Meine Datenbanken stürzen ab, meine Datenbanken
stürzen ab! Die blecherne Stimme
der Soundkarte schreckte P H I
L Berger aus der beschaulichen Computerwartung,
die er wie immer am Ende eines Arbeitstages,
halb dösend, vornahm.
"Verdammt, nicht schon wieder," schimpfte
er halblaut..."für heute reichen mir
deine Macken aber nun wirklich, noch eine
Fehlschaltung, und ich schmeiße dich
aus dem Fenster. "
Die PC-Stimme verstummte, als habe diese Androhung
eine Art Selbstschutzmodul
aktiviert.
"Na also," grunzte P H I L befriedigt, "warum
nicht gleich so."
In dem großen Datenerfassungsraum der
ITE war es dämmrig, und drückende Stille
hing über dem riesigen, sterilen Raum.
Der Großrechner, umgeben von Dutzenden
von PC-Arbeitsplätzen, lag träge wie ein
großes Tier im Halbdunkel.
Außer P H I L schien niemand mehr tätig
zu sein, ein Arbeitsklima, das er
liebte, weil es ihm die Möglichkeit gab,
ungestört von der sonstigen summenden
Betriebsamkeit, seinen Tagträumen nachzuhängen.
Mit einigen Eingaben überzeugte der junge
Mann sich davon, daß sämtliche Daten
nach wie vor verfügbar waren und fuhr
mit seiner Arbeit fort.
PH I L fuhr sich kurz durch das dichte, kurzgeschnittene
Blondhaar, streckte
die langen Beine aus und blinzelte aus halbgeschlossenen
Augen in die Dunkelheit
hinter seinem Arbeitsplatz, während seine
Finger behende über die Tastatur vor
ihm zu tanzen begannen.
Zzzzzschsch........der Bildschirm flackerte
und erlosch.
"Zur Hölle, was gibts denn jetzt schon
wieder," fluchte P H I L und löste
blitzschnell eine Serie von Kontrollfunktionen
aus.
Nichts, der Bildschirm blieb dunkel.
Konnte es etwa ein Stromausfall sein....rasch
ging er zum benachbarten PC und
schaltete ihn ein. Nein, zumindest kein genereller
Stromausfall.
Er bückte sich und verfolgte mit den
Händen das Kabel an seinem PC bis hin zur
Steckdose, schräg hinter der kompakten
Einheit des Großrechners, doch es war
weder lose noch brüchig, das Problem
mußte anderswo liegen.
Nichts, was er heute Abend noch zu suchen
oder gar zu beheben gedachte, also
schaltete er sein Gerät ab, packte seine
Unterlagen und wechselte damit zum
benachbarten Terminal.
Doch ehe er das dortige Gerät einschalten
konnte, ertönte von seinem verlassenen
Arbeitsplatz erneut die Soundkarte, diesmal
jedoch mit einem Satz, der ihn in
der Bewegung erstarren ließ:
"Wir könnten anfangen"
Die Stimme hatte nicht die übliche, etwas
blechern-künstliche Konsistenz einer
Soundkarte, sie war ruhig, gelassen und von
souveräner Eindringlichkeit.
Ungläubig blickte P H I L hinüber
zu seinem Platz. Der PC war nach wie vor nicht
eingeschaltet, trotzdem tanzten nun schräge
Streifen auf dem Bildschirm, die
sich dann blitzschnell zu einem Bild formten.
Ein weibliches Portrait erschien, eine junge
Frau mit tiefschwarzer Pagenfrisur
und großen, intensiv violett strahlenden
Augen in einem schmalen, fast weißen
Gesicht, sie schien ihn direkt anzusehen,
und ein leises Lächeln umspielte ihre
Mundwinkel.
P H I L sah sich hastig um, wer spielte ihm
da einen Streich?
Es war immerhin nicht das erstemal, daß
einer aus der Runde der PC-Freaks
Erstaunliches zuwege brachte, nur um den Rest
der Mannschaft auf den Arm zu nehmen.
Neugierig betrachtete er das schöne Gesicht
auf seinem Bildschirm.
Womit anfangen, sagte er dann halblaut, sicher,
daß es auf diese Frage jetzt
keine Antwort geben würde.
Damit... die Welt zu verändern, zum Beispiel
antwortete die gelassene Stimme
mit dem dunklen Timbre, und die Lippen auf
dem Bildschirm bewegten sich synchron.
WER, Ich? Seine Stimme war nach wie vor gedämpft,
denn er war immer noch nicht
sicher, ob der Verursacher dieser etwas seltsamen
Abläufe nicht doch irgendwo im
Dunkel nur darauf lauerte, daß er ihm
auf den Leim ging.
Ich sagte WIR...erklärte die Schönheit
ruhig, schließlich bin ich nicht von ungefähr hier,
es gab einen Ruf, und der hatte seinen Ursprung
hier, genau in diesem Raum und von diesem PC.
P H I L antwortete nicht sofort, seine Gedanken
überschlugen sich,
"Mir liegt weniger an einer Veränderung"
sagte er schließlich bedächtig.
"Ich weiß," antwortete die Schwarzhaarige
prompt, "es muß eine Verbesserung
werden."
"Ich verbünde mich mit niemandem der nicht
die gleichen Ziele hat," sagte er
laut, "Kompromisse sind nicht drin."
"Kompromisse werden unnötig, wenn eine
Seite das Ziel vorgibt und die andere
Seite sämtliche Informationen liefert,
dieses Ziel zu erreichen" antwortete das
Geschöpf auf dem Bildschirm kühl.
P H I L war fasziniert, seine Gedanken rasten,
Wenn dies ein neues Programm war,
dann war es genial.
"Nun," sagte die Klassefrau auf dem Bildschirm
leicht ungeduldig und runzelte
die makellose Stirn ".....ich warte.."
"Wie redet man Dich an, sagte P H I L hastig,
er wollte Zeit gewinnen.
"LEA ist mein Name, diese Abkürzung beinhaltet
im Englischen sowohl meine
weibliche Daseinsform, den Begriff für
Anwerbung und meinen Status als
Bevollmächtigte - L.. für Lady,
E ..für enlistment, A.. für authorized agent -
Außerdem gibt es noch einen anderen
Grund für die Wahl des
Namens LEA, der jedoch im Augenblick unerheblich
für Dich ist"
schloß die Schöne ".... und ich
werde Dich Philomele nennen."
Als er antworten wollte unterbrach sie ihn
leicht ungeduldig:
"Ja, ich weiß, das ist eher ein weiblicher
Name, aber in meiner Wahrnehmung sind
Deine Schwingungen ohnehin überwiegend
feminin.
Betrachte es also als Tarnname.
Die Operation läuft ab sofort unter "Code
Philomele", was sowohl Deinen Vornamen
einbezieht wie auch im altgriechischen Nachtigall
bedeutet."
Phil erstarrte, das gefiel ihm nun absolut
nicht, doch ehe er überlegen konnte,
ob diese Anrede auf irgendeine versteckte
Weise eine Degradierung bedeuten
sollte, sprach LEA schon weiter:
"Bitte keine unnötige Diskussion über
Dinge, die für jedermann so klar erkennbar
sind, im Grunde verdankst Du unsere Kontaktaufnahme
genau diesem Umstand, daß Du
nämlich tagträumend eine Phantasie
entwickelst, die dem sonst eher logischen
Geschlecht zumeist nicht zur Verfügung
steht. Unsere Ortungssonden registrierten
Deine gedanklichen Schwingungen und speicherten
sie unter dem Codewort "Song of
Philomele"."
"Wenn das bedeutet, ich werde unter absonderliche
Lebensform eingereiht, darauf
kann ich gelassen verzichten" sagte P H I
L unmutig.
"Du nervst," sagte LEA gelassen, "ist es wirklich
so wichtig für Dich, welchem
Geschlecht man Dich zuordnet?"
"Nicht unbedingt," sagte P H I L zögernd,
"zumindest war es mir bisher nicht
bewußt, daß ich da Unterschiede
mache."
"Du machst sie...noch..." sagte LEA und grinste
tatsächlich, "aber das gewöhnen
wir Dir noch ab."
"Wer ist WIR?" fragte P H I L schnell.
"Die Gruppe" antwortete LEA präzise, und
ehe er Fragen stellen konnte, fuhr sie
bereits fort...
"WIR sind eine Gruppe Dir unbekannter Daseinsformen,
in der ich die Aufgabe habe,
Dich für ein gemeinsames Projekt anzuwerben
und Informationen jeder gewünschten
Art weiterzugeben, sofern diese unsere hiermit
gestartete gemeinsame Aktion beinhalten.
Angaben über unsere Herkunft erfolgen
nicht, noch wird je aufgeschlüsselt,
auf welche Weise wir zu den Kenntnissen über
sämtliche Lebensäußerungen auf
diesem Planeten kommen.
Aber einen Rat gebe ich Dir:"
Die Stimme der schönen Frau wurde auf
seltsame Weise eindringlich;
sie flüsterte fast...
"Überlege gut, denn die Folgen dieser
Veränderungen wirst Du ertragen müssen,
auch dann, wenn sie keineswegs so ausfallen,
wie Du es Dir ausgedacht oder
angenommen hattest."
Eine lange Pause entstand, P H I L hatte das
Gefühl, vor einer Wende in seinem
Leben zu stehen, die ebenso undurchschaubar
wie phantastisch war, und fühlte
sich einen Augenblick lang außerstande,
ein Gefühl der Beklemmung zu
unterdrücken.
Die Vermutung, er könne es noch immer
mit einem Computerprogramm zu tun haben,
das von einem menschlichen Hirn konzipiert
sein könnte, war verflogen, hier
geschah etwas Außergewöhnliches,
und er hatte nicht vor, auch nur einen
Augenblick davon zu versäumen, nicht
einmal nach dieser Warnung.
"Ich bin dabei," sagte er entschlossen, "also
her mit den Bedingungen, was
erwartet "die Gruppe" von mir?"
"NICHTS..." sagte LEA, "außer der Akzeptanz,
daß die menschliche Rasse am Anfang
einer Entwicklungsstufe steht, die als aufsteigend
bezeichnet werden kann.
Die Gruppe befürchtet jedoch, daß
die Bewohner des Planeten Erde diese
natürliche Entwicklung nicht mehr erleben
werden, weil Euere Weichen seit langer
Zeit kontinuierlich in die falsche Richtung
gestellt sind.
Alles was Du also jetzt mit Hilfe der "Gruppe"
veränderst, könnte bedeuten, daß
diese Fehlentwicklung gestoppt wird, bevor
sie als "nicht mehr umkehrbar"
bezeichnet werden muß."
"Und wo liegt bei all dem das Interesse "der
Gruppe" ?" fragte P H I L
argwöhnisch.
"Das ist eine typisch menschliche Denkweise,"
sagte LEA belustigt, "aber ich
will Dir antworten.....WIR sind für einen
bestimmten Bereich des Universums
verantwortlich, ohne aber Entwicklungen abrupt
stoppen zu dürfen, ganz gleich,
wie mißliebig diese auch sind.
Aber wir können sie gezielt beeinflussen.
Dies geschieht zumeist unauffällig und
wird von der jeweiligen Spezies nicht als
Eingriff wahrgenommen.
Droht aber die Entartung einer Lebensform,
haben wir die Möglichkeit, direktere
Wege zu gehen, ohne aber unsere Hauptmaxime
"Tarnung unserer eigenen Existenz"
und der anderer in dieser Galaxie zu vernachlässigen......"
".......HALT ..." sie ließ ihn nicht
antworten ".....das...., Philomele, wird ab
sofort alles sein, was Du je über uns
erfahren wirst, also keine Fragen mehr zu
diesem Komplex."
Leas Stimme war hart und kompromißlos
geworden, und P H I L wußte, er würde
keine Antworten mehr erhalten, die ihn in
die Lage versetzen würden, zu
begreifen, aus welchem Teil des Universums
sein Bildschirmgast kam.
Daß er es mit einer absolut ungewöhnlichen
und damit außerirdischen Lebensform
zu tun hatte, war ihm so klar, daß er
keinen Gedanken mehr an irgend eine
technisch ausgelöste PC Simulation verschwendete.
"Wenn Du von "jeweiliger Spezies" sprichst,
bedeutet das also, da gibt es andere
Welten, die der unsrigen gleichen?" fragte
P H I L .
"Natürlich, nicht einmal mit der Deiner
Rasse eigenen Überheblichkeit wird doch
ernsthaft angenommen, die menschliche Lebensform
könne einmalig oder nur
überragend sein, das seid Ihr also nicht"
sagte LEA, und ihre Stimme klang
leicht süffisant.
"Ihr liegt nicht einmal im guten Mittelfeld,
sondern krebst irgendwo in der
unteren Hälfte einer galaktischen Werteskala
herum."
"AHA, und wieso schaltet sich "die Gruppe"
ein, wenn wir für Euch nicht mehr als
Ausschuß sind?" sagte P H I L spöttisch,
konnte aber den gekränkten Unterton
nicht völlig verbergen.
"Das sagte ich schon, die Gruppe ist für
diesen Bereich verantwortlich..." und
dann leicht ungeduldig, "...stelle Dir einfach
vor, Euer geistig/moralischer
Aufstieg, in welche Höhen auch immer,
ist für "die Gruppe" eine Bestätigung
ihres Lehrprogrammes.
Jede Stufe, die Ihr auf diesem Wege schafft,
bedeutet für "die Gruppe", daß ihr
Lehrkonzept stimmig ist und öffnet damit
für uns selbst ebenfalls neue
Aufstiegsmöglichkeiten, immer vorausgesetzt,
es gelingt, eine Richtungsänderung
nur zu unterstützen und anzuregen, nicht
aber direkt auszulösen..." dozierte
LEA.
"Keine Lebensform wird also auf den "WEG"
gezwungen, sondern Einzelexemplare
haben die Möglichkeit, mit unserer Hilfe
bestehende Gegebenheiten zu verändern
und herauszufinden, ob diese verbesserten
Abläufe die Menschheit insgesamt aus
ihrer degenerierten Phase herausreißen
oder nicht.
Du bist weder der Erste, noch der Letzte,
der auf diese Weise die Gelegenheit
bekommt, Einfluß zu nehmen, es gab in
der Vergangenheit immer wieder
diesbezügliche Kontaktaufnahmen, doch
haben sie nicht allzu viel bewirkt.
Der letzte Aspirant war ein gewisser Jesus
von Nazareth, der sich aber leider
gegen die damaligen Existenzen nicht behaupten
konnte. Er hat den Widerstand
unterschätzt, der ihm entgegenschlug,
entgegenschlagen mußte, weil er seine
Mitmenschen zu sehr idealisierte.
Danach hat "die Gruppe" fast zwei Jahrtausende
keinerlei Verbindung mehr zu der
Spezies Mensch aufgenommen.
LEA schürzte leicht die Unterlippe, und
ihre dunklen Augenbrauen hoben sich, was
ihr etwas leicht diabolisches gab....sie sagte
kurz
"...dieser letzte mißlungene Versuch
sollte Dir zu denken geben, rechne also
nicht mit Einsichten oder Erkenntnissen, die
Deine Mitmenschen befähigen, den
großen Bogen zu erkennen und sich grundlegend
zu verändern.
Im Grunde hatten wir nie allzu viel Glück
mit den sogenannten Ausnahmemenschen,
sie sind wohl zu idealistisch, entscheidende
Direktiven zu geben, sie verzetteln
sich zu oft in dem Bemühen, den Kretins
unter Euch so etwas wie höhere
Sichtweisen zu vermitteln und übersehen,
daß denen jede emotionale Grundlage
hierzu fehlt, sie sind weniger dekadent als
schlicht und einfach dumm, die
meisten zumindest. Die von Grund auf degenerierte
Sorte gibt es natürlich auch,
so daß Du also davon ausgehen solltest,
der Widerstand, der Dir als
Einzelkämpfer entgegenschlagen wird,
wäre immens, wenn es Dir nicht gelingt,
Deine Existenz zu tarnen.
Daß es gerade jetzt zu dieser Verbindung
kam, liegt aber auch an Dir.
Seit etwa 2 Jahren sind deine Visualisierungen
Gegenstand der kontinuierlichen
Konferenzen "der Gruppe", es war also absehbar,
daß deren Inhalte irgendwann
durchleuchtet, kontrolliert und übersetzt
werden würden, denn Veränderungen
innerhalb der Galaxie, die Ihr Milchstraße
nennt, werden immer gespeichert, sie
könnten ja einmal wichtig für die
Gruppe werden."
"Und das waren sie?" fragte P H I L leicht
unsicher, denn er wußte nicht so
recht, ob er es so gut fand, daß seine
innersten Gedanken irgendwo in einer
Recheneinheit von ihm unbekannten Ausmaßen
gespeichert lagen und von Wesen
abgerufen wurden, deren Existenz sich seinem
Begriffsvermögen entzog.
Eine Pause entstand....LEA antwortete nicht...sie
schien in eine unbekannte
Ferne zu blicken, und P H I L vollkommen vergessen
zu haben.
