils zu einem Drink in die Bar am Eck gebeten und dort freundlich aber entschieden verabschiedet.

Er war also nicht der Womenizer, als den die Medien ihn darstellten, meine Vorurteile begannen zu bröckeln.

Markus Letter, ein gutaussehender Mittvierziger, Millionär mit dubiosem geschäftlichem Hintergrund, war ein anderes Kaliber.
Meine freundlichen Zurückweisungen, als er mich mit teuren Geschenken zu bombardieren begann, schien er zu ignorieren. Er schien immer zu wissen, wo ich mich gerade aufhielt und tauchte wie aus heiterem Himmel dort auf um mir seine Verehrung aufzuzwingen.

Was zuerst als Marotte aussah, entwickelte sich mit der Zeit zu einer unübersehbaren Belästigung.
Ich begann, mich nervös umzusehen, wissend, er würde irgendwo auftauchen. Meine Konzentration ließ merkbar nach und es dauert nicht lange, ehe mich Axel Milster mit gerunzelter Stirn ansprach.

" Was ist los mit Ihnen, so geht das nicht meine Liebe, Sie haben in der letzten Sendung zweimal den Namen des Interviewpartners falsch ausgesprochen, sowas darf nicht passieren."

Er hatte ja Recht und meine wortreiche Entschuldigung war fällig. Ich vermied es, ihm zu erklären, dass ich meinen Dauerverehrer gerade unter den Kabelträgern im Studio  gesehen hatte und langsam begann, mich unter dessen fanatischem Interesse mehr als ungemütlich zu fühlen.

Der Kerl schaffte mich, aber welche Handhabe hatte ich, ihn in die Schranken zu weisen? Er schien unempfindlich gegen alles, was ich bisher getan hatte, seiner Aufmerksamkeit zu entgehen.

Erst als ich eine rote Rose auf dem Kopfkissen in meinem Appartement fand und erkannte, dass er sogar einen Weg gefunden haben musste dessen Sicherheitsschlösser zu überwinden , wurde mir mulmig genug die Behörden enzuschalten.
Das wiederum erwies sich als Schuss in den Ofen, denn

a)
konnte ich nicht beweisen, dass Letter der Rosenkavalier war und schon gar nicht, wie er Einlass gefunden hatte und
b)
hatte er das Recht sich in der Stadt aufzuhalten wo er wollte, solange er mich nicht angriff oder verbal belästigte.

Zusätzlich erhielt ich eine Anpfiff aus der Chefetage des Senders, wo man der Ansicht war,  es gebe andere Wege, sich eines lästigen Verehrers zu erwehren, der dazu noch als Sponsor bekannt war.
Wie es schien, hatte ich die Arschkarte gezogen.

Auf böse Menschen ist Verlaß. Sie ändern sich wenigstens nicht.
sagte schon William Faulkner.

 Ich wusste also, neue Türschlösser würden niemanden mit diesem finanziellen Hintergrund abhalten, erneut Einlass zu finden, also sicherte ich mich ab bevor ich zu Bett ging.
Ich klemmte entweder einen Stuhl unter die Türklinke, oder kopierte das Verhalten von Mel Gibson, der als neurotischer Taxifahrer eine leere Bierflasche so postiert hatte, dass sie polternd zu Boden fiel, wenn jemand die Klinke von außen auch nur berührte.
Erst als ich einmal wöchentlich einen unserer Techniker damit beauftragte, mein Appartement nach versteckten Mikrofonen oder Kameras abzusuchen und dieser tatsächlich fündig geworden war, wurde der Sender aktiv.

Eigentlich war es Axel Milster der explodierte. Ich ging davon aus, dass es meine abnehmende Konzentrationsfähigkeit war, die ihn beunruhigte. Meine Türschlösser wurden gegen solche neuester Technik ausgetauscht und die Hausverwaltung des Hochhauses musste sich damit abfinden, zu diesem Appartement keine Zweitschlüssel mehr zu bekommen.
Es gab keine und die meinen trug ich, verborgen hinter einem großen Medaillon, an einer hübschen Kette um den Hals.

Dass Milster darüber hinaus damit gedroht hatte, meinen unberechenbaren Fan in einer Sondersendung bloß zu stellen, erfuhr ich erst viel später.

Ich begann, mich wieder sicherer zu fühlen, zumal Axel Milster es sich zur Gewohnheit machte, mich jeden Abend ganz kurz telefonisch zu kontaktieren und wehe, ich hatte mein Handy einmal ausgeschaltet, dann kam eine SMS

"Hi Mädchen ohne Handyempfang, soll ich eine Brieftaube
losschicken, oder es mit Rauchzeichen versuchen?
Bleibe bitte erreichbar, sonst muss ein alter Mann doch noch vor Deiner Tür schlafen."

Ich blieb erreichbar...für  I H N.