Wo ist ein Mensch
der von sich sagen kann,
er habe nichts zu bereuen?
Elise Lensing an Hebbel 1853
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An diesem kalten regnerischen Novembertag war es im Strahleninstitut in der Friedrichstraße besonders ungemütlich.
In der weiten Halle saßen die Patienten, bemüht, nicht miteinander ins Gespräch zu kommen.
Es
war wie in allen Wartebereichen, man nahm sich wahr, registrierte jeden
Neuankömmling, mochte aber nähere Kontakte nicht aufnehmen.
Die Atmosphäre war von einer Kühle, die etwas Unmenschliches hatte.
Daran
änderte auch die Geschäftigkeit der rundlichen Assistentinnen in ihren
superkurzen weißen Kitteln nichts, die pausenlos von Raum zu Raum
liefen,
Namen aufriefen, Röntgenbilder stapelten und offensichtlich in keiner Weise von all dem berührt wurden, das sich hier abspielte.
Komisch dachte Lisa, wieso sind eigentlich alle drei derart mollig?
Sie
kam nun seit einem Jahr alle drei Monate zu den vorgeschriebenen
Kontrolluntersuchungen, doch immer gehörten die Damen an der Anmeldung,
obwohl sie ständig wechselten, zum Typ üppige Blondinen.
Wer immer sie einstellte, schien ein echtes Faible für ausladende Formen zu haben.
<font;_bold>
ER</font>
war müde, als er das Wartezimmer betrat; hatte sich auf mindestens eine
Stunde Wartezeit eingerichtet, aber das half ihm jetzt nicht viel. Er
schwitzte wieder.
Seit
er dieses Medikament einnehmen musste, hatte er zugenommen und
schwitzte bei der geringsten Anstrengung. Das war mehr als peinlich,
egal, wo es passierte, und je mehr er dieses Schwitzen zu unterdrücken
suchte - es wurde eher schlimmer.
Er
atmete erleichtert auf, als er auf einem Stuhl Platz nehmen konnte;
musterte die Umgebung, wischte sich wieder einmal verstohlen den
Schweiß von der Stirn und betrachtete die Leute, die mit ihm zusammen
auf ihre Behandlung warteten.
Sein Blick blieb auf der Frau haften, die ihm direkt gegenüber saß.
Da war sie ja wieder.
Eine ausgesprochen hübsche Person, etwas mollig vielleicht, aber dieses Gesicht...
Gerade und ebenmäßig geschnitten, schienen sich Schönheit und Weisheit in ihm zu vereinen.
Eine seltene Mischung! dachte er, irgendwie ungewöhnlich.
Heute
aber hatte er einen besonderen Grund, sie gründlicher zu betrachten,
als bei den bisherigen zufälligen Treffen in diesem Raum.
Er
wusste, sie kam schon ebenso lange hierher wie er, auch sie würde also
einer der Kandidaten sein, die alle drei Monate in dieser verfluchten
Praxis auf so was wie die erneute Freisprechung, oder aber auf das
Todesurteil warteten.
Das brachte sie einander unweigerlich näher, so empfand er es.
Seit Januar aber wusste er, sie hatte einen schreibenden Beruf.
Das hatte sich aus einer Unterhaltung mit einer anderen Patientin ergeben, die er zufällig mit anhörte.
Er
war fest entschlossen, sie diesmal anzusprechen, es schien ihm wie ein
Wink des Schicksals, dass gerade diese Frau, die sicher in der Lage
sein würde,
seine Situation voll zu erfassen, ihm hier und jetzt begegnet war.
Er würde seine Chance zu nutzen wissen.
Ihre Attraktivität spielte keine Rolle, er brauchte sie, das war klar.
Aber er brauchte sie als Autorin, alles andere war Nebensache.
Er seufzte leise, und sein Blick wanderte wieder zu der Frau gegenüber.
Überrascht
stellte er fest, dass sie ihn fast forschend anblickte, und dann
huschte ein kaum erkennbares Lächeln über ihr Gesicht.
Er konnte nicht anders, erwiderte dieses Lächeln und nickte ihr leicht zu...
Die
Fältchen um die Augen schienen die Zeichen eines heiteren und
ausgeglichenen Charakters, er sah es, als ihr Blick den seinen traf und
für Sekunden dieses Lächeln in ihren Augen erschien.
