WOW, wieder einer dieser Tage, die man am liebsten abhaken möchte,
bevor
der erste Sonnenstrahl sich zeigt.
Gar nicht erst aufstehen, damit die
bereits lauernden Schmerzen keine
Chance bekommen, sich explosionartig über
beide Beine auszubreiten als
seien die Blutgefäße längst zu eng, den
Blutdurchfluss aufzunehmen?
Hat denn die Arthrose in beiden Knien nicht
gereicht?
Verdammt, so habe ich mir das Altwerden nun auch nicht
vorgestellt.
Außerdem sehe ich gerade am Fenster das ebenso alte Ehepaar
von
gegenüber in ihren Volvo steigen, zwar auch nicht mehr so fit
wie
früher, aber offensichtlich auf eine Weise beweglich, von der ich
seit
einem Jahr nur noch träumen kann.
Wird es Zeit?
Zeit zu planen
und nicht mehr einfach nur geschehen zu lassen?
Das Haus verlassen, sich
kleiner zu setzen, wer braucht schon 100 qm
Wohnfläche.
Entschlossen rufe
ich am PC die Angebote für *betreutes Wohnen* auf.
Hmm, wäre
bezahlbar.
Nicht bezahlbar dagegen die Appartements in den Senioren
Residenzen,
gänzlich indiskutabel.
Zwei Räume brauchte ich schon und die
sind dort nicht unter 2500 Euro
zu haben und das würde mir nicht einmal mehr
ein monatliches
Taschengeld lassen, nicht empfehlenswert wenn die Kosten für
die
Apotheke nicht mehr einplanbar werden.
Ganz zu schweigen davon,
dass DSL Anschlüsse für Computer dort wohl
nicht vorgesehen sind.
An
der Stelle beschließe ich, in den Garten zu gehen und nachzusehen,
ob Enkel
Tom den Rasen gemäht hat, ehe er sich entscheidet, mal wieder
nicht zuständig
zu sein.
Hat er natürlich nicht und ich versuche, den Rasenmäher aus
dem
Schuppen zu ziehen und wenigstens anzuschließen.
Dabei bleibts
natürlich nicht, eigentlich wollte ich ja nur testen, ob
er keine Macken hat,
doch ausnahmsweise läuft er ohne Stottern, da
wäre es doch reichlich sinnlos,
nicht doch zu versuchen ob.... .. ..
Es geht, ich lehne mich schwer über
das Gerät und versuche, mein
Gewicht einzusetzen das Ding vorwärts zu
treiben.
Erst der naheliegende Gedanke, dass ich es mit mindestens zwei
Wochen
Knochenschmerzen bezahlen werde,, mich aufzuführen als sei ich
keine
72, sondern zehn Jahre jünger, hält mich davon ab, jetzt trotzig
die
ganze Fläche zu mähen.
Außerdem, ich habe Tom für seine nicht
erbrachte Leistung bereits
bezahlt, also soll er endlich mal sowas wie
Verantwortung beweisen.
Deshalb bleibt der Rasenmäher mitten auf dem Gelände
stehen, der
Hinweis kann für einen Verweigerer wie Tom gar nicht deutlich
genug
sein.
Ein bisschen Unkraut zupfen? Soll ich oder doch lieber nicht?
Idee und
Wille sind sofort da, aber dann....mitten zwischen den Rosen
eine
kleine grüne Fläche und als ich bereits mordlüstern dem, was
der
Gärtner Unkraut nennt, an den Kragen gehen will, sehe ich es. Es
mag
Unkraut sein, aber...es ist eine winzige Kleeblattanhäufung, was
an
sich nicht verwunderlich wäre, aber alle dort sichtbaren
Kleeblätter
sind vierblättrig.
Unglaublich, die kann man doch ansonsten
nicht mal mit der Lupe
finden.
Ich werde den Teufel tun, die
auszuzupfen, ich lasse sie als
Glücksbringer stehen, auch wenn ich noch nicht
weiß, aus welcher
Richtung sowas wie Glück für mich kommen
sollte.
Immerhin kann man es aber schon als Glück bezeichnen, wenn man
für
seine Gelenke eine Salbe gefunden hat, die schmerzlindernd wirkt,
ohne
einem noch ein paar zusätzliche Hautirritationen zu hinterlassen.
Die
Erwartungen an das, was man Glück nennt, schwinden im
Alter
rapide.
Oder besser, sie verändern sich.
Tauchte nämlich
plötzlich der Traummann der frühen Jahre aus der
Versenkung auf, bedeutete
auch er nur noch eine zusätzliche
Anstrengung, auch wenn er selbst inzwischen
längst vergreist sein
wird.
Eine Bergwanderung zu planen, ist auch nicht
empfehlenswert, wenn man
zu Edeka an der Ecke nur noch mit Rollator kommt und
mit vor
Anstrengung pfeifendem Atem landet.
