Inspektor Willis platzte der Kragen " zum Teufel damit," brüllte er ungläubig.
Er brüllte öfter, was dem Umstand
zuzuschreiben war, dass er sich in seinem
langen Polizistenleben noch immer nicht daran
gewöhnt hatte, dass seine Klientel
nicht mit normalen Maßstäben zu
messen war.
" Das Leben ist nicht so", sagte er dann mürrisch
zu Miralem Syks, der gelassen
vor ihm saß und keine Anstalten machte,
sich so zu benehmen, wie ein zum zweitenmal ausgeraubter Bürger.
Miralem lächelte, " kommt es nicht immer darauf an, durch welche Tür man gerade geht?
" Eben," Willis zog die Augenbrauen hoch und
sein fliehendes Kinn täuschte vergeblich Entschlusskraft vor.
" Die Wahrscheinlichkeit, dass hinter jeder
Tür durch die Sie gehen möchten, die gleichen
Leute darauf aus sind, Sie auszurauben, steht
1:zu unendlich
Ganz zu schweigen davon, dass es mich interessiert,
wieso Sie jeweils mit solchen
Summen nachts alleine unterwegs waren.
" Es war doch Weihnachtsnacht, damals wie heute,"
sagte Miralem ruhig, als erkläre das alles.
Er sah den Inspektor lächelnd an und
fügte dann hinzu; "In der Ristergasse treffen sich
schon seit 20 Jahren Punkt 23 Uhr die Obdachlosen
der Stadt und willkommen ist Jeder,
der irgendwann mal auf der Walz war oder es
noch ist."
" AHA, Altruist? Wollen Sie mir etwa erzählen,
dass Sie Weihnachten 1992 mit 25 000 Mark
in der Tasche den Weihnachtsmann für
die Pennergilde spielen wollten und heute,
zehn Jahre später, Ihre Mildtätigkeit
um weitere 10.000 Euro gesteigert haben,
obwohl man Sie schon damals um die gesamte
Summe erleichtert und Ihnen
dabei fast den Schädel gespalten hätte?"
Willis sah aus, als zweifele er nicht nur an
der Aussage seines Gegenüber,
sondern an der ganzen absurden Situation,
die ihn zwang, in der Heiligen Nacht ein
wahnwitziges Protokoll aufzunehmen, anstatt
mit den Seinen unterm Weihnachtsbaum zu sitzen.
Miralem sah den Inspektor an, als denke er
angestrengt darüber nach,
ob diese Beamtenseele jemals verstehen werde,
was ihn antrieb.
Aber dann wagte er es.
" Ich bin ein Mörder sagte er, einer von
der Sorte, die von der irdischen Justiz nie zu belangen sein wird.
Dennoch habe ich den Tod eines Menschen zu
verantworten. Einer Person die ich hätte retten können,
wenn mein Egoismus es zugelassen hätte,
die Verzweiflung eines Menschen ,
den ich meinen Freund nannte, wahrzunehmen.
Ich habe versagt und da das Schicksal zuweilen
die absonderlichsten Possen treibt,
hat dieser Tote mir eine gewaltige Summe vererbt.
Geld, das ich weder verdiene noch haben will.
Es wäre nun zu leicht, es wohltätigen
Organisationen zu übergeben,
aber das tilgte nicht halbwegs meine Schuld.
Er starb in der Heiligen Nacht und zwar einsam,
ohne Trost und ohne Hoffnung.
Es sind also die Hoffnungslosen, derer ich
mich in diesen Nächten anzunehmen habe und
das werde ich tun, bis von dem Ererbten kein
Sou mehr vorhanden ist.
Sie werden also vergeblich darauf hoffen, dass
ich Anzeige erhebe, oder sichergestelltes
Geld zurücknehme, es gehört den
Verzweifelten dieser Stadt."
Miralem erhob sich. " Es gibt nichts mehr zu
tun für Sie.
Frohe Weihnacht Inspektor," sagte er und seine
Augen drückten eine Traurigkeit aus,
die sogar diesem hartgesottenen Beamten klar
machte, dass sich hier etwas zugetragen hatte,
das nicht in seine Zuständigkeit fiel.