<font;_bold>Lisa</font>
hatte ihr Gegenüber im gleichen Moment wahrgenommen, als aus dem
üblichen desinteressierten Rundblick in dem vollbesetzten Raum, mit dem
Jeder Jeden zu betrachten pflegte, männliche Aufmerksamkeit wurde.
Sie
kannte diesen Blick, hier allerdings, obwohl auf die gleiche Weise
intensiv, schien es ihr, als erforsche dieser Mann sie auf eine sehr
viel subtilere Weise.
Es war eher, als versuche er, sie auszuloten. Seltsam und natürlich völlig unmöglich, sie musste sich getäuscht haben.
Sie erinnerte sich, ihn schon öfter hier gesehen zu haben, und immer hatte er geschwitzt.
Heute
war es besonders schlimm, sie konnte erkennen, wie unangenehm ihm das
war und bemühte sich, ihn nicht allzu eindringlich zu betrachten.
Er war groß, sie schätzte ihn auf etwas über 1.80, massiger Körperbau,
dichtes dunkles Haar, das er hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte,
etwas ungewöhnlich für sein Alter, er mochte Ende 50 sein, oder auch unwesentlich jünger.
Der dichte, gepflegte Vollbart verbarg zuviel von seinem Gesicht, als dass sie hätte sagen können, er sei gut aussehend.
Es waren die Augen, die auffielen:
Dunkel wie Bergseen, schienen sie ihre Umgebung zu analysieren.
Na
ja, sie lächelte, was sonst konnte man an diesem Ort schon tun, als
Menschen, die einem stundenlang gegenüber saßen, unauffällig zu
studieren.
Wer hierher kam, hatte mehr als eine simple Erkältung, und jeder wusste das.
Er wurde vor ihr aufgerufen; AHA, Cecil Parker, so hieß er also.
Außergewöhnlich für einen Bundesbürger, er musste Amerikaner sein.
Ihre Aufmerksamkeit war geweckt; in welchem der vielen Behandlungsräume würde er wohl verschwinden?
Sie
kannte sich inzwischen aus hier und wusste genau, wann ein Patient
intensiver Strahlentherapie unterzogen wurde, oder zu einer der
langwierigen
Diagnoseuntersuchungen beordert war.
Diagnose also, damit rückte ihr der Fremde irgendwie wieder ein Stück näher, so seltsam das auch klang.
Er hatte also die gleichen Ängste durchzustehen, und das in immer wiederkehrenden Abständen.
Die
Angst, irgendwann einmal würde dieses widerliche Gerät in dem Raum ein
Rezidiv anzeigen und das ohnehin nur noch schwache Gerüst ihrer
Widerstandskraft zertrümmern.
Die
Vorstellung, diese immer wiederkehrenden Abläufe würden noch mindestens
fünf weitere Jahre ihr Leben belasten, schien zuweilen unerträglich.
Lisa
erhob sich und wollte zur Rezeption gehen, um sich ihren Folgetermin
geben zu lassen, wurde aber am Ärmel gepackt und etwas unsanft
zurückgehalten.
Es war der Mann, der sie so intensiv betrachtet hatte, der Amerikaner, sein Name war ihr schon wieder entfallen.
Fast unsanft schob er Lisa zum Ausgang.
"Kommen Sie, holen Sie sich hier keinen neuen Termin, ich erkläre Ihnen alles draußen!"
Sie
war total überrascht, wollte seinen Griff abwehren, denn immerhin würde
sie gleich aufgerufen werden, sah aber dann sein entschlossenes Gesicht
und folgte ihm blindlings.
Sie hätte nicht sagen können, woher diese plötzliche Bereitwilligkeit kam, sich seiner Führung anzuvertrauen.
Es
war ansonsten so gar nicht ihre Art, sich dirigieren zu lassen, doch
dies, obwohl es einer Überrumplung gleichkam, weckte ihre Neugier.
Er sah aus, als sei in diesem Behandlungsraum etwas Entscheidendes passiert, etwas, das auch sie anging.
Wie
seltsam, sie vertraute der Urteilskraft eines völlig Fremden, schloss
sich ihm ohne lange Überlegung an, und, ebenso erstaunlich: Sie stellte
ihre Handlungsweise keinen Moment in Frage, ebenso wenig wie seine!
Gleichzeitig wusste sie aber, dass diese eher rationale Erklärung für ihre Nachgiebigkeit nicht die einzige war.