Der saß in sich zusammengesunken auf
dem gepolsterten Drehstuhl und befahl sich
angestrengt, sofort ALPHA zu erzeugen, er
mußte, koste es was es wolle, auf
irgendeine Weise das Gehörte verarbeiten,
mehr an Informationen waren im
Augenblick nicht zu verdauen, er brauchte
sofort einen Entspannungsfreiraum,
mußte notfalls visualisieren, was auch
immer, er hatte sich abzugrenzen gegen
diese Flut von Aufklärungen, Hinweisen
und absolut phantastischen Betrachtungen
seiner eigenen Existenz und der Beschaffenheit
seines Lebensraumes. Und es war
ihm in diesem Moment völlig egal, wer
sonst noch mithörte oder seine höchst
intimen Empfindungen auswertete.
Er schloß die Augen und richtete die
Augäpfel um etwa 15 Grad augenbrauenwärts,
und nahm damit automatisch die Ausgangsposition
zur Erlangung des totalen
Entspannungszustandes ALPHA ein.
Doch diesmal funktionierte es nicht wie gewohnt,
es gelang ihm nicht, das
Portrait auf dem Bildschirm gedanklich auszuschalten,
das wunderschöne Gesicht
schien fest in sein Gehirn eingebrannt, bei
dem Versuch, gedankliche Leere zu
visualisieren, scheiterte er immer wieder
und begann verzweifelt, die so oft
geübten Abläufe erneut durchzuspielen.
"So geht das nicht," sagte LEA plötzlich
ungeduldig, "das Alles funktioniert
schneller und einfacher. Sage einfach, ich
brauche ALPHA, und Du wirst Deinen
Freiraum zu jeder Dir beliebigen Zeit bekommen,
egal ob Du rekapitulieren, Dich
abgrenzen oder nur ausruhen willst.
Deine geistige Kapazität wurde von uns
einkalkuliert, mußte einkalkuliert
werden, denn wir reagieren nur auf das, was
Du an Gedankengebäuden errichten
wirst.
Wir werden also auch nur das umsetzen, was
Du zuvor als möglichen Weg der
Veränderung und Verbesserung erdacht
hast, geben nur ganz wenig Hinweise, wenn
es gilt, allzu krasse Fehlentscheidungen zu
vermeiden, aber wir müssen uns an
die Ideen und Möglichkeiten eines Erdbewohners
halten, es ist uns nicht erlaubt,
Entwicklungssprünge selbst einzuleiten."
Ich brauche ALPHA, ich brauche ALPHA dachte
P H I L und seine beiden Hirnhälften
schienen fast zu explodieren.
"PHILOMELE braucht ALPHA" tönte eine
Stimme in ihm wie der Widerhall seiner
eigenen Gedanken, und er tauchte im Bruchteil
von Sekunden in die ihm bekannte
Welt totaler Entspannung.
Schwebender Zustand, friedvoll und ohne Anforderungen.
Doch diesmal war es anders als sonst, er schien
irgendwie sein Zeitgefühl zu
verlieren; dort, wo er sonst innerhalb solcher
Phasen eine Art idyllischer Wärme
und Geborgenheit empfand, war jetzt ein unerklärliches,
unbekanntes Gefühl
großer Weite, er konnte nichts wahrnehmen
außer diesem überwältigenden Eindruck
grenzenloser Sicht. Es schien alles gleichzeitig
zu sein,
überwältigendes Glücksgefühl,
eine Art Angekommensein in der einzigen ihm gemäßen Lebensform
und dann - fast blitzartig - die Erkenntnis,
diesen Zustand jederzeit
unbegrenzt beibehalten oder wiederholen zu
können.
Er atmete tief und versuchte, aufzutauchen,
was ihm mühelos gelang, ohne daß er
den Eindruck, seine Existenz habe sich gerade
entscheidend verändert, verlor.
"Nun, Philomele," sagte LEA sanft, "war es
das?"
Und ohne seine Antwort abzuwarten, sagte sie
befriedigt:
"Dies war der letzte Test für die Gruppe,
Du hast ihn bestanden und Deine
Alpha-Zeit automatisch mit den Reflexionen
gefüllt, die zugelassen sind.
Genauer, hättest Du innerhalb Deiner Alpha-Zeit
jetzt Gefühle wie
Allmacht, Gier, Überlegenheit oder Ausnahmebewußtsein
verinnerlicht,
wäre unser Kontakt sofort beendet worden.
Du hast Dich dagegen als Mosaik in einem großen
Ganzen gesehen, und genau das
ist Dein Ausgangspunkt, unsere Zusammenarbeit
kann beginnen."
"Kann sie nicht..." sagte P H I L.
Es gefiel ihm so gar nicht, manipuliert zu
werden, und dies kam dem sehr nahe.
"Ich werde eine Auszeit nehmen," sagte er
kurzentschlossen, "ich gehe jetzt nach
Hause und werde nachdenken, vielleicht auch
Rat einholen."
"Auszeit ist o.k. ," sagte LEA schnell, "aber
wir bestehen darauf, daß Du nur
auserwählten Personen gegenüber
dieses Gespräch erwähnen wirst.
Im Moment bedeutet all dies, die Gruppe hat
entschieden, daß Du damit warten
mußt, Dir Hilfe, Zuspruch oder Unterstützung
innerhalb Deines derzeitigen
persönlichen Umfeldes zu suchen."
"Worauf warten...?" fragte P H I L mürrisch.
"Auf die Person, der Du Dich unbesehen anvertrauen
darfst, Du hast sie noch nie
gesehen, aber Du wirst sie auf Anhieb erkennen,
sobald sie Dir zum erstenmal
begegnet."
"Und einer solchen fremden Person sollte ich
dies hier erzählen? Nie und
nimmer......." sagte P H I L ungläubig.
"Du wirst...und damit Schluß für heute." sagte LEA, und der Bildschirm erlosch.
P H I L wußte hinterher nicht mehr so
genau zu sagen, wie er zum Fahrstuhl
gekommen war, das Gebäude der ITE verlassen
und im dichten Verkehr der riesigen
Stadt den Weg zur U-Bahnstation gefunden hatte,
er nahm seine Umgebung kaum
wahr, denn seine Gedanken rasten.
Er bestieg im dichten Feierabendverkehr die
Bahn zum linksrheinischen Stadtkern
und klammerte sich an der Haltestange in Ausgangsnähe
fest.
Nach wie vor hatte er das fast unwiderstehliche
Bedürfnis, über diese
ungeheuerlichen Vorgänge zu reden, wußte
jedoch sofort, daß LEA recht hatte,
das konnte gefährlich werden.
Er mußte den letzten Satz laut gedacht
haben, denn schräg hinter ihm verspürte
er im Gedränge der Metro eine leichte
Berührung, und eine dunkle, sanfte
weibliche Stimme sagte fragend: "Was sagten
Sie bitte?"
Er wandte sich der Stimme zu und erstarrte.
LEA, das war LEA, sie mußte es sein,
das gleiche wunderschöne Gesicht, die
langen Haare allerdings zu einem dicken schwarzen
Zopf auf dem Hinterkopf festgesteckt und
diese Augen, ein dunkles Violett, unergründlich
und doch so ungeheuer sanft und
warm.
Er versank in diesen Augen wie in einem warmen
See, es war von unglaublicher
Intensität, dieses Gefühl, und er
wußte mit blitzartiger Gewißheit, wer immer
diese junge Frau war: sie mußte in direkter
Verbindung zu all dem stehen, was
ihm am heutigen Abend widerfahren war.
"Kann ich etwas für Sie tun?" Sie sah
ihn immer noch fragend an.
"Ja, nein, ich weiß nicht..." er stotterte
fast und kam sich wie ein kompletter
Idiot vor, "...ich denke wir kennen uns..."
sagte er schließlich und wußte genau, das war
die weiß Gott blödeste Anmache,
die sich denken ließ, und wenn sie darauf
einging, konnte es mit ihrer Intelligenz nicht
allzu weit her sein.
Sie antwortete nicht, wandte sich aber auch
nicht ab, sondern fixierte ihn auf
eine überaus eindringliche und fast insistierende
Weise.
Endlich, die Pause kam ihm unendlich lang
vor, erwiderte sie langsam und ohne zu
lächeln: "Wir haben uns zwar noch nie
gesehen, aber ich sehe, daß Sie glauben,
mich zu kennen, das muß also einen Grund
haben."
Er war unendlich erleichtert, daß sie
ihn nicht für einen typischen Aufreißer
hielt, sondern neugierig genug war, sein seltsames
Verhalten ergründen zu
wollen.
"Würden Sie fürs erste akzeptieren
können, daß ich Sie nicht nur kenne, sondern
Ihnen auch Unglaubliches zu berichten habe?"
sagte er schnell und wich einer
Schar aussteigender Fahrgäste nur mühsam
aus.
Ehe sie etwas sagen konnte, wurde sie von
einer Gruppe laut schnatternder
Japaner in dem überfüllten U-Bahn-Abteil
von ihm weggedrängt und er rief
"...LEA, LEA, wir sehen uns beim nächsten
HALT."
Er erhaschte noch soeben ihren total überraschten
Blick, als er auch schon durch
die japanische Clique, die gestikulierend
zum Ausgang strebte, durch die
Waggontür nach draußen gespült
wurde.
Verzweifelt versuchte er, wieder ins Abteil
zurück zu gelangen, doch schon
schlossen sich fauchend die Drucklufttüren,
und es war zu spät.
P H I L überlegte keine Sekunde, er stürzte
sich in die zur Oberfläche strebende
Menge, sauste im halsbrecherischen Tempo über
die Treppe und raste mit
weitausholenden Schritten über den Stationsvorplatz
zum ersten Wagen in der
Halteschlange am Taxistand.
Keuchend ließ er sich auf den Beifahrersitz
fallen und rief "Schnell, es brennt,
sofort zum nächsten U-Bahn-Halt!"
"Stadtein- oder auswärts?" fragte der
Taxifahrer ungerührt.
"Fahren Sie doch schon, ich sags Ihnen ja
sofort!" schrie P H I L .
"Auch gut..." antwortete der Taxifahrer und
fuhr an.
"Zum Stinglplatz, da ist der nächste
Halt, da muß ich in 5 Minuten sein, oder
die Welt geht unter" sagte P H I L aufatmend.
"Wird sie schon nicht," knurrte der Fahrer,
"nichts vergeht, das derart
unzulänglich ist. An dem beschissenen
Planeten werden wir uns gemeinsam noch
eine ganze Weile erfreuen dürfen, aber
an
mir solls nicht liegen, wenn Sie das
Licht Ihres Lebens verpassen, wär ja
echt nicht zu verantworten" er grinste
seinen Fahrgast im Rückspiegel an und
setzte gelassen hinzu:
"Keine Sorge, wir schaffen das, denn zur Wahrscheinlichkeit
gehört auch, daß das
Unwahrscheinliche passiert. Sagte Aristoteles."
"Auch das noch," sagte P H I L unwillig, "ein
Philosoph im Taxi, das hat mir ja
gerade noch gefehlt."
Doch der Philosoph schob sich nur belustigt
seine Mütze in den Nacken und
steigerte nicht nur sein Tempo derart, daß
er die Kurven nur noch auf
quietschenden Reifen nehmen konnte, sondern
schlängelte sich auch mit einer
Geschicklichkeit durch den vor ihm fließenden
Verkehr, daß P H I L sich beruhigt
zurücklehnte: wenn überhaupt jemand
die Strecke in dieser kurzen Zeit
zurücklegen konnte, dann hatte er diesen
Mann gerade gefunden.
Es stand für P H I L vollkommen außer
Frage, daß LEA an diesem nächsten HALT auf
ihn warten würde, warten mußte,
es sei denn, sie hatte keinerlei Bezug zu all
den Ereignissen, die ihm an diesem frühen
Abend widerfahren waren und hatte
deshalb in ihm nur einen etwas seltsamen,
aufdringlichen Verehrer gesehen, auf
den sie dann natürlich kaum warten würde.
Eine solche Schönheit hatte es nicht
nötig, U-Bahn-Bekanntschaften zu schließen,
das stand fest.
"Zwei Minuten ALPHA" murmelte P H I L lautlos
und tauchte bereits ab, ehe er den
Gedanken auch nur zu Ende gebracht hatte.
"Du wirst sie finden..." tönte es in
ihm und mehr noch, "...aber Achtung, sie
ist zwar die Person, die wir Dir angekündigt
haben, aber sie ist nicht
informiert und nicht einbezogen, Du wirst
sie also überzeugen müssen."
Abrupt tauchte P H I L aus seinem Entspannungszustand
wieder auf und sagte laut:
"Verdammt noch mal, auch das noch!"
"Was ist denn nun los?" sagte der Taxifahrer
erschrocken, "Schneller kann ich
aber nun wirklich nicht sein, Sie müssen
ohnehin zum Fahrpreis 2 Strafzettel
hinzurechnen, wir wurden gerade zum zweitenmal
geblitzt."
"Machen Sie sich darüber keine Sorgen,
ich zahle, auch wenn ich meine
Kontaktperson nicht mehr antreffe."
"Na, das wollen wir doch hoffen..." sagte der
Fahrer, " ..da wären wir schon."
Er fuhr ein gutes Stück über den
Taxistand hinaus, so daß P H I L unmittelbar
vor dem Stationseingang aussteigen konnte.
Er drückte dem Fahrer, der ihn mit erwartungsvollem
Blick musterte, zwei
Hunderter in die Hand, wandte sich dann hastig
in der Wagentür noch einmal um
"Du bist eine Wucht Aristoteles..." und weg
war er, in der Schwingtür zur
Station fast einen entgegenkommenden Passagier
überrennend.
Er stoppte, als habe der Blitz ihn getroffen:
LEA, es war tatsächlich LEA.
"Mein Gott, Sie haben gewartet" stöhnte
er und umfaßte erleichtert und glücklich
ihre schmalen Schultern.
Sie entwand sich seinem Griff und sagte ärgerlich
"Sie haben es ja auch spannend
genug gemacht, woher kennen Sie meinen Namen,
das zumindest will ich jetzt auf
der Stelle wissen."
"Sie werden noch viel mehr erfahren" sagte
P H I L und stieß, befreit und auf
eine fast erlöste Weise glücklich,
die Luft aus den Lungen.
"Kommen Sie," er hakte sie kurzentschossen
unter, "wir trinken in dem Bistro an
der Ecke einen Kaffee, und dann werden Sie
entdecken, daß die Realität viel
phantastischer ist, als Sie sich das je ausmalen
können."
"O.K. ," sagte sie ruhig, "aber ich warne Sie,
sollte sich in den ersten 2
Minuten auch nur ansatzweise herausstellen,
daß Sie an mir Ihre ganz spezielle
eigene Anmache testen wollen, dann haben Sie
schneller den Kaffee im Schoß, als
sie top sagen können, und ich werde darauf
achten, daß er noch brühheiß ist."
"Einverstanden, Sie Sadistin," sagte P H I
L lachend, "aber keine Sorge, ich
übersehe zwar keineswegs Ihre Attraktivität,
aber im Moment habe ich gänzlich
andere Probleme."
Sie betraten das kleine, ziemlich ruhige Bistro,
und P H I L dirigierte seine
Begleiterin in eine nicht einsehbare Ecke
des Lokals.
"Zwei Kaffee..." sagte er kurz im Vorbeigehen
am Tresen, "...schön heiß..."
fügte LEA hinzu und sah ihn warnend an.
"Kommt sofort..." antwortete die Kellnerin
und servierte das wirklich kochend
heiße Getränk bereits, als beide
noch nicht ganz Platz genommen hatten.
"Ich höre" sagte LEA, und ihre dunkel-violetten
Augen sahen ihn prüfend an.
P H I L holte tief Luft und begann mit einer
Frage:
"Gestehen Sie mir zu, daß ich Ihren
Namen eigentlich nicht kennen kann,
weil wir uns wirklich nie zuvor gesehen haben?"
"Ich würde mich an Sie erinnern," sagte
LEA kurz, "zu übersehen sind Sie ja
kaum" meinte sie dann etwas ruhiger und musterte
ihn prüfend.
"Wenn Sie damit auf meine 1.87 anspielen, mag
das wohl stimmen" lächelte P H I L
und das Grübchen in seinem markanten
Kinn trat noch deutlicher hervor.
"Also," sagte LEA ungeduldig, "was ist nun,
nachdem klar ist, daß wir uns
wirklich noch nie gesehen haben?"
"Dazu muß ich auf Ereignisse zurückgreifen,
die sich vor ca.einer Stunde an
meinem Arbeitsplatz ereignet haben und möchte
Sie bitten, mir zunächst ohne
Wertung zuzuhören...unterbrechen Sie
mich bitte auch dann nicht, wenn Sie das
Gefühl haben, ich spinne, Sie spinnen,
oder die ganze Menschheit spinnt..."
sagte P H I L eindringlich.
"Versprochen..." sagte LEA "...Sie haben Glück,
ich liebe phantastische
Geschichten, vorausgesetzt, sie wurden nicht
erfunden, um mich aus Gründen, die
ich noch nicht durchschaue, auszutricksen."
P H I L begann zögernd, stockend und zunächst
reichlich unsicher, denn es kam
ihm so vor, als sei weder seine Stimme noch
das, was er erzählte sonderlich
überzeugend.
Als LEA aber nach wie vor nichts sagte, sondern
- ihren Blick unverwandt auf
sein Gesicht geheftet - nur an ihrer vollen
Unterlippe nagte, sprach er
fließender, versuchte, sich an jedes
Wort zu erinnern, das zwischen ihm und Leas
Ebenbild auf seinem Bildschirm gefallen war.
