Sie saß in einem
Straßenkaffee, vor sich ein Stück Sahnetorte und sah aus wie die Sünde
persönlich.
Ich führte gerade meinen besten Freund an der langen Leine
Gassi.
Normalerweise eine gute Gelegenheit, Kontakte zu schließen, denn Max
mochte Frauen und erst recht solche,
mit einem Stück Torte auf dem Teller.
Aber diesmal sorgte er dafür, dass ich unterging wie ein
leckgeschlagenes Boot, denn er blieb abrupt mitten auf dem Bürgersteig vor
dem Café *Schönblick* stehen,
setzte sich in die ihm genehme Position und ehe
ich den Blick von der Schönheit am Tisch rechts lösen konnte,
legte er seinen
Sonntag-Nachmittags-Haufen mitten auf den Bürgersteig.
Haben Sie schon
mal versucht, Blickkontakt aufzunehmen, während sie damit beschäftigt sind,
unter dem wütenden Zischen diverser Caféhaus-Gäste die Hinterlassenschaft ihres
vielgeliebten Strolches
in einen Plastikbeutel zu schaufeln?
Eine
Situation, an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten.
Coolneß aufzubieten
wird in dem Moment unmöglich, wenn Sie auch noch feststellen, dass weit und
breit
kein Abfalleimer in Sicht ist und ihnen nichts anderes übrig bleibt, als
einen Knoten in den Beutel zu machen,
und mit dem gefüllten Utensil am
Handgelenk - Normalität simulierend - von dannen zu schreiten.
Ich habe
an diesem Tag nicht mehr mit Max gesprochen.
Na gut, ich war sicher von
Natur aus etwas schusselig, aber dass ich zwei Tage später mitten auf der
Landstraße
hinter Berlin Schönefeld mit meinem Wagen stehen blieb, war etwas,
das ich wirklich nicht zu verantworten hatte,
denn den aufzutanken, oblag meinem
Partner Felix.
Ich hatte nur vergessen, dass der noch gestern zu einer
unvorhergesehenen Präsentation nach London geflogen war und der
Geschäfts-Toyota benutzt worden war,
ihn zum Flughafen zu befördern.
Da
stand ich nun, mit Max auf dem Rücksitz und mit leerem Tank, etwas, dass doch
keinem gestandenen
Mann je passieren sollte und wer hielt an, um mir aus der
Patsche zu helfen?
Nein, nicht die Engel vom ADAC, die kamen erst fünf
Minuten später um ihre nicht gerade zartfühlenden
Kommentare abzugeben.
Es
war diese wundervolle, hinreissende, absolut überwältigende Schönheit aus dem
Straßencafè.
Sie sauste in einem feuerroten Lamborghini an mir
vorbei, hielt dann doch noch mit quietschenden Reifen und legte den
Rückwärtsgang ein, um auf gleicher Höhe
mit mir und meinem Toyota anzuhalten,
vor dessen geöffneter Motorhaube ich Kompetenz heuchelnd herumstand.
Max
und ich müssen ihr wohl im Gedächtnis geblieben sein, denn sie schob ihre
Sonnenbrille ins dunkle Haar
zurück und sagt, süffisant lächelnd, "und in
welcher Kalamität seid Ihr beiden heute?"
Nicht dass ich mir einbildete,
sie hätte sich an mich erinnert, es wird schon Max zu verdanken sein, dass
sie
angehalten hatte, denn der saß unübersehbar auf dem Rücksitz meines Wagens und
hielt seinen schönen Kopf
neugierig aus dem geöffneten Seitenfenster.
Doch erneut wurde mir diese zweite Chance, die Frau meines Lebens kennen
zu lernen, rüde vom Schicksal versiebt.
Die Engel, die ich per Handy
herbeigerufen hatte, nahten aus Richtung der Stadt und hielten hinter dem
Toyota.
Der Verkehr auf der Landstraße verhinderte, dass ich einfach über
die Straße zu dem Lamborghini laufen
konnte ohne mir die Zehen abfahren zu
lassen und so sah ich das Glück meines Lebens Gas geben und winkend
davon
fahren, weshalb hätte sie auch bleiben sollen, der ADAC würde es schon
richten.
Das tat der dann auch, während ich bemüht war, ihre Autonummer
vor mich hin zu flüstern, was dann die
ADAC-Leute etwas ratlos machte, denn ich
war dadurch außerstande, ihnen den Grund meiner Panne zu erklären.
Schweigend wies ich deshalb nur auf die Tankanzeige und suchte dann hektisch
nach meinem Terminkalender,
um aufatmend das Kennzeichen des roten Flitzers
einzutragen.