Ein
Blick in diese dunklen, intelligenten Augen und sie spürte das, was sie
innerlich immer "das Urvertrauen" genannt hatte, ein Gefühl, das sie
nach ihrer Kindheit zwar nie wieder empfunden hatte,
von dem sie aber immer wusste: es existiert!
"
Kommen Sie!" Er hielt noch immer ihren Arm im festen, unnachgiebigen
Griff, entschlossen, sie sofort aus dieser Praxis hinauszubringen.
"Ja, wollen Sie denn nicht?"
Er unterbrach sie schnell als sie versuchte, sich von ihm zu lösen;
"Nicht hier, suchen wir uns einen Ort, wo wir miteinander reden können, das Café gegenüber!"
Mit ihrem Widerspruch schien er erst gar nicht zu rechnen.
Das kleine Café war nur schwach besucht, und er ging ihr schnell voraus in eine kleine Nische neben der Kuchentheke.
"Zwei Kaffee", sagte er im Vorbeigehen zu der Bedienung und Lisa dachte amüsiert:
Welch ein rationaler Mensch, er verliert keine Zeit, was immer er auch vorhat.
"Ich
muss Ihnen vorkommen", er unterbrach sich, "nein, das trifft es nicht,
kommen wir sofort zur Sache, diese Praxis wird in aller Kürze
geschlossen werden.
Ich
habe im Nebenraum mitbekommen, dass der Leiter der Einrichtung ein
Telefonat geführt hat, das ich höchst alarmierend empfinde.
Jemand
- ich schlussfolgere, es handelte sich um eine Behörde - hat diesem
Oberguru mitgeteilt, dass sein Strahlungsgerät falsch eingestellt sei.
Ich
konnte deutlich mithören, denn er hatte die Lautsprecher nicht
ausgeschaltet und wusste offensichtlich nicht, dass ich bereits im
Nebenraum wartete.
Der genaue Wortlaut dieses Gespräches war alarmierend.
Der Gesprächspartner am anderen Ende sagte wörtlich:
<font;_bold>*Die Tests sind nicht zu Ihren Gunsten ausgegangen,
es wurden enorme Überdosierungen verabreicht,
die Todesfälle gehen eindeutig zu Lasten Ihres Hauses.*"</font>
"Cecil Parker, das ist Ihr Name?", sagte Lisa Domin und sah ihn an, als habe sie seine Worte nicht verstanden.
"Stimmt," sagte er kurz und schien nicht sonderlich verwundert, dass sie wusste, wer er war.
"Hat man Sie dort bestrahlt?" Lisa sah ihn fragend an.
"Nein, hat man nicht, noch nicht, aber ich hatte das Gefühl, als müsse ich Sie aus einer Gefahrenzone bringen."
Als
er das sagte, schien ihm zum ersten mal aufzufallen, wie seltsam er
sich verhalten hatte, als er sie und niemanden sonst aus dem immerhin
vollbesetzten Wartebereich entführt hatte.
Er sah sie an und begann erneut zu schwitzen.
Man sah ihm an, dass er begann, seine Spontaneität zu bedauern.
"Nein, nicht!" Lisa legte ihre Hand auf seinen Unterarm und sah ihn fast beschwörend an.
"Es war richtig, was Sie getan haben, ich war zwar nicht zur Bestrahlung bestellt, aber ich weiß nie, wann es dazu kommen wird.
Es war richtig!" wiederholte sie fast beschwörend, und ihre blauen Augen ließen ihn nicht los.
Aufatmend wischte er sich die Stirn ab und sah sofort weniger beunruhigt aus.
"Sie müssen nichts erklären."
Lisa war noch immer bemüht, ihm die Sorge zu nehmen, er könne sich ihr unerwünscht genähert haben.
"Dies war sehr wichtig und ich kann Ihnen nicht genug für Ihre Fürsorge danken!"
"Es
war wohl wenig rational," sagte er, sah aber nicht so aus, als sei es
dies, was er ausdrücken wollte, "zuweilen gebe ich meinem Instinkt
nach, und der riet mir, nicht einfach dort zu verschwinden, sondern Sie
mitzunehmen.
Den
armen Leuten, die dort bereits mit zu hohen Dosen bestrahlt wurden, ist
jetzt nicht mehr zu helfen, und neue Vorfälle dieser Art wird es
ohnehin nicht geben."
Seine dunklen Augen ließen sie nicht los.