Er ließ keinen Satz aus, sprach über
sein Gefühl im Alpha-Zustand, indirekt
davon ausgehend, daß seinem Gegenüber
diese Entspannungsübung unbedingt bekannt
sein müßte, und endete schließlich
aufatmend mit der Frage
"Verstehen Sie nun, wieso ich bei ihrem Anblick
sofort wußte, wie Sie heißen,
heißen müssen, wenn all das, was
mir geschah, auch nur irgendeinen Sinn haben
soll?"
LEA schwieg noch immer, sie schien angestrengt
nachzudenken und sagte
schließlich völlig überraschend
"Haben Sie bereits ein Projekt?"
"Welches Projekt?" fragte P H I L erstaunt.
"Nun, wenn Sie etwas verändern," sie korrigierte
sich sofort "verbessern wollen,
mit wessen Hilfe auch immer, dann müssen
Sie doch zuvor konkret darüber
nachgedacht haben, auf welchem Gebiet Sie
diese Verbesserung erreichen
wollen.Und diese Ihre Gedanken sind es demzufolge,
die dazu geführt haben
müssen, daß "die Gruppe" auf Sie
aufmerksam wurde."
Sie sah ihn fragend an, und fuhr leicht spöttisch
fort:
"Sie werden sich doch kaum -wo auch immer
-hinstellen wollen, mit den Fingern
schnippen und vom Berggipfel in ein imaginäres
Tal rufen, es werde Licht
.....oder der Weltfrieden möge auf der
Stelle Realität werden."
Ehe er sich über den Spott in ihrer Stimme
ärgern konnte, fiel ihm zum Glück
etwas ungleich Wichtigeres auf....sie schien
ihm zu glauben.
Oh Gott, sie hält
mich weder für einen Irren, noch für
einen Playboy mit perfektem
Aufreißerprogramm.
Er strahlte sie an und war ersichtlich unendlich
erleichtert.
Doch dann änderte sich sein Blick plötzlich,
er sah leicht konsterniert aus,
fuhr sich mit beiden Händen durch das
wirre blonde Haar und sagte etwas
kleinlaut:
"Ich bin zu gar nichts weiter gekommen, das
alles geschah doch eben jetzt, und
ich hatte mich auf eine umfassende Auszeit
in meinen eigenen vier Wänden
eingerichtet, da sah ich Sie."
Er sah jetzt aus wie ein etwas ratloser blonder
Wikinger, dessen
Eroberungsfeldzug total zu mißlingen
drohte.
"Wer oder was aber sind Sie, darf ich das
jetzt wissen?" fragte er.
"Mein Name ist LEA Windeck, und ich arbeite
direkt neben dem Gebäude der ITE in
der Kinderschutz-Organisation "Childrens Eden"
" sagte sie etwas unterkühlt, und
es war ihr anzumerken, daß sie nicht
ganz bei der Sache war.
"Oh..." - es schien, als nähme er ihre
Aussage erst einmal zur Kenntnis, ohne
dahinter nach einer tieferen Bedeutung für
sich fahnden zu wollen.
"Wenn ich also in Ihrer Geschichte nicht unerheblich
bin, Sie also wirklich
glauben, in mir Ihre gesuchte Partnerin für
dieses reichlich phantastische
Unternehmen gefunden zu haben, dann dürfte
doch wohl klar sein, daß mein Beruf
bei all dem eine Rolle spielen wird," sagte
LEA kühl, "denn es darf doch wohl
bei unseren Überlegungen vernachlässigt
werden, daß all dies etwa im
Zusammenhang mit der Produktion Ihres Arbeitgebers
steht."
"Es fällt mir ohnehin etwas schwer, davon
auszugehen, Ihre Besucher aus dem
Weltraum wären an einer verbesserten
Herstellung von Klo- und Küchenpapier
interessiert." LEA sah bei dieser Frage auf
die gleiche Weise diabolisch aus,
wie zuvor ihr Ebenbild auf seinem Monitor.
Hurra, sie sagt "WIR..
dachte P H I L befriedigt, fuhr dann aber etwas unwirsch
fort:
"Nun mal halblang, immerhin erfolgte der Erstkontakt
mit mir, also wird mein
Beruf ebenfalls nicht unwichtig für das
Ganze sein, ich arbeite als
Systemanalytiker im Rechenzentrum der ITE,
und das wird wohl bedeuten, der
Rechner ist in jedem Fall für die Verbindung
notwendig" er sah sie triumphierend
an.
"Das anzunehmen sei Ihnen unbenommen..." antwortet
LEA immer noch etwas
abwesend, doch plötzlich erhellte sich
ihr Gesicht, sie schien zu einem Ergebnis
ihrer Überlegungen gekommen zu sein.
"Könnten Sie sich vorstellen, das zu
startende Projekt hat auch nur im weitesten
Sinne etwas mit den Rechten von Kindern zu
tun?"
"Womit?" P H I L war etwas unkonzentriert.
"Nun damit zum Beispiel, endlich die kommerzielle
sexuelle Ausbeutung von
Kindern international zu beenden" sagte LEA
ungeduldig...
Sie sprach sofort weiter, als wolle sie ihn
nicht eher zu Wort kommen lassen,
bis sie ihren Standpunkt völlig klar
gemacht habe.
"Wußten Sie daß Deutschland den
zweiten Platz hinter Thailand einnimmt, was
Mißbrauchsdelikte angeht?
Daß es weltweit jährlich 2 Millionen
bekannte Fälle gibt, die Dunkelziffer also
entsprechend sein muß?
Ihre Stimme wurde eindringlicher, fast beschwörend:
"Soeben lief ein Kongreß in Stockholm,
es trafen sich Experten aus 100 Ländern.
Als Ursachen für die enorm angestiegene
sexuelle Ausbeutung von Kindern
wurden die Pornographie und das Armutsgefälle
zwischen den Industriestaaten und
der Dritten Welt angeführt.
Der internationale Kinderschutzbund, die UNICEF
und andere Organisationen
bemühen sich seit Jahrzehnten weltweit,
zumindest die Umsetzung der bestehenden
Gesetze zu erreichen, ohne große Erfolge,
denn inzwischen ist das Gewerbe fest
in der Hand überwiegend männlicher
Täter und deren Zulieferer.
Es ist an der Zeit, generell das Recht des
Kindes neu zu definieren und zu
erreichen, daß diese Rechte nicht grundsätzlich
vernachlässigt werden dürfen,
nur weil Kinder keine Lobby haben."
P H I L starrte LEA fasziniert an, sie war
auf Äußerste engagiert, und ihre
Stimme wurde fast unbarmherzig, als sie abschließend
mit stählerner Stimme
sagte:
"Ich stimme voll und ganz der Ansicht der
schwedischen Monarchin zu, die während
des Kongresses sagte:
Man müsse Kinderschänder öffentlich
brandmarken und outen...die Täter
unbarmherzig an den Pranger stellen, und damit
erreichen, daß sich diese
Delikte im Bewußtsein der gesamten Weltbevölkerung
als die abscheulichste
und widerwärtigste Degeneration menschlichen
Verhaltens verankern.
Dieses Gesindel muß ausgerottet werden,
es dürfte nie wieder ein Kind geben, das
bereits im Babyalter dermaßen geschädigt
wird, daß es in seinem ganzen Dasein,
sofern es überhaupt überlebt, nie
wieder fähig wird, ein normales Leben zu
führen, oder gar selbst Kinder großzuziehen,
ohne die Perversitäten, die ihm
widerfuhren, ebenso an seinen Nachkommen auszuüben."
Leas Gesicht drückte soviel leidenschaftliche
Wut aus, daß P H I L erschrak;
diese Frau würde er hoffentlich niemals
zur Feindin haben, sie war für den, der
nicht ihren erkennbar humanistisch geprägten
Ansichten entsprach, eine
ernstzunehmende Gegnerin.
Nun, LEA schien seine Antwort jetzt zulassen
zu wollen, aber er war nicht
geneigt, sich von ihr jetzt und hier derart
festgelegt zu sehen.
"Ich schlage vor, wir sollten beide nach Hause
gehen und jeder für sich eigene
Überlegungen anstellen" sagte er vage.
Aber so schnell ließ sie sich nicht ausbooten.
"Überlegen Sie doch" sagte sie eindringlich
und flüsterte nun nahe an seinem
Ohr:
"Ist dieser Punkt es nicht in jedem Fall wert,
ganz oben auf der
Prioritätenliste zu stehen, wenn es überhaupt
je zu all dem kommen sollte, das
Sie mir hier noch als bloße Fiktion
in Aussicht stellen......NEIN, NEIN, das
heißt nicht, daß ich Ihnen nicht
glaube, aber schon, daß ich alle ihre Angaben
keinesfalls ungeprüft hinnehmen werde.
Sie müssen mich also schon sehr handfest
von all dem überzeugen, was Sie mir
berichtet haben.
Dazu gehört wohl, daß ich bei ihrem
nächsten Kontakt mit der Gruppe dabei bin,
und bis es dazu kommt, würde ich gern
etwas mehr über Ihren Beruf wissen, aber
bitte kein Fachchinesisch, ich bin ein absoluter
Laie und würde gern die Abläufe
und Ziele der Computertechnik verstehen, ohne
daß Sie ins Detail gehen, denn
egal wie unser Abenteuer ausgeht, Computerexperte
werde ich auf keinen Fall,
weder mit noch ohne Ihre Hilfe
Ich gehe aber eher davon aus, dass ein PC
nun wirklich ein Kontaktmittel ist, das Außerirdische
nicht nötig haben ."
Sie sah ihn abwartend an.
"Trotzdem werden Sie sich einen PC zulegen
müssen, Sie sollten darauf
vorbereitet sein, daß ich Ihnen in Notsituationen
irgendwann einmal dringende Nachrichten
weitergeben muß, natürlich verschlüsselt...
"
"Notsituationen? Ich denke, wir bleiben in jedem Fall anonym."
"Na ja, weiß mans, wir haben doch beide
nicht die geringste Ahnung, wie das
Ganze rein technisch ablaufen wird, also wissen
wir auch nicht, ob wir
möglicherweise einmal innerhalb von Sekunden
Entscheidungen zu treffen haben."
"Gut, aber Sie können mir kaum hier einen
Anfangslehrgang über Computertechnik
geben, wohin also?" LEA sah in fragend an.
"Nicht zu mir," sagte er schnell, "ich wohne
nicht allein" schloß er etwas
ungenau.
AHA, LEA schien an seinen Lebensumständen
nicht sonderlich interessiert.
"Zu mir aber auch nicht, denn ich wohne auch
nicht allein..." antwortete sie,
und...wie um kein Mißverständnis
aufkommen zu lassen, setzte sie hinzu "...ich
bewohne ein Appartement, das ich mir von meinem
Einkommen niemals leisten könnte
und daher teile ich es mit einer ehemaligen
Kommilitonin.
Wem können wir vertrauen?"
Sie sah ihn an, als stehe es außer Zweifel,
daß es an ihm liege, einen Platz für
sie beide zu finden, an dem ein ungestörter
Austausch möglich war.
"Es gibt nur zwei Menschen auf dieser Welt,
denen ich in jeder Lage blindlings
vertrauen kann," antwortet P H I L "und nur
einer davon wohnt nahe genug, daß
wir uns noch heute dort anmelden können."
"Auf keinen Fall heute," sagte LEA schnell,
"Sie denken doch nicht, daß ich mit
einem Mann, dessen Namen ich nicht einmal
weiß und von dem ich nicht mehr
erfahren habe als eine absolut unglaubliche
und phantastische Geschichte, in ein
mir ebenso unbekanntes Haus zu einem weiteren
Unbekannten gehen werde."
"Lieber Himmel, entschuldigen Sie, mein Name
ist P H I L ...P H I L Berger, 28
Jahre alt, deutscher Nationalität mit
englischem Einschlag, meine Mutter war
Britin, ich bin ledig und Computertechniker
mit Fachausbildung in Palo Alto
/Kalifornien. Seit 5 Jahren Systemanalytiker
bei ITE und der Unbekannte, zu dem
ich Sie führen wollte, ist mein Großvater
Peter Berger, der im Süden der Stadt
ein Landhaus hat und dem ich wirklich blind
vertraue, außerdem steht dort meine
private Computeranlage, und sowohl mein Großvater
wie auch ich könnten Ihnen die
Anfangsgründe dort demonstrieren."
Er hatte diese Angaben fast heruntergerasselt
und es war ihm sichtlich peinlich,
daß er bisher nicht daran gedacht hatte,
sich vorzustellen.
"Schon gut," sagte LEA ungerührt, "ich
weiß auch nicht, ob ich daran gedacht
hätte, meinen Namen zu nennen, aber Ihnen
muß auch klar sein, daß ich trotzdem
heute nicht mit Ihnen komme, aber...ich möchte
morgen abend nach Geschäftsschluß
bei Ihrem nächsten Kontakt mit "der Gruppe"
dabei sein, und erst dann sehen wir
weiter.
Dazwischen liegen also noch 24 Stunden reiner
Bedenkzeit, und wenn Sie Ihrem
Großvater vertrauen, wäre es doch
ideal, eine Vorbesprechung in seinem Haus
abzuhalten, wie wäre es morgen vormittag
ab 11 Uhr, ich werde ohnehin nur an
einer Routinebesprechung bei "Childrens Eden"
teilzunehmen haben, kann mich also
den Rest des Tages dort ausklinken."
Sie sprach rasch und präzise und schien bereits feste Pläne zu haben.
"Einverstanden," sagte P H I L schnell.
"Jetzt möchte ich bitte diesen aufregenden
Tag beenden, Lea sah müde aus.
"Mehr Input kann dieser menschliche Computer
jetzt nun wirklich nicht
mehr aufnehmen." Sie lächelte ihn spöttisch
an.
"Ich bringe Sie zur U-Bahn" sagte er, legte
das Geld für den Kaffee auf den
Tisch, der inzwischen kalt geworden war, und
geleitete sie aus dem Bistro
hinüber zu Station.
Sie fuhren noch zwei Stationen gemeinsam, dann
stieg sie aus, ohne noch einmal
das Wort an ihn gerichtet zu haben, und verschwand
in der Menge.
Als P H I L nach Hause kam, packte er rasch
ein paar Kleidungsstücke zusammen und rief dann
seinen Großvater an, um ihm seine Ankunft
in ca. 60 Minuten anzukündigen.
Der alte Herr stellte keinerlei Fragen, sondern
sagte nur kurz: komm Junge und
nimm ein Taxi, dann kannst Du es in der Hälfte
der Zeit schaffen.
LEA war inzwischen ebenfalls zu Hause angekommen,
sprang - den Aufzug
verschmähend - die Treppen zum dritten
Stock des Appartmenthauses empor und
öffnete die Wohnungstür.
"He SU, bist Du zu Hause?" rief sie und warf
Tasche und Pelzjacke lässig über
den Garderobenhaken.
"Hier Generalin..." rief eine fröhliche
Stimme aus dem großen Wohnraum am Ende
des Ganges. "Ich ordne soeben mein Leben."
"Na, das möchte ich sehen" sagte LEA und
betrachtete belustigt das kleine
Persönchen, das mit untergeschlagenen
Beinen auf dem Teppich hockte und
sichtlich damit beschäftigt war, Belege
aller Art ordentlich aufeinander zu
häufen, oder einige weniger entschlossen
auf einen Spieß zu heften, der an einem
Holzklötzchen befestigt auf dem Boden
stand.
"Meine Bankauszüge sind ein Alptraum
in Rot" stöhnte Su und blies sich die
blonden Ringellöckchen, die ihr leicht
verschwitzt ins Gesicht hingen, aus der
Stirn.
"Vielleicht solltest Du dagegen langsam mal
etwas Grundsätzliches tun," sagte
LEA sarkastisch, "wenn Du Deine roten Alpträume
lediglich durchlöcherst und sie
im übrigen Staub ansetzen läßt,
wird Dich nicht mehr viel vom endgültigen
Bankrott trennen, aufspießen hilft da
nicht viel."
"Mein Gott, sei doch nicht immer so prosaisch
und nervend logisch, es kann ja
nicht jeder sein Budget bis ins Jahr 2010
überblicken. Sollte mein finanzieller
Untergang nahen, hatte ich aber in der Zwischenzeit
eine Menge Spaß." Su grinste
spitzbübisch und zündete sich gelassen
eine Zigarette an.
"Wo warst Du übrigens so lange?"
"Wie würdest Du es finden, wenn ich sage;
mit einem Mann Kaffee trinken?"
"Was, Du?? Erzähle, wer ist er, Frosch
oder Prinz?"
"Weder noch," sagte LEA lachend, "nur ein Programmierer
von ITE."
Sie hatte nicht die Absicht, Su auch nur eine
Andeutung darüber zu machen, was
an diesem Abend passiert war, denn ihre Mitbewohnerin,
so liebenswert und
unterhaltsam sie auch war, zu der einfühlsamen
Sorte gehörte sie sicher nicht
und was ärger war, sie konnte nicht schweigen.
Deshalb sagte LEA nur abschließend:
"Stelle erst gar keine wilden Vermutungen
an, der Traumprinz lebt nach wie vor
woanders, dieser junge Mann ist nicht einmal
der Abklatsch einer Deiner
Lichtgestalten aus dem Handbuch einer frustrierten
Jungfrau."
