Wann man im Leben die Entscheidung trifft, einen Weg zu gehen, den man für sich an den
einzig Richtigen erkannt hat, das mag unterschiedlich sein.
An den Zeitpunkt, der für mich diese wichtige Weggabelung deutlich gemacht hat, erinnere ich mich,
als sei es gestern gewesen.
Es ist zwanzig Jahre her und wir feierten meinen zwanzigsten Geburtstag.
Die Stimmung war mehr als gedrückt, denn ich hatte enorme berufliche Probleme.
Alle Gäste waren bereits gegangen und nur Jessica - auch heute noch meine beste Freundin - lag,
in den Sessel gelümmelt und nahm einen tiefen Schluck aus dem halbgefüllten Rotweinglas.
"Was ist ein Intimfeind;" sagte sie und sah mich neugierig an.
" Liegt das nicht auf der Hand," antwortete ich mürrisch, "das ist die
Sorte, die Dir nicht mal den Weg zur Toilette zeigen würde, wenn sie
wüsste, Dein Darm platzt gleich."
"Dann mach ihn fertig, ohne Rücksicht auf Verluste, denn schon
Thornton Wilder sagte; das Leben hat keinen Sinn, außer dem, den wir
ihm geben, also hau auf die Kacke und schleiche um den Kerl nicht
immer rum, als sei er nicht nur fähig, sondern auch in der Lage ,
Dein Leben zu vermiesen.
Frontangriff heißt die Devise Kindchen, nicht kneifen."
" Du hast gut reden, den müsste ich schon mit einem gezielten
Handkantenschlag in die Notaufnahme befördern. So nahe, mein Karate anzubringen,
werde ich ihm aber nicht kommen.
" Dann gib Dich zufrieden damit, die zweite Geige zu spielen, schließlich bist Du jung genug,
darauf zu warten, dass er mal ausfällt und dann "...Jessica schnalze genießerisch mit der Zunge
und säuselte dann mit gespitzten Lippen, " dann kreierst Du den Gästen im Nobelrestaurant
**Lukull** Deine hinreißenden Menüeinfälle, ich wette, wenn er zurück kommt, trifft er auf
eine begeisterte Gästeschar, die nicht mehr wegen ihm dort aufkreuzt, sondern wegen
Deiner Wachtel in Trüffelsoße, Deinem Filetsteak im Gemüsemantel

oder Deiner Bayerischen Creme auf Espressoschaum."

"Pah, erinnere Dich gefälligst, was geschah, als ich genau diese Menüfolge in der Meisterprüfung servierte.
Dieser alte Rosstäuscher saß doch in der Jury und hat einen Tag später genau diese Gerichte auf die Karte im
Lukull gesetzt und sich anschließend dafür von den hochkarätigen Gästen beklatschen lassen. Kein Wort darüber,
dass er in der Restaurantküche nicht einmal
die Zutaten zusammen gekriegt hatte und ich meine Kreationen in eigener Regie kochen musste.
Sei sicher, der lässt niemanden neben sich aufkommen und krank wird der auch nicht,
der kreuzt sogar mit einem Loch im Kopf am Restaurantherd auf, besonders, seit er
mich als ernst zu nehmende Konkurrenz gewittert hat. Ich habe im Gegenteil aufzupassen, dass er dem Patron
gegenüber seine eigenen Dispositionsfehler nicht mir in die Schuhe schiebt.
Genau das hat er letzte Woche getan, als die weißen Trüffel nicht rechtzeitig für ein
Eventbüfett aufzutreiben waren. Er hat den Engpass als mein Versagen angegeben und
sich diebisch gefreut, als der Patron mir androhte, einen weiteren Fehler ließe er mir nicht durchgehen.