"Sind wir im gleichen Boot?" Er sah sie fragend an.
" Ich denke ja." Sie wusste sofort, was er meinte.
"Seit wann wissen Sie es?" Er sprach mit ihr, als sei es unnötig , diese Frage zu spezifizieren.
" Drei Jahre jetzt."
Sie
zögerte nicht, ihm mit der gleichen Offenheit zu begegnen, es kam ihr
gar nicht in den Sinn, seine Frage als zudringlich zu empfinden. "
Drei Jahre Hoffnung, es kommt zu keinem Rückfall, aber auf der sicheren Seite werde ich wohl nie wieder sein."
Sie sagte das ohne jede Spur von Selbstmitleid, als beschreibe sie eine Tatsache schnörkellos und ohne Theatralik.
"Verdammte Krankheit - tückisch wie eine Spinne mit dem Blick auf ihre Beute!" Er lachte kurz und bitter.
"Aber sie wird mich nicht niederknüppeln!" Seine Stimme wurde zornig. "
Ich werde die Zeit noch nutzen, egal wie es sich entwickelt!"
"Um was zu tun?" Ihre Frage war kurz, aber von seltener Eindringlichkeit.
Er zögerte keinen Augenblick.
"Ich
habe etwas aufzuarbeiten, etwas zu sagen, bevor ich gänzlich verstummen
werde, es ist wichtig, für mich ebenso wie für meinen Sohn, der vieles
an seinem Vater dann vielleicht besser verstehen wird, als es ihm heute
möglich ist."
"Sie sind Schriftsteller?" Sie schien etwas erstaunt.
"In
diesem speziellen Zusammenhang wäre ich das wohl gern, es würde mir die
Mühe ersparen, nach einem geeigneten Ghostwriter zu suchen, der dann
vielleicht das, was ich wirklich sagen will, dennoch nicht ausdrücken
kann."
Er grinste sie schief an.
"Und was machen Sie?" Er schien ablenken zu wollen.
"Ich schreibe." Ihre Augen lachten.
"Ich
weiß," sagte er zu ihrem Erstaunen, "aber ich weiß nicht, in welchem
Bereich, genau das aber ist mehr als wichtig für mich."
Ehe sie ihrem Erstaunen Ausdruck geben konnte fuhr er fort:
"Denken
Sie jetzt nicht, die Geschichte mit der Überdosierung in der Praxis sei
lediglich erfunden, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.
Nichts dergleichen, es würde ja auch unweigerlich auffallen.
Nein, das stimmt schon alles, nur war es für mich die Tür, die ich auch ohne diesen Vorfall unweigerlich geöffnet hätte.
Mit
anderen Worten: Seit ich weiß, Sie haben im weitesten Sinne etwas mit
Schreiben zu tun, war mir klar, ich muss unter allen Umständen eine
Frage an
Sie stellen, deren Beantwortung von großer Wichtigkeit für mich ist."
"Sie
machen mich mehr als neugierig... als Erstes, ich bin Essayistin,
arbeite freiberuflich für verschiedene Magazine - aber was hat das
alles mit Ihrer Frage zu tun?"
"Heißt das, Sie könnten je nach Auftragslage frei über Ihre Zeit verfügen?"
Seine Stimme wurde immer eindringlicher.
"Na
ja, so kann man's sehen, muss aber dabei natürlich immer meinen
Kontostand im Auge behalten und die Tatsache, dass längere
Schreibpausen
nicht ins Konzept passen." Sie sah ihn aufmerksam an.
Er machte eine abwehrende Handbewegung.
"Das versteht sich wohl von selbst.
Würden Sie also erwägen, einen Auftrag anzunehmen, der nicht unbedingt in den Bereich Essay oder Kolumne passt?
Meinen Auftrag, zu Ihren Konditionen?"
Er wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn.
"Dazu muss ich wissen, worum es geht, ich bin nicht an irgendwelchen statistischen Aufzeichnungen interessiert."
"Nichts dergleichen." Er zögerte nur kurz und entschied sich dann für vollkommene Offenheit.
"Es geht darum, bestimmte Ereignisse aus meinem Leben in die passende Form zu bringen.
Sie
nicht etwa zu Gunsten guter Formulierungen zu verfälschen oder gar zu
verharmlosen, aber dennoch für einen bestimmten Leser – der mir
außerordentlich wichtig ist – erklärbar zu machen, ohne ihn mehr als
nötig zu beeinflussen."