"Trotzdem, wenn Du Dich herabläßt,
mit ihm Kaffee zu trinken, muß er ein paar
erstaunliche Seiten haben, denn wenn ich mich
recht erinnere, ist dergleichen
seit 2 Jahren nicht mehr vorgekommen."
"Sag mir lieber, wie Dein heutiges Blind Date
abgelaufen ist" lenkte LEA schnell
ab, war sich aber bewußt, daß
sie jetzt sehr gezielt eine Beschreibung von P H I L
geliefert hatte, die absolut nicht der Wahrheit
entsprach, denn typmäßig war
er unter die Sparte "Jung-Siegfried" einzureihen
und sie wußte, Su wäre voll auf
ihn abgefahren.
Blitzartig wurde ihr klar, daß sie nichts
weniger wollte, als ihn etwa Su's
massiven Flirtversuchen ausgesetzt zu wissen.
Die ganzen Ereignisse des Abend, dieser Mann,
das Alles war derart überraschend
und beeindruckend in ihr Leben geplatzt, daß
sie Zeit brauchte, sich über den
nächsten Tag und die mögliche Fortsetzung
klar zu werden
Sie hatte nachzudenken, jeden Satz und jede
Bewegung P H I L S im Nachhinein zu
werten, um so sicher wie möglich zu sein,
daß sie keinem Schaumschläger oder
Spinner aufgesessen war.
Das Alles war zu neu und zu seltsam, um nicht
wenigstens hinterfragt zu werden.
Auch wenn sie grundsätzlich eine innere
Bereitschaft spürte, ihm zu glauben, war
sie doch viel zu gründlich, nicht jedes
Für und Wider abzuwägen, und dazu
brauchte Sie diese Nacht, wenig Zeit eigentlich,
nichts zu übersehen, das
wichtig werden könnte.
Sie steuerte auf`s Bad zu, aber Su hatte sich
gerade genußvoll in den Sessel
gelümmelt und meinte:
"...Ich denke, die Sache mit den Kontaktanzeigen
kann man vergessen, heute wurde
mir mal wieder einer aus der Gilde der Psychopathen
zuteil." Sie lachte.
"Eigentlich sollte ich über meine diesbezüglichen
Erfahrungen langsam mal ein
Drehbuch verfassen, das hätte garantiert
Chancen, als erste deutsche
Single-SITCOM Furore zu machen, obwohl ich
mich langsam zu fragen beginne, wieso
bei mir immer die Armen im Geiste landen,
dieser hier war der Typ verbeulte
Biotonne, was an sich ganz heiter hätte
enden können. Aber leider nahm man
seinen entsprechenden Gestank auch schon drei
Häuserecken vorher wahr."
"Um Himmelswillen, wenn Du nicht vorsichtiger
wirst, zieht man Dich nach einem
dieser Treffen doch noch mal in Beton gegossen
aus dem Rhein" sagte LEA warnend.
"Na klar Generalin," antwortete SU spöttisch,
"hast Du schon wieder vergessen,
daß Du eine perfekte Karatekämpferin
vor Dir hast, schließlich habe ich den
Aspiranten vom letzten Mittwoch doch durchaus
stilecht auf die Bretter gelegt."
"Das kann auch mal danebengehen..." LEA schüttelte
besorgt den Kopf, "...hör auf
damit, oder Du wirst es einen Tages bereuen."
"Erfahrungen sollte man nie bereuen" rief Su hinter ihr her.
LEA ...soeben noch bereit, den ganzen Abend
Abschnitt für Abschnitt innerlich zu
verarbeiten, fühlte sich auf einmal entsetzlich
müde, es war ihr, als habe sie
stundenlang unter enormer Hochspannung gestanden,
die jetzt abflaute.
Sie ließ sich ein Bad ein, goß
ein paar Tropfen Vanilleduft hinzu und streckte
wohlig die wohlgeformten Glieder in der Wanne
aus.
Ihr langes schwarzes Haar hatte sich gelöst,
und die Zöpfe schwammen beiderseits
auf der Wasseroberfläche wie zwei breite,
glänzende Satinbänder.
Die Entspannung war perfekt, sie konnte nur
mühsam die Augen offen halten und
wußte, sie würde total abschalten
müssen, bei der Stimmungslage würde nicht mehr
viel herauskommen, das Aufschluß darüber
geben konnte, was von diesem
erstaunlichen jungen Mann und seiner Geschichte
zu halten war. Sie schlief schon fast.
Das Landhaus Peter Berger's lag eng an die
Spitze des Hügel geschmiegt in einer
tannenbewachsenen Schonung, und man sah von
der Straße aus am Tage nur die
dicken, behauenen Holzstämme, und jetzt,
in der Dämmerung des kalten
Wintertages, die gelben Lichter hinter den
Fenstern.
Das Gebäude wirkte von außen wie
ein rustikales, sehr stabiles und erkennbar
weiträumiges Blockhaus. Einzige, äußerlich
sichtbare Konzession an das
technische Zeitalter war eine überdimensionale
und erkennbar leistungsstarke
Parabolantenne, ein Hohlspiegel, auf der verschneiten
Wiese vor dem Haus.
Ein Gerät, das besser zur Ausrüstung
eines Astronomen zu passen schien.
Peter Berger hatte fast 45 Jahre in einem
der Uni angeschlossenen Observatorium
gearbeitet, und nach seiner Pensionierung
hatte er den geliebten Beruf zum Hobby
gemacht. Er steckte nicht unbeträchtliche
Summen in den Erwerb immer perfekterer
Technik für seine Liebhaberei und war
in den letzten zehn Jahren zu einer
anerkannten Kapazität auf seinem Gebiet
geworden.
0bwohl er nicht mehr oft sein Domizil verließ,
gab es immer wieder
Aufforderungen an ihn, Vorträge über
sein Spezialgebiet zu halten, denen er aber
immer seltener nachkam.
Ehe P H I L den Eingang erreichte, wurde die
schwere Tür bereits von innen
geöffnet und der alte Herr erschien im
Rahmen.
Er war ebenso groß wie sein Enkel, nur
wesentlich kompakter und breiter. Die
Haut war von der Sonne gegerbt, und seine
dichten Brauen, schneeweiß wie das
dichte Haupthaar, waren über den faltenumkränzten,
stahlblauen Augen
erwartungsvoll hochgezogen.
"Komm schnell rein, es ist kalt und ich nehme
an, Du hast noch nicht gegessen"
sagte er ruhig und sog an seiner Pfeife, die
aber nur noch Staffage war, denn
Peter Berger hatte nach einem Kreislaufzusammenbruch
vor 2 Jahren das Rauchen
endgültig aufgegeben.
Die Pfeife aber verblieb als eine Art Konzession
an genußvollere Zeiten.
P H I L ließ sich aufatmend in einen
der Sessel neben dem offenen Kaminfeuer
niederfallen und nahm dankbar den großen
Porzellanbecher mit Tee aus den Händen
seines Großvaters entgegen.
"Wie wärs mit einer Schüssel Bratkartoffeln Junge?"
"Hinterher... liebend gern," sagte P H I L
, "aber jetzt, Großvater, muß ich Dir
etwas erzählen, daß Dich aus den
Schuhen heben wird."
"Na dann heb mal," sagte der alte Berger ungerührt,
"ich kann etwas Abwechslung
vertragen."
Diesmal ersparte P H I L sich jeden dialektischen
Umweg, er erzählte "seine
Geschichte" schnell, präzise und schnörkellos
und endete mit der Beschreibung
von LEA, wobei seine bis dahin eher bewußt
nüchterne Stimme zunehmend wärmer und
engagierter wurde, was dem alten Mann nicht
entging.
Als er geendet hatte, war es eine ganze Weile
still in dem gemütlichen großen
Raum, man hörte nur das Prasseln der
Holzscheite im Kamin, und keiner der Männer
sprach.
Endlich sagte der Alte ruhig: "Was genau erwartest
Du von mir?"
"Ich weiß nicht" antwortete P H I L ,
als sei er selbst erstaunt, sich diese
Frage bisher noch nicht gestellt zu haben.
Doch dann fuhr er fort: "Du und Lys, Ihr seid
die beiden Personen, denen ich
blind und zu jeder Zeit vertrauen kann, und
ich kann mir keinen Zeitpunkt in
meinem Leben vorstellen, in der ich diese
Vertrauenspersonen mehr brauchen würde
als heute."
"LYS...???" Der Alte zog spöttisch die
starken Brauen hoch, "Du willst mich doch
nicht mit dieser überkandidelten Esoterikerin
auf die gleiche Stufe stellen?"
"Es ist richtig, daß Du zuerst zu mir
gekommen bist," fuhr er fort, "diese
reichlich seltsame Person in Liverpool hätte
ja gleich ihren ganzen
Esoterikerklüngel über Dich ausgeschüttet,
indiskutabel das Frauenzimmer"
knurrte er.
Doch dann schien ihm aufzufallen, wie wenig
seine andauernden Streitereien mit
der Großmutter aus der mütterlichen
Linie seines Enkels hier angebracht waren
und er sagte nur kurz:
"Ein Glück, daß der Weg zu mir
nur 15 Minuten beansprucht, sonst hättest Du
möglicherweise heute Nacht noch einen
BA-Flug buchen müssen."
"Mein Gott Großvater, sie steht mir nun
mal neben Dir am nächsten, und wenn Du
nicht schon fast ein Vierteljahrhundert mit
ihr die "streitbare Kommunikation"
betreiben würdest, hättest Du vielleicht
doch längst erkannt, welch eine tolle
alte Dame sie ist" sagte P H I L grinsend.
"Gehe also davon aus, ich werde sie - wenns
nötig werden sollte - ebenfalls
einbeziehen, aber jetzt und hier brauche ich
Deinen Rat und das, bevor LEA
Windeck morgen hier aufkreuzt und wir gemeinsam
ein Konzept erarbeiten,
erarbeiten müssen.
Wenn wir morgen Abend im Rechenzentrum die
Verbindung zur "Gruppe" wieder
aufnehmen, sollten wir mit einem Plan aufwarten
können, der zumindest die
Richtung weist, in die wir gehen wollen."
Der alte Mann schwieg und sog nur etwas schneller
an der kalten Pfeife.
Dann sagte er bedächtig:
"Ich denke, daß diese LEA recht hat,
die Wahl der Gruppe kann nur deshalb auf
sie gefallen sein, weil sie in einem Bereich
tätig ist, in der sie es mit dem
sensibelsten Teil der menschlichen Rasse überhaupt
zu tun hat, mit Kindern
nämlich.Und wir wissen doch alle," fuhr
er fort, "daß Änderungen,
Umstrukturierungen, Verbesserungen, nenne
es wie Du willst - immer dort
eingeführt werden müssen, wo die
Wurzeln einer Gesellschaft beeinflußt werden
können.
Zu neuen Sichtweisen führen, das geht
nie gegen bereits verkrustete Strukturen,
es geht nicht gegen die Kraft einer Gesellschaft,
die Gewinn aus den bestehenden
Gefügen zieht, der Widerstand wäre
zu massiv.
Also was bleibt?"
Er gab sich die Antwort gleich selbst:
"Man muß mit Veränderungen dort
beginnen, wo sie noch Sinn haben, also am
Anfang, und das heißt, im direkten Umfeld
der Kinder und Jugendlichen.
Aus der Sicht könnte an der Ansicht Deiner
LEA, daß man ihre Mitwirkung bewußt
vorgesehen hat, etwas dran sein."
"Sie ist nicht meine LEA," sagte P H I L "ich
kannte sie gestern noch gar
nicht."
"Man kennt sein Schicksal nie," sagte der alte
Mann lächelnd, "und trotzdem ist
es irgendwann das Einzige, das überhaupt
zählt."
Als P H I L etwas sagen wollte, unterbrach
er ihn ungeduldig:
"Lassen wir das, die Dinge geschehen, mit
oder ohne unser Zutun, und jetzt sind
wohl erst einmal völlig andere Überlegungen
zu treffen.
Ich schlage vor, wir beide gehen kurz ums
Haus, wie ich das um diese Zeit
gewohnt bin, und dann machst Du Dir Dein Bett
im Gästezimmer, und morgen früh
haben wir entweder schon mehr an Erkenntnissen,
oder wir werden zusammen mit LEA
Windeck zu diesen Erkenntnissen kommen, also
mache Dir keine Gedanken mehr,
diese Zusammenhänge sind ohnehin mit
unserem heutigen Wissen nicht zu
durchschauen, also lautet mein Rat: laß
es geschehen und halte Dich offen für
das Unerwartete, mehr kannst Du im Moment
nicht tun."
Der Dezemberhimmel war sternenklar und samtschwarz,
die beiden Männer
durchschritten schweigend die Tannenschonung
hinunter bis zum Abhang, der durch
einen starken Lattenzaun gesichert war.
"Erstaunlich, wenn man bedenkt, daß es
100 Millionen Galaxien ähnlich der
unserigen im Universum gibt und daß
allein die Galaxie im Sternbild der Jungfrau
um die 59 Millionen Lichtjahre von uns entfernt
ist" sagte P H I L sinnend. "Wo
in dieser Unendlichkeit mögen jetzt meine
Gesprächspartner wohl sein."
"Ich fürchte," sagte der alte Mann, "das
werden wir nicht einmal mit meiner
technisch ausgereiften Ausstattung klären
können, obwohl ich mir vorstellen
kann, daß meine Einbeziehung in diesen
ganzen Komplex auch einen Grund haben
muß...vielleicht hat es etwas mit meinem
Hobby zu tun." Er schwieg wieder, aber
man konnte erkennen, daß ihn seine Rolle
in dem ganzen Spiel zu interessieren
begann.
"Irgendwie faszinierend das Ganze," fuhr er
fort, "es hat mich schon immer
gestört, daß ich viele Entwicklungen
nicht mehr so ganz nachverfolgen kann,
unter anderem auch die in der Computertechnik,
da ist das Tempo ebenso rasant,
der ganze Apparat verändert sich derart
rasch, daß ich heute nur noch einen
ungefähren Überblick habe."
"Immerhin weißt Du aber genug, um morgen
LEA das Nötigste zu erklären," sagte
PH I L , "komplette Einblicke kann und will
ich ihr ohnehin nicht verschaffen,
das wäre viel zu aufwendig, aber die
möglichen Optionen sollten schon erwähnt
werden, denn ich kalkuliere auf jeden Fall
ein, daß wir untereinander Kontakte
über das Netz aufnehmen müssen,
dieser Teil ist LEA also zu vermitteln und das
kannst Du ebenso wie ich."
Die beiden Männer lenkten ihre Schritte
wieder dem Haus zu.
**
Es war erst 8 Uhr am Morgen nach dieser nächtlichen
Unterhaltung, als von der
Straße her eine Serie von Fehlzündungen
zu hören war.
P H I L schlief noch, die unteren Räume
durchzog angenehmer Kaffeeduft.
Peter Berger war bereits dabei, einen Stapel
Holz ins Haus zu tragen und wandte
sich unwillig um, als ein Uralt-Taxi knatternd
vor dem Grundstück hielt.
Eine junge Frau stieg aus, und Peter erkannte
sie nach P H I L 's Beschreibung
sofort...LEA.
"So früh..." knurrte er, " ...und dann
auch noch mit einem solchen
Umweltverschmutzer, der Halter hat ja wohl
noch nie etwas von der Einführung des
Katalysators gehört."
Die junge Frau war inzwischen herangekommen
und sagte entschuldigend:
"Ich muß mich für diesen Lärm
entschuldigen, aber ich habe heute früh nur noch
diese Blechtrommel am Taxistand vorgefunden,
um hier heraus zu kommen. Mein Name
ist Lea Windeck," sagte das Mädchen freundlich,
"ich weiß natürlich, daß sie
mich erst gegen 11 erwarten, aber ich hoffe
sehr, Sie können meine Ungeduld
verstehen, es war mir unmöglich, mich
nicht gleich davon zu überzeugen, daß ich
gestern nicht geträumt habe."
"Haben Sie nicht," sagte der Alte, immer noch
etwas ungnädig, "na, dann kommen
Sie mal rein, P H I L wird wohl jetzt kaum
noch schlafen."
Er betrachtete sie intensiv und lächelte
dann, als gefiele ihm, was er sah.
"Ich werde LEA zu Dir sagen, Kind, und ich
bin Peter Berger, P H I L 's
Großvater."
Er setzte kurz seinen Holzstoß ab und
reichte LEA die breite braune Hand. Er
hielt die ihre eine Weile fest, als wolle
er prüfen, was ihm da so unvermittelt
ins Haus geschneit war.
LEA musterte ihn ebenso eindringlich, und
dann - als sei eine sonst übliche
Distanz wie ein gordischer Knoten durchschlagen
worden - strahlte sie ihn an,
daß ihm das Herz aufging.
Die Sympathie war gegenseitig, beide wußten,
diese Beziehung, egal wie lange sie
bestehen sollte, würde keiner von ihnen
je zu bedauern haben.
Zwei Menschen begegneten sich auf gleicher
Wellenlänge, so einfach war das.
Als LEA und der Alte sich zum Eingang wandten,
stand P H I L bereits in der
breiten Bohlentür, ein Butterbrot kauend.