Ich bin gar nicht erst dazu gekommen, diese Aussage seines Spitzenkoches als bösartige Unterstellung zu bezeichnen,
der Kerl genießt das vollste Vertrauen des Patron und ich bin neu und haben mich bisher nur durch ein
EINSER Prädikat der Meisterschule empfohlen, da sitze ich also für eine ganze Weile am kürzeren Hebel,
meine Liebe. Du kennst das ja, eine Frau als Meisterkoch, da sträubt sich bei diesen Machos noch immer das Gefieder."
"Ich denke, der hat auch seine Schwachstellen, säuft er nicht?"
"Ja und das jede Nacht nachdem das letzte Dessert serviert ist, aber, man muss zugeben, er säuft nicht bis
zum Verlust der Muttersprache, sondern doch eher kontrolliert, er wird nur spitzzüngig und noch boshafter
als er ohnehin schon ist."
Nach diesem Gespräch mit Jessica wusste ich, es wurde Zeit meine Möglichkeiten deutlich zu sehen.
Entweder ich wurde mit meiner Gastritis Dauergast beim Doc, oder ich musste kündigen und damit
eine Startrampe feige verlassen, um die mich jeder junge Meisterkoch heiß beneidete, zumindest solange,
bis er unter Mister Beaufort auf Lehrlingsniveau zurückgestuft würde. Oder aber, ich entschloss mich,
dieses Piranhabecken mit einem ausgeklügelten Plan auszutrocknen.
Zwei Wochen später ereigneten sich in der Küche des Mister Beaufort einige seltsame Dinge .
Wichtige Vorratslisten verschwanden auf unerklärliche Weise.
Fest vereinbarte Liefertermine wurden nicht eingehalten und die
Gesprächspartner konnten nachweisen, dass das Büro Beaufort falsche Zeiten
angegeben hatte.
Mitten in einer Konferenz mit dem Patron fehlten die
Kostenübersichten und zu allem Überfluss begann es plötzlich
bestialisch im Raum zu stinken, ohne dass die Ursache entdeckt wurde.
Beaufort hielt das Ganze eine Weile unbeeindruckt aus.
Die Pechsträhne würde vorüber gehen.
Als aber das Gerücht aufkam, der Patron erwäge, ihn auszutauschen
und er die Blicke des Küchenpersonals wie Schwerter in seinem Rücken zu
fühlen begann, wurde er zunehmend nervös.
Immer mehr Konzentrationsfehler unterliefen ihm, die Pannen häuften
sich.
Sein Zusammenbruch ereignete sich planungsgerecht einen Tag vor
der Ausrichtung einer Prominentengala und nach einer von vielen schlaflosen Nächten, in denen er
durch mysteriöse Drohanrufe panikartige Ängste entwickelt hatte.
Er wurde in eine Klinik eingeliefert.
Drei Tage später erschien seine Sekretärin mit der Nachricht zum
Krankenbesuch, dass dieses so wichtige Event ein rauschender Erfolg für die junge
Meisterköchin geworden sei. Sie übergab dem Kranken einen Strauß gelber Rosen
mit den besten Genesungswünschen , und einem Szenenfoto, das seine Meisterköchin
mit einem leicht sardonischen Lächeln im Kreis begeisterter Gäste zeigte. Auf der
Rückseite des Fotos gab sie sich dann eher rätselhaft ;
O, hättest Du von Menschen besser stets gedacht,
Du hättest besser auch gehandelt.
(Schiller, Wallensteins Tod)
Wenn es zutrifft, dass in jedem Menschen gleichermaßen Gutes wie Böses steckt,
so hat man dennoch immer die Wahl für welche Seite man sich entscheidet.
Vor der Rückkehr des Mister Beaufort verließ ich *das Lukull*, fest überzeugt,
dass ich das nie bereuen werde und ebenso sicher, dass Intrigen dieser Art aus einer
Gastritis irgendwann garantiert ein Magengeschwür machen werden. Die Erfahrung aber,
wie leicht es doch ist, Moral und Anstand auszuklammern, habe ich nie vergessen.