"Das birgt jede Menge Konfliktstoff, Sie wissen das, oder?
Ich erkläre es Ihnen.
Nehmen
wir an, Sie liefern mir die bloßen Fakten, nehmen wir weiter an, ich
erkenne, auf welche Weise Sie diese Fakten, erzählerisch umgearbeitet,
weitergeben wollen.
Sogar
dann werde ich nicht wissen, wie Ihr Verhältnis zu diesem bestimmten
Leser derzeit ist, inwieweit er bereit ist, Ihnen zuzuhören und auch
nicht, was für ein Mensch dieser Jemand ist.
Also
werde ich darauf angewiesen sein, dass Sie mir all dies offen sagen,
denn ich muss beim Schreiben die Stimmung zwischen Ihnen beiden genau
erkennen können. Das verstehen Sie doch?"
Sie sah ihn eindringlich an.
"Ich
möchte nicht, dass es zu Unstimmigkeiten zwischen Auftraggeber und
Autor kommt, weil Sie irgendwann feststellen, dass meine Art zu
schreiben nicht das ist, was Sie brauchen."
"Das Risiko gehe ich ein, denn es wird keines sein, da bin ich sicher."
"Bitte
verstehen Sie mich", er griff nach ihrer Hand, "es hängt ganz von der
Entwicklung in diesem Strahlenschuppen ab, ob das, was Sie schreiben
werden, überhaupt in nächster Zeit seinen Empfänger erreichen wird.
Es kann ebenso gut sein, ich habe Gelegenheit, all das, was so schwer zu schreiben ist, mündlich anzubringen.
Betrachten Sie es also als eine reine Vorsorgemaßnahme.
Wenn es nicht allzu theatralisch klingt: Es ist ein Vermächtnis."
Die beiden Menschen saßen an diesem ereignisreichen Tag noch lange Zeit beieinander;
und
als sie sich endlich trennten, wussten beide, es hatte ein neuer
Zeitabschnitt begonnen - dies würde ungleich mehr werden als eine bloße
Zusammenarbeit.
***
Cecil Parkers Aufzeichnungen trafen noch am
gleichen Abend als Attachment zu einer Email bei Lisa Domin ein.
Sie druckte die Seiten sofort aus, und machte es sich auf dem breiten Sofa bequem.
Jetzt galt es, sich einzufühlen.
Sie
las, blätterte, ging wiederholt zurück in den Aufzeichnungen, die
ungeordnet waren und wusste sofort: Hier galt es, nicht zu übertreiben!
Wenn
sie ein Schicksal deutlich machen musste, das so von dem eines
Normalbürgers abwich, dann musste das ungekünstelt und ohne Pathos
geschehen. Die Ereignisse sprachen für sich.
<font;_bold>Aus den Aufzeichnungen des Cecil Parker</font>
Cecils
Traum, Pilot zu werden, scheiterte an einer geringen Sehschwäche, da er
aber sonst körperlich und geistig topfit war und sich für 4 Jahre
verpflichtete, wurde er einer Kampfeinheit zugewiesen.
Durch
eine mehr als unglückliche Nachlässigkeit bei der Bewachung nuklearer
Gefechtsköpfe wurde durch einen Materialfehler Strahlung freigesetzt.
Die Gesundheit der Bewacher - darunter auch Cecil - wurden unreparabel geschädigt.
Er wurde aus dem Militärdienst entlassen.
Was aber konnte er wirklich?
Da gab es nicht viel Auswahl
Nach
wie vor ein Idealist und wie die meisten jungen Menschen überzeugt,
dass eine Seite kämpfender Gegner unweigerlich zu unterstützen sei,
weil sie Recht, Ordnung und Moral auf ihre Fahnen geschrieben
habe, engagierte er sich dort, wo all das zu finden sein musste.
In jener Zeit gab es erneute Gerüchte über einen bevorstehenden Konflikt in Israel.
Es war nicht weiter erstaunlich, dass man Freiwillige mit Kampferfahrung nur zu gerne aufnahm.
Auf
weiteren Seiten schilderte Cecil Parker, dass kleinere Scharmützel an
der Tagesordnung waren und wie das Leben in seiner Einheit ablief.
Sein
Ruf war infolge seiner Treffsicherheit legendär, das meiste der Notizen
ergab einen deutlichen Blick auf die Denkweise eines Idealisten, der
sich innerhalb einer Gruppe glaubte, die nichts anderes als
Friedensabsicherung betrieb.