Er schien sich sichtlich zu freuen, LEA zu
sehen und rief:
"Ich hätte wetten können, daß
Sie nicht bis 11 Uhr warten, immerhin habe ich
selbst kaum geschlafen, es ist ein Gefühl
der Erwartung, das an Ameisen im Bauch
erinnert, es mußte Ihnen genau so gehen,
hab ich Recht?"
"Das kann man wohl sagen, ich habe schon sehr
früh versucht, Sie telefonisch zu
erreichen, weil alle die noch offenen Fragen
mich schier zerrissen haben, aber zu
Ihrem Glück waren Sie nicht zu Hause.
"Trotzdem habe ich jetzt keine Zeit für
Sie," sagte er bedauernd, "ich muß
sofort los zum ITE Rechenzentrum, nicht weil
ich damit rechne, die Gruppe meldet
sich früher als angegeben, also heute
so gegen 17 Uhr, sondern weil ich einen
Weg finden muß, Sie heute am frühen
Nachmittag einzuschleusen, damit Sie vor Ort
sind, wenn die Datenübertragung beginnt."
Er faßte LEA sanft am Arm und dirigierte
sie rasch in den riesigen Wohnraum,
dessen heimelige Atmosphäre sie sofort
warm und vertraut umfing .
"Wie wunderschön" sagte LEA begeistert.
Sie sah sich staunend in der L-förmig
angelegten Räumlichkeit um.
Die Strahlen der morgendlichen Wintersonne
fielen durch schneeweiße Gardinen auf
einen mit bunten Webteppichen ausgelegten
honigfarbenen, glänzenden
Holzfußboden, umschmeichelten eine Serie
stufenförmig angeordneter
Landschaftsbilder auf einer weißgestrichenen,
wuchtigen Ziegelwand und tanzten
dann munter über den großen, dunkel
glänzenden Eichentisch, die wunderschönen
Glasvitrinen, in denen kobaltblau gezeichnetes
Porzellan schimmerte, um sich
schließlich in einer podestartig erhöhten
Frühstücksecke zu bündeln.
Dort stand ein kleiner, runder Tisch mit 3
weißen bequemen Korbsesseln neben der
Durchreiche zur Küche, die ebenfalls
ganz in rustikalerEiche gehalten war, aber
im Gegensatz zum Wohnbereich die gesamte Bandbreite
der modernen Küchentechnik
aufwies.
Da gab es einfach alles, was das Herz einer
Hausfrau begeistern konnte.
Trotzdem hatte auch dieser Raum eine durchaus
männliche Prägung.
Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen,
daß alle Geräte und Arbeitsflächen
nach den neuesten Erkenntnissen der Ergonomie
aufgestellt worden waren.
Auf LEA's fragenden Blick zwinkerte der Alte
ihr freundlich zu und beantwortete
die ungestellte Frage:
"Ja, auch ein alter Verstand kann erkennen,
wann er sich die täglichen Dinge des
Lebens einfacher machen kann, diese Küche
ist ergometrisch vermessen, was
bedeutet, ich kann mir meine Spiegeleier braten,
ohne deshalb meine alten
Knochen unnötigerweise bücken, spreizen
oder sonstwie verbiegen zu müssen."
"Sie müssen gelegentlich nachsichtig sein,
ab und zu benimmt mein Großvater
sich, als sei er der letzte Überlebende
der Hindenburg," sagte P H I L grinsend,
"aber in Wahrheit kokettiert er nur mit seinem
Alter.
Aber Sie können sich alles in Ruhe ansehen,
ich muß jetzt unbedingt los, nur
eines noch..." er trank hastig den letzten
Schluck aus der großen blauen Tasse.
"Punkt 15.45. Uhr erwarte ich Sie in der Empfangshalle
bei ITE, melden Sie sich
an der Rezeption als Repräsentantin der
Firma Rheinpapier. Man gibt Ihnen dann
einen Besucheranstecker und informiert mich
von Ihrer Ankunft.
Wir müssen es so organisieren, daß
der Pförtner, der Sie um die genannte Zeit
kommen sieht, nicht wissen wird, ob Sie das
Gebäude wieder verlassen haben, denn
er wird um 16.00 Uhr abgelöst.
Alles verstanden?" fragte er hastig, griff
nach seiner pelzgefütterten
Lederjacke und war schon durch die Tür,
ehe LEA antworten konnte.
Genau so schnell aber war er wieder zurück,
zog sie ebenso selbstverständlich
wie unverhofft an sich und hielt sie den Bruchteil
einer Sekunde fest umarmt...
"Wünschen Sie uns viel Glück Partnerin,
wir werden es brauchen..." - und weg war
er wieder.
LEA stand einen Augenblick wie erstarrt, dann
stieg eine leichte Röte in ihre
Wangen und sie lächelte.
"Klar, alles verstanden," sagte Peter Berger,
"was gibts denn da auch zu
verstehen, nimm endlich Platz, Kind, und dann
werden wir uns diese ganze
unglaubliche Geschichte einmal durch den Kopf
gehen lassen, Zeit genug haben wir
ja nun, ich gieße nur noch eine frische
Kanne Kaffee auf, geht ganz schnell."
LEA nahm in einem der gemütlichen weißen
Korbsessel Platz und unterhielt sich
mit Peter Berger durch die offene Schiebetür
zur Küche.
Der alte Berger stellte ein zusätzliches
Gedeck vor LEA auf den runden
Tisch, "nach diesen Vorfällen, wenn man
das mal untertreibend so nennen sollte,
wird das Leben faszinierender denn je.
Eines steht danach wohl fest: Wie unwichtig
einerseits unser aller Dasein
wahrscheinlich ist, aber auch, wie ungeheuer
phantastisch es andererseits sein
könnte, ohne daß wir heute wissen,
was alles uns jenseits unserer jetzigen
Lebensform noch erwartet."
Er drehte überlegend die Tasse in beiden
Händen und setzte hinzu:
"Es gibt diese Theorie vom Urknall, nach der
sämtliche Galaxien
auseinandertrieben, aber das als dogmatisch
zu betrachten, ist wenig ratsam.
Immer, wenn die Wissenschaft diese Theorie
zum Dogma erheben will, tauchen
neue Erkenntnisse auf, die das Bisherige entweder
bestätigen, oder in Frage
stellen. Man kann also davon ausgehen, daß
es da noch viele Theorien geben wird
und man sich nach dem Auftauchen neuer Fakten
auch immer wieder neue Thesen
zusammenstellen muß."
"Ja," antwortete LEA lebhaft, "aber sagen Sie
selbst, ist es nicht ungeheuer
aufregend, soviel noch im Dunkel zu wissen
über unser aller Herkunft und
Schöpfung?"
"Allein das, was im Ungewissen bleibt, reicht
doch aus, auf etwas
Überwältigendes nach dem Tod zu
hoffen, warum also nicht darauf, woanders einen
Platz zu finden, an dem man sich angekommen
und aufgehoben fühlen wird" fuhr sie
leise fort und legte ihre schmale Hand auf
den Arm des alten Mannes.
"Na klar," sagte der Alte leicht sarkastisch,
"Sie sind zwar ein gutes Kind," -
er tätschelte ihre Hand - "aber wenn
ich mir vorstellen soll, daß da oben dieses
Weltraumteleskop Hubble herumschwirrt, nur
um die Menschheit wissen zu lassen,
daß die ältesten Sterne wahrscheinlich
zwischen 12 - 18 Milliarden Jahre alt
sind, dann erscheint mir das doch etwas zuviel
Aufwand für eine Antwort, die
einem Fossil wie mir die Beklemmung vor seiner
eigenen Endzeit nehmen könnte."
"Das ist sicher so, aber ist nicht das Alter
überhaupt vor allem eine Frage der
Einstellung?" fragte LEA vorsichtig.
"Ja, das erzähle ich meiner Arthritis
auch jeden Morgen," antwortete Peter und
zwinkerte belustigt, "leider aber ist sie
trotzdem nicht die Spur kooperativ.
Ich fürchte, ihre und meine Einstellung
sind irgendwie im Laufe der Jahrzehnte
auseinandergedriftet und nicht mehr kompatibel,
um in P H I L 's Computersprache
zu bleiben."
Es trat eine lange Pause ein, die beiden so
ungleichen Menschen fühlten sich so
wohl beieinander, daß sie sich auch
ohne Sprache verstanden.
Draußen hatte sich plötzlich der
Himmel verdunkelt, und heftiger Regen setzte
ein, das Kaminfeuer knisterte behaglich, der
heiße Kaffee dampfte in den Tassen,
und ein leichter Hauch von Minze lag im Raum.
LEA unterbrach das Schweigen:
"Als ich ein Kind war, erzählte Mutter
mir oft, Regen seien die Tränen Gottes,
und wenn der Regen dann sturzbachähnlich
über die Fensterscheiben rann, fragte
ich mich immer, was man ihm wohl angetan haben
mochte, daß er nicht aufhören
konnte zu weinen."
"Wo leben Ihre Eltern?"
"Sie leben gar nicht mehr, beide sind vor 5
Jahren bei einem Autounfall ums
Leben gekommen," antwortete LEA, "und ich
vermisse sie stündlich."
Der Alte schwieg, es schien ihm nicht angebracht,
irgendwelche
Beileidsbezeugungen von sich zu geben.
"Leben Sie allein?" fragte er schließlich,
und LEA wußte, das war keine dieser
beiläufig gestellten Fragen, die irgendwie
keine wirkliche Antwort zu brauchen
schienen, der alte Mann interessierte sich
wirklich für ihr Leben.
"Ja und nein," antwortete sie, "ich lebe aus
Kostengründen, und auch weil wir
uns ganz gut verstehen, mit einer Kommilitonin
zusammen, aber wenn sie eine
Partnerschaft meinen, nein, die besteht nicht."
"Kaum zu glauben, wo haben denn die heutigen
jungen Männer ihre Augen" sagte der
alte Mann erstaunt.
"Immerhin scheint mein Enkel eine Ausnahme
zu sein, hätte mich auch gewundert,
wenn er Dich nicht zielgerichtet an Land gezogen
hätte" schloß er dann
befriedigt.
"Hat er nicht, ich glaube, ich wurde ihm aufgezwungen."
LEA schien etwas
verlegen.
"Das glaube nun wiederum ich nicht," sagte
der Alte prompt, "denn wenn diese
Bevollmächtigte "der Gruppe" Ihre Gestalt
angenommen hat, dann steckt dahinter
mehr, als wir erkennen, da wette ich aber."
"Nun, wir werden all das heute erfahren...hoffentlich" schloß LEA.
Etwas später wies der alte Mann seine
Besucherin in die Anfangsgründe
des Computers ein, der im Oberstock des Hauses
aufgestellt war.
Zwischenmenschlich ist das Internet höchst
fortschrittlich," erzählte er,
"es gibt darin keine der üblichen Hierarchien.
Jeder kann rein, seine ureigenste Meinung
sagen, ohne von jemandem gehindert zu
sein, der vielleicht gesellschaftlich einen
höheren Rang hat.
Oder nehmen wir die virtuellen Unternehmen
im Internet.
Anbieten, auswählen, bestellen, bezahlen,
alles läuft in Zukunft über diese
virtuellen Firmen.
Geschenke, Süßigkeiten, Blumen,
all das gelangt zum Konsumenten, ohne daß dieser
seine Wohnung verlassen müßte.
Schon heute gibt es in diesen Betrieben 40 000
Mitarbeiter, die der Boß nie zu Gesicht
bekommt, weil es die Büroräume und
Verwaltungsabteilungen für diese Firmen
nicht gibt, jede betriebliche Aktion
läuft an einem Computer in irgendeiner
Privatwohnung ab."
"Also die Arbeitsplätze der Zukunft." LEA hatte aufmerksam zugehört .
"Ja ...genau.
P H I L' S Großmutter Lys in Liverpool
arbeitet für eine solche Firma und
verdient sich mit ihrem "Computer-Home Place
of Employment" ......kurz CHPE
genannte.... bereits seit 10 Jahren dumm und
dämlich." Seine Stimme war leicht
spöttisch geworden und verriet LEA, daß
die Beziehungen zwischen P H I L'S
britischer Großmutter und dem alten
Berger wohl nicht so ganz ungetrübt waren.
Unerwartet kniff er ein Auge zu und meinte
leicht sarkastisch:
"Es muß mir nur noch jemand erklären,
worin hier der Nutzen für den Kunden
liegt, denn der konnte bisher seine Konsumgüter
ja auch einfach per Telefon
bestellen.
Aber vielleicht liegt die Verbesserung darin,
daß ich als Verbraucher die
angebotene Ware zuvor auf dem Bildschirm betrachten
kann." Er grinste.
"Immerhin geht die Entwicklung dahin, unsere
chipgesteuerte Zukunft möglichst zu
vereinfachen, z. B. Computer und Fernseher
werden eine leicht zu bedienende
Einheit, für jedermann auf Knopfdruck
in Betrieb zu setzen.
In nur 10 Jahren ist der PC logistisches Universalgerät
für jeden Haushalt,
regelt Heizung, Wasserverbrauch, Strom, schaltet
die Haushaltsgeräte ein, und noch sehr viel
mehr als das.
Ein neues soziales Gefälle kann dann allerdings
dadurch entstehen, daß es
Benutzer und Nichtbenutzer geben wird, etwa
so wie dieses Gefälle heute durch
des Lesens und Schreibens Kundige gegenüber
Analphabeten besteht.
Aber die Spionage im Internet hat nur geringe
Aussichten, denn die Banken und
Kreditinstitute sind bereits dabei, ihre Datenwege
abzusichern, damit
Finanztransaktionen unbeobachtet bleiben und
man die Dialoge zwischen zwei Usern
nicht abtasten kann.
EinLeipziger erfand ein Sicherheitssystem,
eine Art genetischer Fingercode
des Kunden, mit dem verhindert wird, daß
kriminelle Internet-Surfer
Börsengeschäfte zu ihren Gunsten
umpolen.
In Palo Alto Kalifornien gibt es übrigens
schon 60% PC-Haushalte mit direkter
Verbindung zur Stadtverwaltung, die sämtliche
Verbrauchsgüter, die von den
Bewohnern per Internet durch das Ablesen der
jeweiligen Zählerstände gemeldet
werden, berechnet und die Rechnungen ebenfalls
wieder per Internet an die
Haushalte schickt.
Und die Zahlung erfolgt dann natürlich
auch wieder über Internet.
Ein Häuslebauer in Palo Alto kann sogar
mittels PC verfolgen, in welchem Bereich
der kommunalen Verwaltung z. B. seine Baugenehmigung
ruht und entsprechenden
Dampf machen.
Hinreißende Überlegung, einmal
mittels PC kurzerhand in Bundestagsdebatten
eingreifen zu können, wenn unsere lahmarschigen
Volksvertreter zum 93sten Mal
das Ladenschlußgesetz zur Diskussion
stellen."
LEA lachte.
"Ja, der Punkt dürfte zwar inzwischen
gegessen sein, aber ich verstehe schon,
daß es zugeschaltete Gremien geben könnte,
die bei ähnlichen Marathonsitzungen
über ganz selbstverständliche Entscheidungen
gern mal die Wasserwerke per
Internet auffordern würden, einen Spezialschlauch
mit erhöhtem Wasserdruck
mitten in die erlauchte Gesellschaft zu richten."
Und es gibt auch etwas Neues, das Deinen eigenen
Bereich betrifft," fuhr d Alte
fort, "Steven Spielberg, der Filmemacher,
ist eben dabei, Geschichten, die im
Internet dargestellt werden, als Therapie
für langzeitkranke Kinder einzusetzen.
Für Kinder also, die so krank sind, daß
sie inzwischen jeglichen Bezug zur
Außenwelt verloren haben und auf diese
Weise aus ihrer Isolation herausgeholt
werden, seelischen Auftrieb bekommen, es ist
mehr als Fernsehen, denn es gibt
den Kindern die Möglichkeit, sich einzuschalten
und mitzuspielen."
"Oh ja," sagte LEA wütend, "wie toll,
was meinen Sie wohl, was die Slumkinder in
Rio von dieser Möglichkeit halten werden?"
"Du hast Recht," gab er zu, "es werden immer
einige außen vorbleiben müssen, das
können wir wohl so schnell nicht ändern."
"Konnten wir nicht, sagte LEA und sah ihn aufmerksam
an ...und dann.... fast
ultimativ..."wenn die Gruppe nicht fähig
sein sollte, dies zu ändern, dann
steige ich aus dem Projekt aus, ehe ich drin
bin, das muß jedem klar sein!" Ihr
Blick wurde kompromißlos, und ihr Lächeln
fast grimmig.
"Vorsichtig, KIND," der alte Mann nahm beruhigend
ihre Hand, "sei doch etwas
geduldiger und überzeuge Dich erst von
den Chancen, die Euch geboten werden.
Sieh es so, egal, wie die Sache endet, eine
solche Möglichkeit, Einfluß zu
nehmen, ist unschätzbar, oder sie könnte
es sein, also blockiere Dich niemals
vorher selbst, indem Du Dir bereits im Vorfeld
Einschränkungen ausmalst, die es
vielleicht gar nicht geben muß. Es könnte
immerhin um den Weltfrieden gehen,"
er sog heftig an seiner kalten Pfeife.
Der alte Mann und das Mädchen schwiegen,
doch der Raum schien voll
unausgesprochener Gedanken, und über
allem lag mehr als nur ein Anflug von
ungeduldiger Erwartung.