Ich sollte mich lieber im
Shop der Alltagshilfen für Senioren nach
dieser neuen Innovation für
Sockenanzieher umschauen, denn lange kanns
nicht mehr dauern, dass ich die
Beine nicht mehr auf den Hocker kriege
um die Socken
überzuziehen.
Prüfend wandere ich durch meine 100qm und denke darüber
nach, was
alles hier funktionell zu verändern wäre, um eine komplette Pflege
nur
mit ambulanter Unterstützung organisieren zu können.
Die Dusche,
ja, die müsste als erstes ebenerdig umgebaut werden. Kein
Einstieg mehr, der
einen zwingt, die Beine über ein Hindernis zu
heben.
Dann brauche ich
einen Aufsatz für die Toilette und feste Haltegriffe
in der Dusche wie auch
vor dem Klo.
Stürze sind tunlichst zu vermeiden.
Ja, das wäre eine
gute Investition fürs Alter. Alles bezahlbar,
ebenso wie die Putzhilfe
einmal in der Woche.
Dann brauche ich einen Notanschluss mit direkter
Verbindung zur
Zentrale.
Schon eine Woche später habe ich alles
organisiert und gerade
deinstalliert der Klempner mit heftigen Hammerschlägen
die Duschtasse
im Bad und eine Staubwolke zieht durch die offene Tür in den
Garten.
Ich bin gerüstet, vorbereitet für die Eventualitäten des
Alleinlebens
im Alter und auf eine sehr beruhigende Weise
glücklich.
Euphorisch glücklich zu sein, ist etwas für die Jugend, mir reicht
der
jetzige Zustand absolut...denke ich...und dann....
Steht es vor
meiner Tür, das per vierblättrigem Kleeblatt angekündigte
Glück..
Dreissig
Jahre jung, seines Zeichen Heilerziehungspfleger und nur
vorbei gekommen,
mich u.a. in die Funktion des Nottelefons
einzuweisen.
Er sieht seinem
Großvater auf eine Weise ähnlich, die mein Herz zu
einigen unkontrollierten
Schlägen veranlasst.
Dieselben lockigen dunklen Haare mit dem typischen
dreieckigen Ansatz,
dieselbe Art die rechte Augenbraue leicht hochzuziehen,
wenn er etwas
erklärt und vor allem, dieselben grünen Augen in einem
ansonsten eher
südländisch geprägten Gesicht.
Ich muss seinen Namen erst
gar nicht wissen, um ihn als Nachfahre des
Mannes zu erkennen, der vor
vierzig Jahren die Liebe meines Lebens zu
sein schien.
Als
eingefleischte PC Nutzerin wäre diese Einweisung für mich ohnehin
nicht
wirklich notwendig, aber das sage ich nicht, ich bin zu
sehr damit
beschäftigt zu verdauen, welche Bedeutung dieser Teil der
Vergangenheit wider
Erwarten noch für mich hat.
Von wegen abgehakt, von wegen nur noch der
Abklatsch eines Tsunami,
gerade scheint der mich zumindest minutenweise
erneut überrollt zu
haben.
" Ist Ihnen nicht gut?" Er sagt es
besorgt, eher teilnehmend als
beruflich motiviert.
Nein mir ist ganz
und gar nicht gut, aber ich wiegele ab. Das fehlte
ja noch, dass ich bereits
beim ersten Besuch dem Vertreter der
Organisation, die sich auf häusliche
Pflege spezialisiert hat, vor die
Füße rolle.
Aber mich ein bisschen
begriffsstutzig stellen, das könnte ich doch
versuchen, vielleicht
....
Mist, klappt nicht, er hat den PC entdeckt und geht nun
wie
selbstverständlich davon aus, dass ich die drei Knöpfe am
Nottelefon
funktionell auch dann noch begreifen werde, falls mich ein
jäher
Alzheimerschub heimsuchen sollte.
Obwohl ich per Internet alle
Preise für Zusatzleistungen schon kenne,
beginne ich den jungen Mann
auszufragen, wiesele dabei in der Wohnung
herum und bald durchzieht
köstlicher Kaffeeduft die Räume.
Natürlich informiert er mich umfassend. Als
künftige Bezieherin von
Essen auf Rädern, Haushalts-oder Einkaufshilfe werde
ich irgendwann
sowas wie ein gut zahlender Kunde sein.
Seine Prospekte hat
er auf dem Tisch ausgebreitet und schildert bei
einer Tasse Kaffee welche
Erleichterungen man sich im Alter auch mit
ambulanter Hilfe verschaffen kann,
ohne sein gewohntes Umfeld
verlassen zu müssen.
" Rufen Sie getrost
an, wenn sie etwas brauchen." er lächelt mich
freundlich an, "ich stehe dann
sofort auf der Matte."
Er reicht mir seine Visitenkarte und jetzt erst
sehe ich meine
Vermutung bestätigt, er heisst wie sein Großvater, Peter
Steinert.
Ich wage es. "Lebt Ihr Großvater noch?" Meine Stimme ist leicht
belegt
und ich räuspere mich.