Es war ein anonymes Sterben, und es kam nie ein schlechtes Gefühl auf.
Bis auf jenen Tag... der seine Sicht grundlegend änderte.
Ein
Feuergefecht in völliger Dunkelheit, bei dem auf beiden Seiten mit
allen Mitteln gekämpft wurde und Cecil aufgrund seiner Treffsicherheit
als Scharfschütze eingesetzt war, endete im Morgengrauen.
Auf der gegnerischen Seite lagen 17 tote Jungen im Alter von vielleicht 13 – 16 Jahren in Militäruniformen...
Es
wurde nie geklärt, wie es zu dem Einsatz der kindlichen Schützen
gekommen war, aber die Presse stützte sich weltweilt auf dieses
unglaubliche Ereignis.
*
Die Schuld ...
Sie ist da, und sie ist allumfassend, durch nichts zu sühnen!
Die
Schuld liegt im Verkennen dessen, was Militarismus wirklich bedeutet;
und die Schuld wird dadurch größer, dass Cecil durchaus den Intellekt
zu dieser Erkenntnis hatte.
Aufatmend
legte Lisa die Blätter beiseite und wusste, hier wäre jeder Versuch,
die Ereignisse in eine literarisch anspruchsvollere Form zu bringen,
zum Scheitern verurteilt.
Diese
Geschichte brauchte keinen Rahmen, sie wirkte gerade durch ihre
Einfachheit und Offenheit, und wenn denn der wichtige Mensch, für
den sie geschrieben war, auch nur einen Funken Gefühl für Cecil hatte,
musste ihn das alles zutiefst berühren.
Lange starrte sie nachdenklich vor sich hin und dann wusste sie, wie sie ihrem Auftraggeber genau dies vermitteln musste.
Sie würde die Rolle des imaginären Empfängers übernehmen und ihm zeigen, wie die Wirkung seiner Beichte auf sie gewesen war.
Sekunden später schon saß sie am Computer und hämmerte in die Tasten:
<font;_italic>Zum ersten mal habe ich bedauert, einen Menschen nicht einfach an der Hand nehmen zu können.
Ich
wäre zu gern in der letzten Nacht mit Cecil zu meiner Lieblingsparkbank
am Rheinufer gegangen, nicht einmal, um im Gespräch etwas
aufzuarbeiten, denn dass dies nicht möglich ist, liegt auf der Hand.
Aber ich hätte Cecil festhalten und Trauer ebenso zulassen können wie Tränen.
Sollte
je wieder von Schuld die Rede sein, werde ich aufhören, dergleichen auf
eine der mir bisher bekannten Ebenen zu verlagern, die Relationen
würden nicht stimmen.
Wisse
also nur, Cecil wird nicht abgelehnt, nicht von mir und ebenso wenig
von dem Menschen, für den er diese Beichte geschrieben hat.
Er
wird akzeptiert wie er heute ist, denn alles, was man gegen den Mann
von damals sagen könnte, hat er sich längst bei tausend Gelegenheiten
selbst gesagt.
Er
kann aufhören, büßen zu wollen und davon ausgehen, dass niemand - nicht
einmal die Toten von damals - eine Rache dergestalt wollten, dass seine
Reue selbst zerstörend wirkt.
Das wäre in zu engen Kategorien gedacht.
Cecil
wird mit all dem leben müssen, das ist sicher, und nichts wird es je
auslöschen können, aber: Er hat das Recht, diese schrecklichen
Ereignisse nach Außen zu tragen, um sie "mittragen" zu lassen.
Die selbst erwählte seelische Einsamkeit, die in dieser Nacht zum Vorschein kam, muss er nicht leben.
Ich hoffe, er weiß das, mehr noch, ich sehe, er begreift es gerade. </font>
Alles Liebe - Lisa Domin......
In
dieser Nacht erkannte sie, dass dieser Mann immer in der Lage sein
würde, ihre Seele zu berühren und auch, dass sie nie aufhören würde,
die seine erkennen zu wollen.
Im
Norden der Stadt las der Mann ihre Zeilen und hoffte mit allen Fasern,
die Zeit werde sich nicht als sein Feind erweisen und ihm erlauben
herauszufinden,
ob "Zwillingsseelen" wirklich existierten.
***