Falls das ADAC Servicepersonal mich für leicht neben der
Spur gehalten haben sollte, versuchten sie höflich,
das zu übersehen, was
sollten sie auch von einem Mann halten, der mit leerem Tank liegen geblieben
war.
Wer jetzt denkt, ich hätte irgendwelche Beziehungen spielen lassen,
um die Halterin des Lamborghini ausfindig
zu machen, der liegt zwar richtig, nur
war die *Beziehung* leider eine meiner Verflossenen.
Barbara, Sekretärin
beim Straßenverkehrsamt, pfiff mir etwas, als ich sie veranlassen wollte, mir in
diesem Fall
auf die Sprünge zu helfen.
Ungerührt meinte sie, dass alles, was
ich von ihr noch zu erwarten hätte, 0,179 g Rizinussamen pro kg Körpergewicht
seien, sie habe herausgefunden, dass die für eine tödliche Vergiftung
ausreichten.
Etwas nachtragend die Gute, schließlich war sie es doch,
die anlässlich unseres letzten Treffens Sex in der
Badewanne vorgeschlagen
hatte, was dann mit meinem verrenkten Knie und ihrem Spruch geendet hatte,
sie
halte nicht soviel davon, Seifenwasser in Körperöffnungen zu fühlen, die sogar
auf Gleitmittel allergisch reagierten.
Die Beziehung endete etwas jäh,
als ich ihr klarmachte, dass nicht Sex in der Badewanne auf der Skala
befriedigender Zweisamkeit an der Spitze erotischen Ideenreichtums stand,
sondern Sex unter der Dusche.
Kleiner, aber entscheidender Irrtum
ihrerseits.
Zur gemeinsamen Dusche kams danach nicht mehr.
Der
Tag schien mir endgültig gelaufen, als die abendliche Kegelrunde im *Hirschen*
nicht etwa eine fröhliche Kugel
schob, sondern aus mir unerfindlichen Gründen
darüber in Streit geriet, wieso die katholische Kirche weiterhin
darauf bestand,
dass Jesus mit den Handflächen ans Kreuz geschlagen worden sei, ein Vorgang,
der schon deshalb unmöglich ist, weil die Schwerkraft das gar nicht zulässt.
Nachdem man sich wechselweise der Ketzerei und anderer unerquicklicher
Eigenschaften bezichtigt hatte,
sagte unser Clubpräsident sehr realistisch, wenn
das bedeute, dass eigentlich alle Gekreuzigten in den Kirchen
herunter fallen
müssten, dann werde er sich schnell danach erkundigen, ob die Hersteller dieser
religiösen Attribute
Aktien ausgäben, denn der Boom zur Neufabrikation müsse
demnächst ja unmittelbar bevorstehen.
Beim abendlichen Gassigehen
gipfelte mein Gespräch mit Max in der Erkenntnis, dass der Mensch wohl nicht
schnell genug an der Evolution vorbei kommen könne, um die Dummheit zu
überholen,
nicht nur die meine war gerade olympiaverdächtig.
Max
widersprach mir nicht, sondern hob ungerührt das Bein an seiner Stammeiche.
Den Spruch " man sieht sich immer zweimal" konnte ich ja abhaken, beide
Gelegenheiten waren ungenutzt vorüber gegangen .
"Es hat nicht sollen sein"
hieß ein weiterer blöder Spruch und der schien diesmal zuzutreffen, denn wie oft
ich
in den nächsten Wochen auch mit Max am Straßencafè vorbei ging, das Ziel
meiner Sehnsucht ist nicht wieder aufgetaucht.
Stattdessen schloß Max
Freundschaft mit der blonden Bedienung des Cafès, die ihn mit einem fröhlichen
*
hallo Scheißerchen* begrüsste und irgendwann eine Schale Wasser für Max bereit
hielt.
Ich war nicht ganz sicher, ob das zur Werbung gehörte, entschloß
mich aber eines Tages, nicht nur vorbeizugehen,
sondern meinen Latte Macchiato
an dem Tisch einzunehmen, an dem damals die schwarzhaarige Schönheit gesessen
hatte.
Der Sommer war heiss und er war lang , Max und ich wurden
Stammgäste und die blonde Inge avancierte von
dem Status hübsches Ding, zu unser
beider Gesprächspartner Nummer EINS.
Als die ersten kalten Tage nahten,
verschwanden die Tische von der Straße, doch bevor auch Inge ins Innere
abwanderte sagte sie kurz und klar " heute Abend koche ich uns was Gutes, ich
erwarte Euch um 20 Uhr, seid pünktlich Jungs".
Wir waren nicht nur
pünktlich, sondern wir sind gleich geblieben.