Für P H I L hatte der Arbeitstag begonnen
wie immer.
Die tägliche Verwaltungsarbeit hatte
ihn voll im Griff, und es war bereits
Mittag, als er sich zum erstenmal allein im
Computerraum sah; seine Mitarbeiter
hatten sich alle in die Kantine abgesetzt,
und nun würde er eine halbe Stunde
für sich haben.
Diesmal wollte er jede Phase des Kontaktes
aufnehmen, um später im Haus seines
Großvaters das Ganze zur Diskussion
zu stellen, nichts sollte ihm entgehen.
Dann erst schaltete er seinen Computer ein,
und an Stelle des Testbildes
erschien eine von Flammen umzüngelnde
Schrifttafel:
Code Philomele
Sofort abschalten und in "ALPHA" gehen.
Hastig drückte P H I L die Austaste, lehnte
sich auf dem etwas unbequemen
Arbeitsstuhl leicht zurück und fiel augenblicklich
in den totalen
Entspannungszustand, der aber bereits nach
2 Sekunden von der jetzt schon so
bekannter Stimme in seinem Kopf unterbrochen
wurde:
"Achtung Ablaufänderung
Die Gruppe hat, um den Kontakt pünktlich
herstellen
zu können, die Kapazität des ITE
Rechners stark überlasten müssen.
Dies bedeutet, unser Kontakt muß ab
sofort auf anderem Wege ablaufen,
wenn wir nicht riskieren wollen, daß
der Energieabfall bemerkt
und untersucht wird.
Philomele und seine Vertrauten werden hiermit
aufgefordert,
sämtliche Überlegungen in sofortiger
Konferenz zum Abschluß zu
bringen und der Gruppe stufenweise bekannt
zu geben.
Diese Schaltung kann jetzt nur 10 Minuten
technisch gehalten werden,
was bedeutet, Du hast jetzt die Möglichkeit,
Fragen zu stellen, die
zur Erstellung Eures Handlungskonzeptes dringend
erforderlich sind,
danach aber mit Deinen Vertrauten dieses Konzept
innerhalb
kürzester Zeit zu erarbeiten."
"Das können wir allein niemals schaffen" stöhnte P H I L .
"Die Gruppe hat aus gutem Grund beschlossen,
maximal vier Mitakteure zuzulassen"
tönte die Stimme in seinem Kopf.
"Dein Großvater wird als Vertreter der
älteren Generation viel dazu beitragen
können, daß Ihr Euch nicht verzettelt,
die dritte Person ist eine alte Dame aus
Liverpool, die gerade in diesem Moment in
Frankfurt landet."
Großer Gott, doch nicht Großmutter
Lys, P H I L gelang es gerade noch, diesen
erfreuten inneren Aufschrei nicht hörbar
werden zu lassen.
Doch dann verfinsterte sich sein Gesicht und
seine Gedanken sandten deutliche
Zweifel an dieser neuen Entwicklung aus.
"Ob das klappt, ist absolut fraglich, Peter
und Lys können sich nicht ausstehen,
die beiden werden sich pausenlos streiten.
Jedesmal wenn sie sich sehen, geht
der Streß los, die einigen sich nicht
mal über das momentane Wetter."
"Geh davon aus, sie werden," sagte die ferne
Stimme leicht ungeduldig. "Beide
sind absolut in der Lage, ihre bisherigen
Scharmützel zugunsten eines großen
Planes aufzugeben, außerdem hat die
alte Dame den Forschergeist einer Person,
die niemals zugeben würde, daß
die Kraft ihres Geistes irgendwann erlöschen
könnte, sie wird ein Leben lang aufgeschlossen
für alles sein, was an Neuem auf
sie zukommt. Und....sie ist unsere Vermittlerin,
falls es technische Probleme
geben sollte, denn sie ist ein perfektes Medium.
Trotzdem wird sie weniger konkreten Einfluss
nehmen, als vielmehr den
Zusammenhalt Eurer Arbeitsgemeinschaft fördern,
sie ist das Bindeglied zwischen
jugendlicher Unbekümmertheit und reifem
Abwägen. Die Vierergruppe wird
funktionieren.........denn sie ist nicht zufällig
zusammengewürfelt, sondern von
der Gruppe gezielt ausgewählt worden."
Sie schien der Erklärungen müde,
die Stimme in P H I L 's Kopf wurde schwächer
... es war, als breche eine Telefonleitung
unaufhaltsam zusammen...nur noch
undeutlich verstand er die weiteren Worte:
"Nachdem Du nun LEA persönlich kennst,
erübrigt es sich, mich mit ihrem Namen
anzusprechen. Sollte sich eine Anrede im üblichen
menschlichen Sinne nicht
umgehen lassen, wähle ab sofort das Synonym
"LADY A" ....und dann, kaum noch
verständlich:
"Du, Philomele, bist unsere Erstwahl, weil
Du - wie ich schon erwähnte -
durch Deine Visualisationen im Alpha-Zustand
zu erkennen
gegeben hast, wie sehr Dir ein Umdenken der
Menschheit grundsätzlich
am Herzen liegt. Deine ausgesandten Visionen
wurden geortet und
hier als "Philomele's Hope" registriert.
Eine Hoffnung, die wir wert fanden, unterstützt
zu werden.
Die anderen drei mußten sich zwangsläufig
aus Personen rekrutieren,
die Dir nahestehen, damit das Projekt ohne
gefährliche Einmischungen
anlaufen kann."
"Ich ergänze meinen letzten Satz, " die
Dir nahestehen, oder nahestehen werden"
" schloß Lady A.
"Heißt das, LEA und ich wären einander
in jedem Fall begegnet?" fragte P H I L
gespannt.
"Genau das, und ähnlich ist es mit Deinen
beiden Großeltern.
Deine Großmutter mütterlicherseits
reist soeben an, weil sie ihre Wohnung in
Liverpool aufgeben möchte, um näher
bei dem Rest ihrer Familie zu sein, und Dein
Großvater väterlicherseits wird
diese ihre Absicht zwar nach außen ablehnen,
aber innerlich total bejahen....damit ist
wohl klar, daß Ihr gemeinsam eine
ideale Gruppe verkörpert, jeder würde
für den Anderen seine ganze Kraft
einsetzen, und das wird auch nötig sein."
Die Stimme erlosch ...die Sprechverbindung
war gekappt, und auf dem Bildschirm
erschien nur noch ein Satz: Videoaufnahme
dieses Kontaktgespräches ist von der
Gruppe genehmigt...Bildübertragung perfekt.
Mühsam kämpfte P H I L sich an die
Oberfläche seines Bewußtseins, irgendwie
schien diese Kontaktform ihn sehr viel mehr
angestrengt zu haben als beim
erstenmal, er fühlte sich außerstande,
den Rest des Arbeitstages zu bewältigen
und beschloß, sich bei der Geschäftsleitung
abzumelden.
"Tut uns leid, wir haben gerade entschieden,
den Rechner zwischenzuprüfen,"
tönte es aus der Leitung, "sämtliche
verfügbaren Operateure müssen mit
Doppelschichten rechnen. Es muß ein
Fehler im System aufgetreten sein, Teile
sind zusammengebrochen, wir haben keine Ahnung
was passiert sein kann, Sie
müssen den Einsatz leiten."
Es wäre eher erstaunlich, wenn der
Rechner von den bisherigen Kontaktaufnahmen
nicht betroffen wäre, dachte Phil.
Laut sagte er jedoch:
"Warten Sie 15 Minuten, ich glaube den Fehler
orten zu können, wenn es mir
gelingt, ihn zu finden, können Sie die
Doppelschichten abblasen."
Er hängte auf und begann sofort mit einer
Systemkontrolle, wohl ahnend, daß er
nichts finden würde, denn offensichtlich
gab es eine Art Standleitung zu der
Gruppe, was bedeuten mußte, man hatte
dort längst zur Kenntnis genommen, daß der
Rechner fehlerhaft reagierte und würde
das Problem auf jeden Fall selbst lösen,
schon um zu vermeiden, daß irgendwelche
Systemanalytiker auftauchten, um
unliebsame Kontrollen durchzuführen.
So wars denn auch, P H I L fand den Rechner
voll funktionsfähig, meldete sein
Ergebnis an die Geschäftsleitung und
wählte die Telefonnummer seines Großvaters,
um die veränderte Sachlage durchzugeben.
Der alte Mann meldete sich nicht sofort......und
P H I L sprach auf den
eingeschalteten Anrufbeantworter:
"Großvater, halte LEA zurück, es
hat Veränderungen bezüglich
des Treffens gegeben, die Gruppe nimmt auf
anderem Weg Verbindung mit
uns auf, alles weitere gegen 14.00 Uhr, ich
komme sofort raus zu Dir.
Außerdem ist Oma Lys auf dem Weg zu
Dir.
Gruß an LEA........Ende...."
Er hängte auf, griff nach der Videokassette
und verließ in großer Eile das
Rechenzentrum.
LEA und der alte Berger standen gemeinsam in
der Küche und waren mit der
Vorbereitung zum Mittagessen beschäftigt,
was einträchtig, und nur von
gelegentlichen Hinweisen unterbrochen, ablief;
LEA summte leise vor sich hin und
der alte Mann sah aus, als habe er sich schon
lange nicht mehr derart wohl
gefühlt.
Die Harmonie wurde jäh durch ein lautes
Pochen an der Außentür unterbrochen.
"Nanu," sagte der Alte, "wer ist denn da so
lautlos durchs Gelände geschlichen,
oder hast Du einen Wagen gehört?"
"Nein," antwortete LEA, "aber das werden wir
ja gleich wissen. Sie lief zur Tür
und riß sie weit auf.
"Heißa...Du bist aber neu hier, Kind,"
sagte die alte Dame, "sollte der alte
Pete etwa sein Einsiedlerdasein mächtig
aufpoliert haben?"
Sie lachte, rückte sich einen verwegen
aussehenden Hut wie ein Cowboy ins Genick
und sagte:
"Na, dann laß mich mal rein in die gute
Stube, bevor ich hier draußen Eis
ansetze."
Sie schob LEA sanft beiseite und zwängte
sich an ihr vorbei ins Innere des
Hauses, sorgsam darauf bedacht, mit ihrem
überdimensionalen Rucksack, den sie
wie einen Holzstoß auf dem Rücken
trug, nicht anzuecken.
"Wo ist denn der alte Knabe?" Sie warf ihren
Rucksack leicht aufstöhnend ab und
sah sich suchend um.
"Du lieber Himmel, wer hat Dich denn auf die
ahnungslose Menschheit
losgelassen," sagte der alte Berger sarkastisch
und wischte seine Hände an der
vorgebundenen Schürze ab. "Da ahnt man
nichts Böses und dann das, vielleicht
hätte ich heute morgen doch mein Horoskop
lesen sollen, dann wäre ich jetzt
sicher auf der Flucht" setzte er hinzu und
sah aus, als meine er jedes Wort.
"Begrüßt man so seine Gäste,"
sagte Lys Belushi ungerührt, "erstaunlich, wie zäh
sich doch schlechte Gewohnheiten halten."
Sie umging den alten Berger elegant
und steuerte schnurstracks auf die Küche
zu.
Doch plötzlich hielt sie inne und zeigte
auf das blinkende Licht an dem
Anrufbeantworter, der auf der kleinen gepolsterten
Telefonbank in der Diele
stand.
"Schon wieder mal keine Nachrichten abgehört,
dachte ich es mir doch," sagte sie
stoisch, "kein Wunder, daß Du nicht
erfährst, wer Dich heimsuchen wird, wie wärs
denn mal mit abhören?"
Sie drückte ungerührt auf den Wiedergabeknopf
und sofort ertönte ihre eigene
Stimme:
"Hey Pete, ankomme 11.03 an Düsseldorf
Genaue Ankunft im Landhaus ca. eine Stunde
später,
informiere P H I L , habe erstaunliche Neuigkeiten.
ENDE."
Ehe der alte Berger reagieren konnte, war plötzlich
P H I L S Stimme zu hören:
"Großvater, halte LEA zurück, es
hat Veränderungen bezüglich
des Treffens gegeben, die Gruppe nimmt auf
anderem Weg Verbindung mit
uns auf, alles weitere gegen 13.00 Uhr, ich
komme sofort raus zu Dir.
Außerdem ist Lys auf dem Weg zu Dir.
Gruß an LEA..." - das Band rauschte
leise.
Die drei Menschen standen regungslos in der
weiträumigen Diele und sahen sich
erstaunt an.
LEA stieß einen enttäuschten kleinen
Schrei aus, der alte Berger sah aus, als
habe er einen etwas heftigen Zusammenschoß
mit einer Lokomotive gehabt, und die
alte Dame zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
Blitzschnell änderte sie die Richtung,
die Küche schien sie nicht mehr zu
interessieren, sie setzte sich etwas schwerfällig
in einen der tiefen Sessel im
Wohnbereich und winkte ungeduldig mit beiden
Händen.
"Es sieht aus," sagte sie, "als habe es nicht
nur bei mir seltsame Dinge
gegeben, wer erzählt zuerst?" Sie hob
fragend die Brauen und sah Peter Berger
aus schiefergrauen, etwas tiefliegenden und
unendlich weisen Augen an.
LEA und der Alte schwiegen einen kurzen Augenblick,
doch dann setzte LEA sich
entschlossen zu Lys Belushi und sagte:
"Genau das ist wohl angesagt, ich habe das
Gefühl, wir werden ab sofort als
Vierergruppe denken und handeln müssen,
also sollten wir keine Zeit verlieren,
uns gegenseitig aufzuklären, oder?"
"Einverstanden," sagte Peter Berger ebenso
entschlossen, "es hätte wohl wenig
Sinn, mit irgend etwas hinter dem Berg zu
halten, denn wie ich Dich kenne,
räumst Du sowieso nicht eher das Feld,
bis Du uns alle ausgequetscht hast."
"Darauf kannst Du Gift nehmen!" Lys sah ziemlich
entschlossen aus.
"Ich weiß ja," fuhr sie fort, "daß
Du mich insgeheim eine überkandidelte esoterische Kuh nennst
-
geschenkt," unterbrach sie ihn, als er etwas
sagen wollte, "das bleibt Dir unbenommen.
Logische Menschen sind zwar in meinen Augen
die Reinkarnation von phantasielosen Langeweilern,"
sie verzog leicht verächtlich den feinen
Mund und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen, "
aber wie ich erkenne, habt auch Ihr Bekanntschaft
mit "der Gruppe" gemacht,
also dürfte sogar Dir inzwischen Deine
Logik abhanden gekommen sein, oder?"
LEA sprang mit einem erstaunten Ruf hoch, und
der alte Mann sah seine Besucherin an,
als habe sie ihm soeben einen Schlag auf den
Kopf versetzt.
"Was weißt Du von "der Gruppe"? " rief
er, "Wieso hat man Dich einbezogen,
was zur Hölle läuft denn hier ab?"
"Das wollen wir eben herausfinden." Lys rückte sich im Sessel zurecht und erklärte:
"In der vergangenen Nacht, ich hatte erst gegen
2 Uhr meine letzten Arbeitsgänge
am PC beendet und war hundemüde, bin
ich wohl für ein paar Sekunden
auf dem Stuhl vor dem Bildschirm eingenickt..."
Sie sah sich um, als erwarte sie
eine weitere sarkastische Bemerkung des Alten,
der aber, heftig an seiner
kalten Pfeife saugend, schwieg.
"Und während dieses Sekundenschlafes hatte
ich eine absolut ungewöhnliche,
aber derart realistische Vision, wie ich sie
bisher noch nie erlebt habe.
Ich sah mich hier..." sie sah sich um "...nein,
es war wohl im oberen Stock...mit P H I L ,
Dir und einer jungen weiblichen Person, die
ich aber nur undeutlich erkennen
konnte, ein Gespräch führen, das
von ungeheurer Tragweite und Bedeutung war,
ohne daß ich aber nach dem Aufwachen
hätte sagen können, was daran so bedeutsam gewesen ist.
Das Ganze war ein dermaßen aufrüttelndes
Erlebnis, daß ich sofort wußte,
ich hatte etwas zu unternehmen, und zwar auf
der Stelle."
"War das alles?" fragte LEA enttäuscht.
"NEIN, etwas gibt es da noch." Die alte Dame schien nach wie vor ziemlich aufgeregt.
"Ich hatte den PC abgeschaltet, das sagte ich
wohl schon, und als ich nun aufwachte,
war er in Betrieb und auf dem Bildschirm stand
ein Satz, den ich nicht einordnen
konnte, denn er stand in keinem Zusammenhang
mit den vorher ausgeführten Arbeiten....
da war groß und überdeutlich zu
lesen:
CODE PHILOMELE........"die Gruppe" "
"Nun," sagte der alte Berger bedächtig
und schien gar nicht weiter erstaunt,
"damit ist ja wohl klar, daß wir das
Team um eine weitere Person aufzustocken haben,
oder wie siehst Du das?" Er sah LEA fragend
an.
"Ja," LEA wandte den Blick nicht von der alten
Dame, "es konnte auch gar
nicht anders sein, denn in meinem ersten Gespräch
mit P H I L hat er
ausdrücklich erwähnt, daß
es nur zwei Personen in seinem Leben gebe,
denen er bedingungslos vertraue, und das seien
seine beiden Großeltern.