"Ach, Sie kennen meinen Großvater?
Natürlich lebt der noch und wie,"
er lacht.
" Ich kannte ihn, vor
vierzig Jahren," ich versuche, meine Antwort
beiläufig klingen zu
lassen.
Peter junior zieht die Augenbraue auf die mir so bekannte Weise
hoch
und sieht mich sinnend an.
" Ich habe gerade erhebliche Probleme mit
dem alten Herrn," sagt er
dann und grinst dabei.
" Er hat auch Probleme
mit der Beweglichkeit, immerhin ist er ja
achtzig geworden, nimmt aber übel,
dass sowas auch mit dem Verlust der
einstigen Fitness einhergehen
kann.
Also habe ich versucht, ihm das Internet schmackhaft zu machen,
weil
ich denke, wer die Glieder nicht mehr wie gewohnt bewegen kann,
muss
nicht fürchten, dass sich das auch zwangsläufig auf den
Geist
ausweiten wird.
Er könnte dort alle die Gespräche führen, die er
gewohnt war und
die jetzt entfallen, weil viele seiner Gesprächspartner
inzwischen das
Zeitliche gesegnet haben, oder aber weit entfernt
wohnen,.
Wie ich sehe, haben Sie das ja für sich erkannt und
gelöst."
"Allerdings, ich muss aber zugeben, dass ich zwar geistige
Anregung
suche, dabei aber nicht unbedingt meine Diskussionspartner in
den
eigenen Räumen sehen will, da war ich dann schon immer ein
bisschen
eigenbrötlerich, während ihr Großvater in meiner Erinnerung eher
als
Hans Dampf in allen Gassen auftaucht."
Peter lacht, "allerdings,
deshalb fällt es ihm wahrscheinlich auch so
schwer, auf diese Lebensrolle zu
verzichten."
"Machen Sie ihm doch klar, dass er notfalls durchaus weiter
Hahn im
Korb sein könnte und seis auch nur im Forum der einsamen
Herzen,"
Jetzt bin ich boshaft und weiß es, denn Steinert senior hat
durchaus
andere Qualitäten, niemand weiß das besser als ich.
Immerhin
aber verschafft mir dieser spöttische Schlenker den nötigen
Abstand
zur augenblicklichen Situation und damit- wie ich hoffe -
auch zu
meinen Erinnerungen..
Ich stelle keine Fragen mehr und Junior
verabschiedet sich freundlich.
An der Tür wendet er sich noch einmal um.
"
Ich werde meinem Altvorderen sagen, wie toll sich sich organisert
habe, es
wird ihn sicher freuen zu hören, wie lebenswert das Alter
sein kann, wenn
man rechzeitig die Weichen stellt."
Ehe ich antworten kann ist er
weg.
Das war überflüssig Du alte Zicke murmele ich und schneide
im Spiegel eine Grimasse.
Der Ärger darüber, Steinert senior überhaupt erwähnt zu haben,
verursacht mir ein paar unerfreuliche Stunden, bis klar wird, dass ich
nicht einmal weiß, was unangenehmer wird, ob Peter der Ältere sich
jetzt
an seinen funkelnagelneuen Computer setzt und Verbindung
aufnimmt, oder
ebenso verbissen schweigt, wie wir es beide seit
vierzig Jahren
machen.
Eine Woche später wird diese Frage beantwortet.
Im Posteingang eine Mail, Absender Peter Steinert junior:
Hallo Frau Berner
Bin gerade dabei, meinem Großvater Outlook Express einzurichten
und er
besteht darauf, dass ich Ihnen folgendes schreibe:
Rem tene, verba squentur.
Beherrsche die Sache, dann folgen die Worte.
(Cato)
Ich vermute, er will damit ausdrücken, dass er das Mailprogramm erst
beherrschen will, ehe er selbst schreibt, kann mich da aber auch irren.
Freundliche Grüße Peter junior.
Ich antworte sofort;
s' ist eben manchen Leuten eigen,
dass ihnen Schlichtes nicht gerät,
sie müssen immer ins Fenster steigen,
auch wenn die Haustür offen steht.
(Emanuel Geibel)
Sein Großvater wird verstehen und....ich werde irgendwann einen
hochintelligenten Mailpartner mehr haben und zwar einen,
den ich kenne wie mich selbst, besser als ihm lieb war und ist.
Dass er es wagt, diese Verbindung wieder aufleben zu lassen,
kann nur
bedeuten, das Alter hat ihn einsichtig gemacht.
Niemand muss einen Kontakt abbrechen, weil zuviel Nähe droht.
Es kann und wird ein Gewinn sein, mit Jemandem offen und direkt
sprechen zu
können, der nicht nur auf die gleiche Weise tickt wie man selbst,
sondern mit dem man auch eine Menge Erinnerungen teilt.
Das eben ist Glück, das Glück des Alters.
Ich gehe in den Garten und wässere das Viereck mit den Kleeblättern.