Irgendwie ist es also fast folgerichtig, daß Sie hier auftauchen." Sie sah Lys lächelnd an.
"Und Du bist die junge weibliche Person, die
ich in meinem Traum sah,"
stellte Lys befriedigt fest, wandte sich dann
aber unmittelbar an den alten Berger,
"nun komm, Pete, raus mit der Sprache, was
genau läuft hier, und in welcher Klemme steckt P H I L ?"
"In gar keiner, soweit ich das übersehe,"
meinte der Alte bedächtig,
"jedenfalls in keiner akuten Gefahr, und deshalb
schlage ich vor,
wir warten, bis er eintrifft, denn nach dieser
Nachricht auf dem Band hat
er so viel Neues zu berichten, daß wir
ihm eigentlich die Gesamtzusammenfassung
für Dich auch überlassen können,
was meinst Du Kind?" Er wandte sich an LEA.
"Ich bin zwar mehr als enttäuscht, daß
es nach dieser Bandnachricht nicht
zu einem direkten Kontakt mit "der Gruppe"
kommen wird, jedenfalls hört sich das so an,"
sagte LEA, "aber ich finde es auch richtig,
daß P H I L seiner Großmutter
die ganze unglaubliche Geschichte erzählt
und dann gleich die neueste Entwicklung dranhängt."
Sie hatte kaum geendet, als - diesmal hörbar
- ein Taxi vor dem Grundstück hielt und P H I L
heraussprang. Mit weit ausholenden Schritten
rannte er über die Zufahrt zum
Blockhaus und riß stürmisch die
Tür auf.
"Hey Lys," rief er noch im Eingang, "Du bist
mir schon angekündigt!"
Er riß seine Großmutter aus dem
Korbsessel, schloß sie stürmisch in die
Arme und tanzte mit ihr einige wilde Schritte
durch den Raum.
"Langsam, langsam Junge, sonst hört man
das Protestgeschrei meiner Knie bis Liverpool"
lachte die alte Dame.
Dann hielt sie ihn ein Stück von sich ab und musterte ihn aufmerksam.
"Gut siehst Du aus, mein Junge, aber sage mir
doch, was zur Teufel ist hier los,
und in welchem Zusammenhang steht das Ganze
mit mir?"
"Opa, koche uns einen Eimer Kaffee," sagte
P H I L und seufzte tief,
"wir werden ihn brauchen, denn dies hier wird
eine Viererkonferenz, die
unbedingt noch bis heute Abend zu Ergebnissen
kommen muß, denn die
uns verbleibende Zeit wird immer knapper."
Schon 10 Minuten später waren die Vier
auf dem Weg ins obere Stockwerk,
die notwendigen Sitzgelegenheiten hatte P
H I L bereits um den PC
angeordnet, und auf einem kleinen Beistelltisch
standen die hohen blauen
Kaffeebecher und zwei dicke Isolierkannen.
"Los nun," drängte Lys, "oder ich platze noch vor Neugier."
P H I L sprach fast eine halbe Stunde und ließ
nicht die geringste Kleinigkeit aus,
er versuchte, seiner Großmutter einen
derart lückenlosen Überblick über
sämtliche Geschehnisse seit dem gestrigen
Abend zu geben, daß kaum Fragen übrigblieben.
"So," schloß er endlich aufatmend, "und
nun sehen wir uns gemeinsam das Video
von heute mittag an, das ich auch noch nicht
gesehen habe, in dem dann aber
hoffentlich mein heutiger Kontakt mit der
Gruppenbeauftragten aufgezeichnet ist,
auch wenn ich noch nicht weiß, wie das
technisch möglich war, denn die
Verbindung war eine rein geistige über
ALPHA, weil LADY A. die Kapazität
unseres Großrechners nicht mehr nutzen
konnte, aus welchen Gründen, wird
dann sicher auch deutlich werden, laßt
uns also mal sehen."
Er schob die Kassette in das Abspielgerät und schon erschien das bekannte LOGO
Code Philomele
wie immer - von einem Feuerkranz umlodert -
auf dem Bildschirm, sofort
abgelöst von dem Bildnis von Lady A.
, das bei Lys sofort einen erstaunten Schrei auslöste.
"Das ist doch..." rief sie...
"Psst," sagte P H I L , "erinnere Dich, die
Gruppe hat dieses Gesicht gewählt,
weil sie mich auf das Zusammentreffen mit
LEA vorbereiten wollte, es bedeutet
sicher nicht, daß dies eine wirkliche
oder realistische Darstellung ist."
"Genau so ist es," sagte Lady A. , und jeder
der Vier hatte den Eindruck,
die Frau auf dem Bildschirm blicke ihm geradewegs
in die Augen.
"Unser äußeres Erscheinungsbild
ist für Euch nicht von Belang, wir hatten lediglich
die Aufgabe, eine Form zu wählen, die
Euch bekannt ist, und da schien es
angebracht, das Äußere von LEA
zu scannen, was den Nebeneffekt hatte,
daß P H I L sie sofort erkennen würde,
sobald er sie sah."
Nach diese kurzen Zwischenbemerkung lief auf
dem Bildschirm nur noch
die Unterhaltung zwischen Lady A. und P H
I L während seines Alphazustandes ab,
und danach erst sprach Lady A. erneut:
"Die Anwesenden werden aufgefordert, nun sofort
in Klausur zu gehen und die
ersten erarbeiteten Vorschläge noch heute
Abend vorzulegen, die Gruppe
wird die Diskussion verfolgen und dazwischen
Hinweise geben, falls diese sich
in eine falsche Richtung entwickelt.
Dies geschieht durch direkte Verschmelzung
mit dem Gehirn
der Person, die Lys genannt wird, denn nur
sie hat die dafür erforderliche
geistige Anlage...
"Wir sahen uns leider gezwungen, den gesamten
Kontakt örtlich zu verlegen,"
fuhr Lady A. fort, "denn unsere technischen
Aktivitäten zur Herstellung
der Verbindung liefen über den Großrechner
der ITE, waren aber derart
aufwendig und intensiv, daß dessen Kapazität
nicht ausreichte und die dortigen
Verantwortlichen bereits aufmerksam wurden.
Wir werden jedoch jeden Anflug einer äußeren
Einmischung durch Systemkontrollen
zu vermeiden haben und sind demzufolge auf
die Parabolanlage vor
diesem Haus ausgewichen.
Von hier aus ist es möglich, die benötigte
Energie aus unterschiedlichen
Richtungen abzuziehen und hier zu bündeln.
Dies ermöglicht uns eine
störungsfreie Verbindung. Allerdings
wird auch diese zeitlich zu begrenzen sein,
aber das wurde bereits hinreichend erörtert."
Der Bildschirm erlosch augenblicklich und ließ die kleine Gruppe etwas ratlos zurück.
"Nun," sagte der alte Berger dann, "damit wird
wohl klar, weshalb ich einbezogen
wurde, die Gruppe hat meine Anlage gebraucht
und kann sie nur nutzen,
wenn ich nicht selbst damit arbeite.
LEA ist im Team, weil sie im Kinderschutz tätig
ist, P H I L hat das Ganze
durch seine Visualisierungen vor dem PC der
ITE erst ausgelöst, und Lys ist
also eine Art Katalysator zwischen der Gruppe
und uns."
"Klar," rief P H I L , "es kann ja gar nicht anders sein, das erklärt also alles.
Als Esoterikerin ist Oma Lys grundsätzlich
aufgeschlossen für alles, das nicht
den üblichen, auf diesem Planeten bekannten
Abläufen entspricht, ihre
Einbeziehung als Medium damit also absolut
folgerichtig" schloß Phil.
"Redet nicht über mich, als sei ich nicht
hier," sagte Lys unmutig, "aber was LEA
und den Kinderschutzbund betrifft, liegt P
H I L sicher richtig, und deshalb
schlage ich vor, LEA sollte auch die Erste
sein, die jetzt beginnt, ihre
Vorstellungen als Projekt Nummer EINS vorzutragen,
denn wie wenig
Zeit wir haben, ist wohl sehr deutlich geworden."
Sie legte ihre Hand auf Lea's Arm und sah sie auffordernd an.
"O.k. , einverstanden," sagte P H I L , "wir hören."
LEA richtete sich in ihrem Sessel auf und begann
so unvermittelt,
als habe diese Aufforderung eine Sperre gelöst,
sie sprach schnell, präzise und wohlüberlegt:
"Wir verlangen von "der Gruppe" eine Liste
sämtlicher vermögender
und im einschlägigen Geschäft tätiger
Pädophiler, Päderasten, Pornohändler
und Kinderhändler weltweit und lassen
diesen per E-MAIL, Telegramm
oder Fax folgende Nachricht überspielen:
Jeder, der sein Bankkonto einen Tag nach dieser
Nachricht
geplündert vorfindet, wird feststellen,
daß sein Vermögen
auf das Spendenkonto der UNICEF - Unterabteilung
Kinderschutz -
geflossen ist.
Dies bedeutet für den Kontoinhaber, daß
er als Kinderschänder erkannt,
registriert und überwacht wurde und unbarmherzig
vor der Weltöffentlichkeit
geoutet wird, sofern er seine kriminellen
und menschenverachtenden Aktionen
nicht sofort stoppt.
Diese Warnung ist einmalig, sie wird nicht
wiederholt und führt ohne Ausnahme
und ohne Ansehen der Person zur weltweiter
Veröffentlichung von Namen,
Adressen und Lebensumständen der Betroffenen,
sofern diese auch durch
die Auflösung ihrer Privatvermögen
nicht von ihrem Treiben abzuhalten sind.
Gleichzeitig werden die Beweise für die
jeweiligen Vergehen den örtlichen
Polizeibehörden übermittelt. Falls
in den Kreisen der Justiz Sympathisanten
und Mittäter ausgemacht wurden, werden
unsere Ermittlungen an die
nächsthöhere Instanz weitergegeben.
Der Öffentlichkeit werden auf diese Weise
gleichzeitig die Verbindungen
zwischen sexueller Ausbeutung von Kindern
und korrupter
Strukturen innerhalb der Behördenapparate
offen gelegt.
Diese Nachricht erging zeit-und wortgleich
an die Presse weltweit und an alle
Regierungsoberhäupter.
Die Betroffenen haben also die Chance, auszusteigen,
und allein mit dem
Verlust ihres Vermögens davonzukommen."
LEA glühte vor Begeisterung, und als P H I L sie unterbrechen wollte, sagte sie hastig:
"Nicht jetzt bitte, denn an dieser Stelle sollten Sie alle einige Fakten kennen.
Es ist mir natürlich klar, daß damit
nur die kommerziell tätigen Kinderschänder
erfasst sind. Für diejenigen, die innerhalb
der Familien ihrem scheußlichen
Treiben nachgehen, haben wir ohnehin andere
Verfolgungsmechanismen zu finden.
Lassen Sie mich zuvor aber einige grundsätzliche
Dinge klären, denn ich kann
wohl davon ausgehen, daß Ihnen mein
Arbeitsbereich erst einmal fremd ist.
Was ich Ihnen also nun erzähle, ist nicht
nur meine eigene Sicht der Dinge,
sondern durchaus eine wissenschaftlich erarbeitete
Erkenntnis.
Triebtäter sind grundsätzlich nicht
heilbar, man kann das als genetischen
Defekt bezeichnen, besser noch als sexuelle
Abnormität, die in den meisten
Fällen nicht einmal jenseits einer Altersgrenze
als erloschen angenommen werden darf.
Es wird zwar in einigen wenigen Fällen
eine gewisse Triebdämpfung einsetzen,
aber die Gesellschaft muß akzeptieren,
daß Triebtäter prinzipiell durch keine
äußeren Einflüsse oder Therapien
zu heilen sind.
Damit sind sie auch nicht resozialisierbar.
Logischerweise resultiert hieraus die Erkenntnis,
daß es nur zwei Möglichkeiten
gibt, die Gesellschaft vor solchen abnormen
Menschen zu schützen.
Die Todesstrafe, oder die lebenslange Sicherungsverwahrung.
Wobei ich davon ausgehe, daß eine Person,
die aufgrund ihrer kriminellen
Handlungen die bürgerlichen Ehrenrechte
verloren hat, was immer auch
darunter verstanden wird, nun nicht bei der
Verfolgung dieser Tat den
grundgesetzlich verankerten Schutz für
sich beanspruchen kann.
Darunter fallen dann natürlich solche
Grundrechte wie Personen-und Datenschutz."
"Halt," Lys unterbrach, "man hat Einsprüche..."
Sie schloß die Augen
und sprach plötzlich in vollkommen veränderter
Stimmlage...die Drei
erkannten fast augenblicklich, daß Lady
A. , und mit ihr die Gruppe, sich eingeschaltet hatte.
Lys schien in einer Art Trance zu reden, war jedoch vollkommen ruhig und gefaßt, als sie sagte:
"Bis hierher stimmt die Gruppe zu, gibt aber
zu bedenken, daß die Möglichkeit
der Todesstrafe ausscheidet, weil die Spezies
Mensch inzwischen dahin
gelangt ist, ihre bloße Existenz absolut
überzubewerten.
Dies bedeutet, die Todesstrafe für solche
Vergehen, zumindest wenn sie mit
der Tötung einer vergewaltigten Person
enden, ist auch mit den Mitteln
dieser Gesellschaft derzeit nicht durchzusetzen.
Was nicht bedeutet, es wäre - wenn auch
mit enormem Zeitaufwand -
ein Umdenken in der westlichen Welt generell
nicht einzuleiten.
Das also wäre machbar, sollte aber sorgfältig
überdacht werden.
Im Laufe der Evolution ist die Menschheit -
genauer, die westliche Welt -
beim absoluten Schutz des Lebens angelangt
und wurde damit unfähig,
Fehlentwicklungen der eigenen Spezies entsprechend
zu verhindern.
Infolge dieser unlogischen und unsinnigen Vorstellung,
Leben sei
- gleich welcher Art und Qualität - in
jedem Fall schützenswert,
laßt Ihr auch Euere Alten nicht in Frieden
gehen, wenn ihre Zeit gekommen ist,
sondern reanimiert auch noch über 80jährige,
mit dem einzigen Erfolg,
daß deren Leiden qualvoll verlängert
werden.
Könnte man die Leiden der Kreatur, die
durch diese Entwicklung unnötig
ins Uferlose gesteigert werden, hörbar
machen, würden sie wahrscheinlich
alle anderen Tonquellen auf diesem Planeten
überlagern." Der Tonfall war
hart und kompromißlos geworden und Lys
verzog einen Moment gequält
den feinen Mund, als sei das, was sie in diesem
Moment sah,
unerträglich für sie, dann aber
fuhr sie fort:
"In keiner anderen Galaxis betreibt man u.
a. Eure höchst seltsame Art
der Geburtenkontrolle.
Nirgendwo sonst wird bereits keimendes Leben abgetötet.
Eine derartig barbarische Handlung ist außerhalb
Eurer Milchstraße
und darüber hinaus absolut unüblich,
weil sie in sich unlogisch und irrational ist.
In anderen Gesellschaften, deren Wachstum zwangsläufig
gedrosselt
werden muß, ist es eine Selbstverständlichkeit,
daß sich die männlichen
Exemplare einem kurzen Eingriff unterziehen,
denn die Natur hat es so
eingerichtet, daß dies mit den geringsten
Auswirkungen geschehen kann.
Außer ihrer Zeugungsfähigkeit verlieren
männliche Lebewesen durch
diesen medizinischen Eingriff absolut nichts,
und deshalb ist es für
Beobachter Eurer Galaxis unbegreiflich, daß
die zahlenmäßige
Beschränkung der Erdbevölkerung
seit Jahrtausenden von einer
Unzahl medizinisch/technisch höchst fragwürdiger
und komplizierter
Manipulationen an weiblichen Lebewesen abhängig
gemacht wird,
was bedeutet, der erste Schritt zur Zeugung
wird nicht etwa verhindert,
was logisch wäre, sondern zugelassen,
um ihn sodann gewaltsam und blutig abzubrechen.
Dies liegt natürlich an den Machtverhältnissen
auf diesem Planeten, die
anscheinend nicht umkehrbar sind...noch nicht.
Daraus resultieren dann auch noch viele andere
inhumane Abläufe,
die eigentlich abzustellen wären, wie
Kriege, Gewaltverbrechen
und außer der Vernichtung der eigenen
Brut auch die Ausrottung
anderer Gruppen mit der typisch menschlichen
Begründung,
die eigene Art müsse vor Überfremdung
geschützt werden,
und so dies nicht zu erreichen scheint, müsse
man Andersdenkende und
Andersgläubige entweder gewaltsam überzeugen
oder töten."
Lys hatte die Augen kurz geöffnet...sie
schien noch nicht zu Ende
zu sein mit ihren Ausführungen.
Sie sprach nach wie vor mit der Stimme von Lady A. und fuhr fort:
"An dieser Stelle wird Euch wohl klar werden,
wieso der Planet ERDE
in der Einschätzung unserer humangenetischen
Beobachter nicht
einmal einen Mittelplatz einnimmt.
Die Entscheidung, helfend einzugreifen, wurde
dennoch anläßlich
der letzten Konferenz der Gruppe beschlossen,
wenn auch nur mit
einer einzigen Stimme Mehrheit, dafür
aber ausdrücklich mit der Kennzeichnung
"bis auf Widerruf" versehen.
Nein, Philomele," Lys wandte sich gezielt an
P H I L , "als Projekt Nummer 2
kannst Du den Punkt *Änderung patriarchalischer
in matriachalische Machtgefüge*
auf dieser Welt nicht angehen, denn dazu müßte
ein genetischer Chip
entwickelt werden, der die bisherigen irrationalen
Abläufe verhindert.
Dieser Chip wird, sollten sich die dafür
erforderlichen Gegebenheiten nicht
grundsätzlich verändern, erst in
genau 350 Jahren anwendungsreif sein und,
ich sagte es schon zu Beginn, daß "die
Gruppe" solche Entwicklungen
nicht durch die eigene Technik pushen darf,
sondern hier nur rein
menschliche Erkenntnisse und Forschungsergebnisse
zum Ziel führen müssen.
Es wäre also in erster Linie die Erkenntnis
zu wecken, daß Leben an sich
nicht automatisch eine schützenswerte
Größe ist. Es gilt zu unterscheiden
zwischen lebenswert, was grundsätzlich
ausnahmslos der Betroffene
für sich selbst zu entscheiden hat, oder
purem Vegetieren ohne Lebensqualität.
Nicht zu vergessen u Leben, das gefährlich
für die Allgemeinheit ist, weil es durch eine genetische
Fehlentwicklung nur destruktive Auswirkungen
haben kann. Dies bedeutet, dass
durch seine Duldung andere, gesunde Lebensformen
gewaltsam ausgelöscht werden, ohne daß
die Gesellschaft hier schützend eingreift.
Wohlgemerkt, diese Unterscheidung ist heute
noch so zu machen, in ferner
Zukunft gelten wieder andere Maßstäbe,
dann nämlich, wenn Eure
körperliche Existenz in eine rein geistige
übergehen sollte.
Eine Vision noch, die aber erreichbar ist.
Erreichbar dann, wenn Ihr Eure Weichen entsprechend
umstellt.
Es gibt zwar in Eurem Grundgesetz einen Paragraphen,
der lautet:
Die Freiheit der Person ist unverletzlich.
Aber noch kann diese Person nicht einmal über
Ihren Tod frei entscheiden,
ohne daß da irgendwelche selbsternannten
Lebensschützer auftauchen
und diese freie Entscheidung um jeden Preis
verhindern wollen.
Ihr habt also noch einen sehr, sehr langen
Weg vor Euch, so lang,
daß die Gruppe beschlossen hat, den
ersten Versuch der Einflußnahme
in der Neuzeit Eures Planeten jetzt zu wagen,
es wird der letzte dieser
Art in Tausenden von Jahren sein, also nutzt
ihn.
Aber bedenkt:" Lys Stimme wurde seltsam eindringlich....
"Seid vorsichtig mit Euren Wünschen.
Deren Umsetzung könnte vollkommen neue
Probleme
aufwerfen, an die Ihr derzeit noch gar nicht
denkt..."
Lys lehnte sich aufatmend in ihren Sessel zurück
und schien am Ende
ihrer Erklärungen angekommen zu sein...sie
sah aus, als übernähme
sie erst in diesem Augenblick wieder die Kontrolle
über sich selbst.
LEA , P H I L und der alte Berger hatten gebannt
zugehört, die beiden
jungen Menschen hielten sich an den Händen
wie zwei verängstigte Kinder,
und alle sprachen lange Zeit nicht.
Endlich sagte P H I L :
"Ich sehe immer mehr, daß wir uns in
allererster Linie vor eingreifenden
Veränderungen hüten müssen,
die nur Teilprobleme lösen würden, ich
bin dafür, nach einer Art Test in einer
noch näher zu bezeichnenden
Sparte, die uns einheitlich als reformbedürftig
erscheint, mit einem
einzigen Handstreich für alle Zeit die
Weichen der Entwicklung
umzustellen, sofern dies überhaupt machbar
sein wird."
"Genau das ist der Punkt," sagte Lys, "wir
werden kaum die Zeit dazu haben,
denn diese Beeinflussung ist ja nun zeitlich
begrenzt.
Es handelt sich also nicht etwa um eine Option
auf ungebremste
Einflußnahme in beliebiger Zeit, sondern
es ist einzukalkulieren,
daß jede Möglichkeit zur Richtungsveränderung
des Weges der
menschlichen Rasse am 1. Januar des neuen
Jahres enden wird."
Sie wurde von drei aufgeregten Stimmen unterbrochen,
winkte
aber energisch ab und sagte:
"Ich zeige Euch hier keine selbst gewonnenen
Einsichten oder
Erkenntnisse auf, man spricht durch mich."
Sie schwieg eine Sekunde und sprach dann mit
ihrer eigenen Stimme
zügig weiter: "Genau so ist es, ich kanns
nicht erklären, nehmt es
einfach als gegeben hin.
Alles, was also nicht in diesen folgenden drei
Wochen eingeleitet,
ausgeführt oder geplant ist, kann nicht
mehr umgesetzt werden.
Dies bedeutet:
Wir VIER haben nicht nur exakte Ablaufpläne
zu erarbeiten,
sondern auch zu einer einheitlichen Betrachtungsweise
zu
kommen, denn langwierige Streitereien, was
wann zuerst
auf dem Terminplan zu stehen hat, gehen zu
Lasten des Ganzen."
Sie lächelte leicht süffisant.
"Das ist dann gleichzeitig auch ein Test, der
für die Gruppe klarmacht,
in welchem Maße menschliche Intelligenz
überhaupt fähig ist,
zum Nutzen eines großen Planes Eifersüchteleien
oder
Kompetenzgerangel der Geschlechter auszuschalten."
Lys Stimme hatte sich während der letzten
Sätze erneut fast unmerklich
verändert und nun sprach sie wieder exakt
im Tonfall von Lady A.
Ihre Augen waren erneut geschlossen.
"Du erinnerst Dich vielleicht, Philomele,"
wandte sie sich gezielt
an ihren Enkel, "daß Du zu Beginn unseres
Kontaktes nicht einmal
fähig schienst, unsere Einordnungen Deiner
femininen Wesenszüge
ohne Protest hinzunehmen, solltest Du also
nach wie vor nicht imstande sein,
den Zufall Deiner Geburt als maskulines Wesen
im entsprechenden Kontext zu sehen,
werdet Ihr Eure Zeit hoffnungslos verspielen,
denn es sind nur noch
drei Erdenwochen bis zum Abbruch aller Bemühungen.
Dies ist nicht etwa eine Schikane der Gruppe,
sondern bedingt durch
die Schließung des Zeitkanals, der uns
bis zum ersten Januar zur
Verfügung stehen wird und der die Verbindung
zwischen Euch und der
Gruppe überhaupt möglich gemacht
hat.
Eine weitere ähnliche Kontaktaufnahme
wird sich nach irdischer
Zeitrechnung erst wieder im Jahre 12100 ergeben,
und wir möchten
dann nicht gern auf eine irdische Wüstenei
blicken, weil es Euch nicht
gelungen ist, die humanitäre Entwicklung
Eurer Rasse abzusichern."
Lys schien nur langsam wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden.
LEA wandte sich plötzlich aufgeregt an P H I L :
"Hast Du mir nicht mal erzählt, es gebe
im Internet inzwischen eine
regelrechte Täter-Mafia, also jede Sorte
perverser Leute, die dort ihre
widerlichen Phantasien austoben?"
P H I L schien nicht zu bemerken, wie selbstverständlich
LEA vom
Sie zum Du gewechselt war.
"Ja, aber ich schätze nicht mehr lange,
ich arbeite gerade an einem
Programm, daß derartige Auswüchse
gezielt eliminiert, das heißt also,
weder die Leute, die derartige kranke Programme
ins Netz geben, noch
die Konsumenten bleiben anonym."
"Na wundervoll, aber hast Du in dem Zusammenhang
bedacht, daß
für die Beibehaltung dieser derzeitig
ausufernden perversen Tätigkeiten
die gleichen Gründe angeführt werden
könnten, die jedesmal genannt
werden, wenn es um die Schließung von
Bordellen und die Abschaffung der Pornographie geht?"
"Was meinst Du, LEA?"
"Nun, es heißt doch immer, wenn es diese
Einrichtungen nicht geben würde,
stiegen die Sexualstraftaten explosionsartig
an, also könnte auch den
sexuellen Spielchen innerhalb des Internet
von interessierten Kreisen
die gleiche Pufferfunktion zugesprochen werden,
wie heute den Bordellen.
Ich weiß, darüber läßt sich streiten," fuhr sie fort, "aber laß uns doch mal annehmen, es sei so."
"Ich glaube, ich weiß, was Du meinst,"
schaltete sich der alte Berger ein,
"denn dann, das liegt wohl auf der Hand, darf
es mit Deinem Projekt
Nummer EINS nicht aufhören, sondern Ihr
müßt gleichzeitig dafür sorgen,
daß diese kranke Brut nicht zur neuen
Bedrohung für ihre
Mitmenschen wird, indem sie sich andere, weniger
kontrollierbare
Wege zur Ausübung ihrer wahnsinnigen
Abartigkeiten sucht, wodurch
dann der Anfangserfolg verwässert würde
und alles den Bach runter geht,
weil wir ja nur diese kurze Zeitspanne von
drei Wochen haben werden,
grundsätzlich etwas auf dieser Welt zu
verbessern."
"Ja ja," sagte Lys unwillig, "das haben wir
ja alle nun kapiert, aber Du
sprichst, als sei Dir dafür gerade ein
Ausweg eingefallen, also raus damit."
"Es ist nur ein Gedanke, ich weiß also
nicht, ob "die Gruppe" fähig und
vor allem bereit ist, diesen Weg zu gehen"
sagte der Alte sinnend.
Dann, lebhaft werdend:
"Wenn man also auf Dauer diese triebhaften
und durch nichts zu
resozialisierenden Verbrecher weder einen
Kopf kürzer machen,
noch auf Lebenszeit in die Sicherungsverwahrung
geben kann,
dann muß man einen Weg finden, wie sie
ihre Abartigkeiten ausleben
können, ohne daß hieraus eine Gefahr
für Kinder oder die Allgemeinheit überhaupt entsteht.
Ja, ja, ich komme ja schon auf den Punkt...drängt
doch nicht so..."
Peter Berger hob den Finger und dozierte:
"Es müßte ein Traumprogramm geben,
nennen wir es doch kurzerhand
"TRAUMANIA", das unter staatlicher Aufsicht
an "Triebverbrecher" jeder Couleur
ausgegeben wird. Vielleicht sogar an Kriminelle
grundsätzlich.
Es muß einschaltbar sein wie ein Videorecorder,
mit dem einzigen
Unterschied, daß es den Träumenden
in die Geschehnisse einbezieht.
Es muß ihm die Möglichkeit lassen,
Abläufe zu verändern und sie
den jeweiligen Bedürfnissen seiner nächtlichen
Aktivitäten anzupassen.
Ein Programm also, das derart real ist, daß
es nicht als Traum, sondern
als gelebte Wirklichkeit empfunden wird."
Er stieß hörbar die Luft aus und sah sich unsicher um.
"Nicht übel," meinte LEA, "mir wärs
allerdings lieber, das Ganze
würde schon etwas verschärft, denn
einzusehen, daß man diese
abartige Bande nur mattsetzen kann, indem
man sie gewähren läßt,
das paßt mir nun absolut nicht, auch
dann nicht, wenn durch eine
solche Lösung in der Realität wirklich
keine Straftaten mehr
begangen würden, was so sicher ja kaum
sein wird, denn die
neusten Forschungen haben ja ergeben, daß
nicht der Trieb allein
diese Täter steuert, sondern auch nach
dessen chemischer oder
operativer Abschaltung weitere Straftaten
begangen werden.
Das aber kann nur bedeuten, es gibt neben
dem Trieb noch
eine grundsätzliche kriminelle Wesensstruktur,
und die kann
man nicht abstellen, zumindest heute noch
nicht."
"Nun, dann setzen wir noch eins drauf," sagte
Lys wütend,
"man kann ja den Einsatz des Traummania-Programms
an
die Bedingung knüpfen, daß für
den Personenkreis, bei dem
es angewendet wird, unabänderlich die
Todesstrafe ausgesprochen wird,
sofern der Benutzer eines solchen Programmes
je wieder straffällig wird.
Das gibt eine Absicherung auf Dauer, und auch
die Gegner der
Todesstrafe werden endgültig kapieren,
daß eine Gesellschaft
nicht humaner sein kann, die sogar ihren abartigsten
Mitgliedern
die Chance zur Selbstverwirklichung im vollen
Umfang zugesteht."
Die vier sahen sich an, und keiner sprach...
So soll es sein???...der Satz stand wie eine Frage im Raum...
***
Lady A. schaltete die riesige Bildfläche
ab, von der aus "die Gruppe"
das Vierertreffen in dem Landhaus beobachtet
hatte und sagte belustigt:
"Ob es ihnen noch rechtzeitig einfallen wird,
daß mit der Einführung
von TRAUMANIA ein neues Problem auftaucht?
Denn wer sollte
den Rest der Menschheit dann hindern, sich
Real-Träume jeden
beliebigen Inhaltes erstellen zu lassen, um
fortan jegliche eigene
Lebensführung aufzugeben, weil man sich
seine Erfolge ja Tag und Nacht erträumen kann?"
"Nicht nur das," tönte es aus der Runde,
"hat diese destruktive Horde
erst mal das Wissen um mögliche Traumsteuerungen,
werden die Anarchisten und Bösartigen
unter ihnen garantiert
nicht eher Ruhe geben, bis sie es geschafft
haben, in die Träume
ihrer Mitmenschen einzubrechen und deren Unterjochung
auf
diesem Gebiet ebenso zu betreiben wie zuvor
in der gelebten Wirklichkeit.
Alles möglich...Mit Traumania könnte
die Erde in nur 100 Jahren
verloren sein, jeder Fortschritt erloschen,
jede Innovation wird
nur noch im Traum erlebt. Umzusetzen und zu
erarbeiten braucht
niemand mehr etwas, man hat ja zu jeder beliebigen
Zeit seine eigene Realität."
"Heißt das, Daumen nach unten?" LADY A. seufzte resigniert.
"Nicht zwangsläufig," sagte ihr rechter
Nachbar zögernd, "vielleicht reicht es auch,
beim nächsten Kontakt die Aufmerksamkeit
dieser vier Menschen
mehr auf den Sektor Genforschung zu lenken.
Es ist zu erkennen,
daß Dein vorsichtiger Hinweis in diese
Richtung nicht Fuß gefasst
hat, er ging irgendwie unter.
Trotzdem aber sind diese Vier intelligent genug,
zu erkennen, daß seit
Bestehen ihrer Rasse immer wieder die gleiche
genetisch bedingte
Fehlentwicklung auftritt, vor allem zu beobachten
an
der maskulinen
Form dieser Spezies.
Es dürfte doch auf der Hand liegen, daß
es nicht gilt, an den Auswüchsen
herumzudoktern, die aufgrund der Konzeption
dieser gewalttätigen
und triebgesteuerten Art immer wieder das
Überleben der gesamten
Gesellschaft dieses Planeten in Frage stellen,
sondern gezielte
Genforschung mit dem Endzweck einer kompletten
human-genetischen Steuerung zu betreiben."
Ironischer Einspruch aus einer der zugeschalteten Galaxien:
"Oh Universum, um diese Aufgabe beneiden wir
Lady A. auf keinen Fall,
Ihre Schützlinge regen sich doch gerade
medienweit über
genmanipulierte Tomaten auf. Die Wahrscheinlichkeit,
daß
diese degenerierte Horde je erkennen wird,
daß sie selbst in
höchstem Maße einer genetischen
Manipulation bedarf, um
nicht nur zu überleben, sondern auch
die Weichen für den Weltfrieden zu stellen
also für eine umfassende humane Entwicklung,
ist tatsächlich äußerst gering."
.................................................................
"LEA, LEA"...sein Schrei hallte durch den im
Licht der Morgendämmerung
seltsam verfremdeten Schlafraum.
ER saß aufrecht in seinem Bett und hatte
Mühe, in die Wirklichkeit
zurückzufinden.
Die Tür wurde aufgerissen, und die Helligkeit der Flurlampe fiel in den Raum.
"Um Himmelswillen P H I L , was fällt Dir denn ein, Du weckst ja das ganze Haus auf."
"Ich habs LEA, ich habs...mein Gott endlich,
ich dachte schon,
es ist alles aus und ich finde den Einstieg
in die neue Serie
über gentechnische Veränderungen
überhaupt nicht."
"Das denkst Du doch jedesmal," sagte die schöne
Frau im
Türrahmen gelassen, "komm und erzähle
es mir beim Frühstück."
"Solange kann ich nicht warten, komm her, setz
Dich"
drängte er und zog sie auf die Bettkante.
"Also hör zu.. da ist ein junger Mann,
der arbeitet spät abends noch
in einem Computerzentrum, als plötzlich
von seinem Bildschirm eine Stimme ertönt:
"Wir könnten beginnen"
Die aufgeregte Stimme des jungen Autors verlor
sich in den Geräuschen
des erwachenden Hauses...das breit und behaglich
an die Spitze des Hügels geschmiegt schien...
Am entgegengesetzten Ende des Universums erhob sich tosender Beifall für Lady A. , denn:
Nichts ist, was es zu sein scheint.
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